Erinnerungen an Hartmut RiedererEin bayerisches Gesamtkunstwerk

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In diesem Kopf ging es rund: Hartmut Riederer vor seinen Büchern und anderen schönen Dingen.
In diesem Kopf ging es rund: Hartmut Riederer vor seinen Büchern und anderen schönen Dingen. (Foto: Elisabeth Riederer)

Hartmut Riederer malte, schrieb, schauspielte und philosophierte. Seit Jugendtagen war er mit Herbert Achternbusch befreundet. Eine Ausstellung in Bad Kötzting erinnert an seine Kunst.

Von Sabine Reithmaier

„Immer diese Sterberei. Ich sollte mich auch mit dem Tod auseinandersetzen, zusammensetzen, weil ich eine unheilbare Krankheit habe. Aber diese Auseinandersetzerei zieht mich nur hinunter.“ Um sich das zu ersparen, las Hartmut Riederer lieber Märchen und Gedichte von Rose Ausländer, dachte über die Quantenphysik und den Ursprung der Welt nach. Gestorben ist er Ende Mai 2025 trotzdem, wenige Wochen nach der Mail an den Maler und Puppenspieler Stefan Fichert, mit dem er sich fast bis zu seinem Tod austauschte, nachzulesen im Heft 161 der Zeitschrift „Literatur in Bayern“ (Allitera Verlag).

Hartmut Riederer war wohl das, was man ein Gesamtkunstwerk nennt. Er war Schriftsteller, Maler, Schauspieler, Philosoph, Rezitator, Briefschreiber und alles mit gleicher Begeisterung. „Er schäumte nur so vor dauernden Einfällen“, schrieb Schriftstellerkollege Bernhard Setzwein im Nachruf. Zum Schaum hatte Riederer übrigens eine gute Beziehung, seit er als Kind selbigen vom Weißbier des Opas schlürfen durfte. Kein Wunder, dass der „Schaumschlecker“, wie er sich in einem BR-Feature bezeichnete, in einem Achternbusch-Film problemlos ein Weißbier mimte.

„Ich wurde 1942 im Bayerischen Wald geboren, wo ich die sieben ersten Jahre meines Lebens blieb. Was hernach kam, ist unerheblich“, schrieb Riederer. Aber so ganz stimmt das nicht, auch wenn ihn diese Kindheit prägte. Von 1951 an lebte er in München, bis er und seine Frau Elisabeth „entmietet“ wurden und 2022 nach Neuburg an der Donau zogen.

Mit Herbert Achternbusch war er befreundet, seit er 14 und Achternbusch 18 war. Dessen Mutter war Tennislehrerin in Gauting, Riederer hatte Stunden bei ihr. Eines Tages fand die Mutter, dass ihr Herbert eine Ansprache brauche und Riederer, der „Philosoph“, ihm vielleicht guttäte. „Wir haben jahrzehntelang viel zusammen erlebt. Auch die erste große Reise. Die führte uns beide hinter Neapel. Da hatte der Herbert schon vier Kinder, aber ich hatte das Auto, einen uralten VW Käfer“, erinnerte sich Riederer. Später spielte er in dessen Filmen mit. Eines Tages überwarfen sich die beiden, was bei Achternbusch fast normal war.

Ganz anders die lebenslange Freundschaft zum Gautinger Stefan Fichert, der mit seiner Frau Susanne Forster die Figurentheaterkompagnie Puppet Players gegründet hatte. Weil Riederer Germanist war – er hatte in München auch noch Philosophie und Theologie studiert –, dachte Fichert, Riederer könne auch Theaterstücke schreiben. 1980 entstand „Ober, Unter, König, Sau“, eine Geschichte Bayerns der ganz anderen Art.

Was dann kam, fasste Riederer so zusammen: „Seit 1979 schrieb ich drei Stücke, die dem Kasperl gewidmet sind, andere Texte, Theaterstücke und einen Roman. Ich spielte Ziehharmonika, blies Trompete, trat in Klein- und Großtheatern auf, zeugte zwei Söhne, zog sie auf, baute Luftschlösser, träumte von Afrika, schrieb circa 22 000 Briefe, trank hektoliterweise Weißbier, spielte ein Weißbier, begann 1993 wilde Bilder zu malen …“

Erst 1993 entdeckte Hartmut Riederer die Malerei für sich und schuf Werke in Schwarz-Weiß.
Erst 1993 entdeckte Hartmut Riederer die Malerei für sich und schuf Werke in Schwarz-Weiß. (Foto: Elisabeth Riederer)

Das Malen entdeckte Riederer tatsächlich erst 1993 für sich. Anfangs galt er als Maler von Schwarz-Weiß-Bildern. „Das kam dadurch, dass er in den Neunzigerjahren einmal für zwei bis drei Monate in der Villa Waldberta der Stadt München malen durfte, dort aber im Winter das Wasser im Malhaus eingefroren war. So kam er auf Kreide und Kohle“, erinnert sich seine Frau Elisabeth Riederer. Großartig sind seine „Todesbilder“, die er zu Texten des von ihm verehrten Dichters Jean Paul zeichnete und radierte.  Er malte auch große abstrakte Ölbilder, fasziniert von Licht und Wasser und von der Donau.

Einige seiner Arbeiten sind die nächsten Wochen in einer Ausstellung in Bad Kötzting, seinem Geburtsort, zu sehen. Am Eröffnungsabend liest Bernhard Setzwein aus Werken Riederers, erzählen Elisabeth Riederer und Theaterregisseur Joseph Berlinger von dessen vielen Talenten.

Was wohl sein Vater dazu gesagt hätte? Der niederbayerische Regierungspräsident Johann Riederer hielt nicht viel von den Ideen des Sohnes und ließ ihn das auch ständig wissen.  „Mein Vater sah in mir, was er in sich befürchtete, und so mußte er mich anspucken, wie in Mekka der Teufel angespuckt werden muß. Das sind psychische Notwendigkeiten. Um die kommt einer nicht herum“, bilanzierte Riederer in einer seiner letzten Mails an Fichert die schwierige Beziehung.

Der ganz große Durchbruch blieb zeitlebens aus. Leider, denn künstlerische Gründe gab es keine. Vielleicht war Riederer zu skeptisch, glaubte zu wenig an sich selbst. Manche seiner Ideen waren auch nicht leicht zu verstehen.  So etwas wie eine Homepage brauchte er natürlich nicht.

„Es beschäftigt mich schon sehr, daß sogar Shakespeare und Goethe sterben mußten. Da stimmt doch etwas nicht“, schrieb er an Fichert. Beschrieb ihm wenig später die Chemotherapie: „Das ist, wie wenn Dir Obelix hinten eins drauf haut mit seinem Hinkelstein.“ Und kaufte sich noch ein Buch des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, nicht nur wegen der Quantenphysik, die darin vorkommt, sondern vor allem wegen des Titels: „,Weniger als nichts‘ hab ich mir gekauft, weil mein Vater immer schimpfte: ,Du bist ja weniger als nichts‘. Das Buch von Zizek hat aber über 1200 Seiten …“

Drüben am Ufer rufen die Bilder. In memoriam Hartmut Riederer. Freitag, 14.11., 19 Uhr, Casinolounge der Spielbank Bad Kötzting

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