Harald Lesch ist nicht nur Deutschlands bekanntester Astrophysiker, er macht auch keinen Hehl daraus, dass er so manchen Zeitgenossen gern auf den Mond schießen würde. Leugner des Klimawandels etwa oder Leute, die lieber die Mars-Besiedelung planen, als aufzuhören, die Lebensbedingungen auf der Erde zu ruinieren. Seit 2019 ist der Münchner gemeinsam mit dem Merlin Ensemble Wien international auf Tour mit dem Programm „Harald Lesch und die Vier Jahreszeiten im Klimawandel“.
Nun haben sich die Musiker und der Naturwissenschaftler entschlossen, ein eigenes Festival ins Leben zu rufen. Das „Lesch Merlin Festival“ findet vom 1. bis 3. August 2025 erstmals in Polling statt (Karten unter www.zuenftick.de). Nach dem Vivaldi-Lesch-Programm am ersten Abend folgen am zweiten „Walzer von Johann Strauss (Sohn) und große italienische Arien“ mit Lesch als Conférencier und Martin Walch, dem Leiter des Ensembles als Moderator. Am dritten Abend gibt es eine Weltpremiere: Harald Lesch liest aus „Laudate Deum“, dem Klimabrief des verstorbenen Papst Franziskus in der Textversion von Hermann Beil, musikalisch ergänzt von Martin Walch (Solo-Violine).
SZ: Funktioniert das denn? Harte Klimafakten und leichte Musen?
Harald Lesch: Für mich ist das eine unschlagbare Kombination. Mit Musik komme ich ans Herz! Das bin ich ja sonst nie, da bin ich immer nur hier oben in der Großhirnrinde. Und das Jahreszeiten-Programm haben wir schon in 50 Sälen vor 40 000 Menschen gespielt, die immer begeistert waren. Die Idee zu dem Projekt kam ursprünglich vom Merlin Ensemble.

Warum lesen Sie aus dem Papstbrief?
Der ist so wuchtig, dass die Dogmatiker unter den Theologen ihre liebe Mühe damit hatten, als Franziskus ihn veröffentlichte. Er zitiert keine früheren Päpste darin, sondern nur wissenschaftliche Organisationen, das hat es in der Enzyklika noch nie gegeben. Ich glaube, dass zumindest die katholische Kirche längst „ihren Frieden“ mit den Naturwissenschaften gemacht hat.
Und die Bevölkerung? Der Club of Rome und mit ihm viele Wissenschaftler haben bereits 1972 den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ vorgelegt und Nachhaltigkeit sowie den Schutz der Ökosysteme gefordert. Wollten das die Leute in letzter Konsequenz hören?
Die Grenzen des Wachstums betreffen das gesamte Wirtschaftssystem. Das ist inzwischen global, und der Gedanke, es damit aufzunehmen, verschreckt. Wenn wir über den Klimawandel sprechen, reden wir aber über die Konsequenzen des Abfalls dieses Wirtschaftssystems. Es hat sich aus unerfindlichen Gründen einem sehr ineffizienten Verbrennungsprozess verschrieben, anstatt schon viel früher zu sehen, dass alle Motoren möglichst elektrisch betrieben werden. Die sind fünf- bis sechsmal effizienter, und damit wäre auch viel weniger CO₂ in der Luft.
Aber jetzt? Alles verloren?
Sicher nicht. Das ist ein Festival gegen die Angst, gegen die eigene und gegen die Angstmache, gegen dieses Tool, das jetzt überall verwendet wird. Es ist ja nicht so, dass gar nichts zum Guten passiert wäre. Wenn Sie sich anschauen, wie die Emissionen heutzutage aussehen, zum Beispiel in einem Land wie Deutschland. Der Strom liegt bei knapp 63 Prozent erneuerbarer Energien. Die Gesellschaften im Westen sind nur sehr träge. Wenn es rabiat wird, sind diese Gesellschaften aber durchaus in der Lage, schnell zu agieren. Die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt zum Beispiel, Kalifornien, gewinnt schon fast 100 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Energien.

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Sind Klimakämpfer Miesepeter?
Im Gegenteil. Wenn es um Klimaschutz geht, trifft man dort bloß keine Pfauen wie sonst allerorten auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, sondern Menschen, die sich Sorgen machen. Das verbindet. Nur von außen betrachtet, mag man denken: Oh Gott, die Armen kämpfen wie Don Quijote gegen Windmühlen. Dabei geht es unter ihnen eher zu wie auf dem Campingplatz. Man leiht sich gegenseitig, was nötig ist, und die Stimmung ist positiv.
Wie motivieren Sie sich selbst?
Karl Popper hat mal gesagt: Es gibt keine Alternative zum Optimismus. Natürlich gibt es Momente, in denen ich als leidenschaftlicher Deutschlandfunk-Fan, die Sieben-Uhr-Nachrichten höre, mich umdrehe und denke: Heute stehe ich nicht auf. Ihr könnt mich alle mal.
Und dann?
Rappelt man sich doch wieder hoch! Ich bin realistischer Optimist. Ich weiß, dass vieles gut wird, auch wenn manches nicht funktioniert. An das müssen wir uns dann anpassen. Ansonsten schaue ich mir das Bild von Hannah Arendt an, das über meinem Schreibtisch hängt, und denke an ihren Satz: „Wenn Menschen zusammenkommen, kann man mit Wundern rechnen.“
Wunder? Sie sind gläubig?
Evangelischer Christ. Da heißt es Glaube, Liebe, Hoffnung. Hoffnung ist auf jeden Fall dabei, Liebe, soweit irgendwie möglich, und der Glaube, dass alles schon irgendwie werden wird.
Warum gehen Sie für dieses Festival ins Kloster?
Der Bibliothekssaal dort ist wahnsinnig schön und akustisch gut geeignet. Die Deutsche Grammophon und andere haben dort schon Aufnahmen gemacht, und gegenüber liegt der herrliche Biergarten der Klosteranlage. Das kann kein Fehler sein.
Der Saal hat 400 Plätze. Das ist nicht gerade viel, wenn man an die maximal möglichen Einnahmen denkt.
Ökonomisch ist das wahrscheinlich nicht die sinnvollste Lösung, aber an diesem Ort spielt zum Teil „Dr. Faustus“ von Thomas Mann. Er hat heuer sein Festjahr, und Martin und ich sind beide große Thomas-Mann-Fans.
Was würde der durchschnittliche Außerirdische tun, wenn er aktuell einen Blick auf die Erde wirft?
Ein Alien würde kehrt machen und augenblicklich auf seinem Raumschiff wieder wegfliegen. Ein Blick auf die vielen schrecklichen Kriege und das erneute Aufrüsten würde ihm genügen, um zu sagen: Die sind ja völlig ballaballa. Merken die denn nicht, dass sie nur gemeinsam auf diesem Boot arbeiten können?

