Nachruf:Hans Zehetmair, der späte Grandseigneur

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Nachruf: Der in der Nacht von Sonntag auf Montag gestorbene Hans Zehetmair. Das Archivfoto vom Oktober 2010 zeigt den ehemaligen bayerischen Kultusminister während eines internationalen Strategiesymposiums der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung, die er im Anschluss an seine politische Karriere leitete.

Der in der Nacht von Sonntag auf Montag gestorbene Hans Zehetmair. Das Archivfoto vom Oktober 2010 zeigt den ehemaligen bayerischen Kultusminister während eines internationalen Strategiesymposiums der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung, die er im Anschluss an seine politische Karriere leitete.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Wie aus der "allerkatholischsten Majestät" ein altersmilder Schöngeist geworden ist. Zum Tod des langjährigen bayerischen Kultusministers.

Von Peter Fahrenholz

Manchmal ist eine politische Degradierung für den Degradierten ein großer Glücksfall, auch wenn er das natürlich zuerst völlig anders sieht. Für Hans Zehetmair, der 17 Jahre lang bayerischer Kultusminister gewesen ist, ist es jedenfalls genau so gewesen. Als Edmund Stoiber 1998 das Ministerium wieder einmal teilte, in ein Schul- und ein Wissenschafts- und Kunstministerium, wollte er damit nicht nur sein Kabinett verjüngen. Er hoffte, damit auch Zehetmair loszuwerden. So wie es Franz Josef Strauß 1986 mit Zehetmairs Vorgänger Hans Maier gemacht hatte. Auch Strauß hatte das Ministerium damals geteilt (mit dem Haus war es ein ewiges Hin- und Her) in der Erwartung, dass Maier, dessen Widerspenstigkeit Strauß schon lange ein Dorn im Auge war, dann beleidigt hinwerfen würde. So kam es dann auch, ein Rumpfministerium mochte Maier nicht leiten.

Im Falle Zehetmairs ging Stoibers Rechnung allerdings nicht auf. Der empfand es zwar auch als demütigend, dass Stoiber ihm ohne jede Vorwarnung die Zuständigkeit für die Schulen entzog. Aber der "Erdinger Moosbüffel", wie ihn die längst untergegangene Woche einmal bezeichnet hatte, nahm die von Stoiber ohne Narkose vorgenommene Amputation tapfer hin - und fand damit ein spätes politisches Glück.

Eigentlich wäre Zehetmair gerne anstelle von Kurt Faltlhauser Finanzminister geworden, an Eitelkeit und Arroganz konnte er es mit dem smarten Honorarprofessor aus München jedenfalls locker aufnehmen. Aber Zehetmair erkannte schnell, dass er als Minister für Wissenschaft und Kunst "eigentlich meine Traumkonstellation bekommen habe". Natürlich hatte ihn die zunehmende Kritik an seiner Schulpolitik, die von wenig Reformeifer geprägt war, gekränkt. Zehetmair war lange Jahre die konservative Galionsfigur der gesamten Union in Bildungsfragen gewesen und hatte gegen alles gekämpft, hinter dem er linken Zeitgeist witterte. Gegen die Gesamtschule, gegen ein zwölfjähriges Gymnasium, das Stoiber seiner Nachfolgerin Monika Hohlmeier dann wenige Jahre später aufs Auge drückte. Umso eifriger verteidigte er dafür das Schulgebet.

"Seine allerkatholischste Majestät" haben sie ihn in der CSU genannt, weil Zehetmair auch der Vorsitzende des Katholischen Männervereins Tuntenhausen war, einer Herzkammer des bayerischen Katholizismus, die von vielen nicht nur als stockkonservativ, sondern als reaktionär empfunden wurde. Zehetmair war 1986 der Profiteur des Manövers von Strauß gegen Maier gewesen. Strauß hatte den damaligen Landrat von Erding angerufen und ihm die Position als Kultusstaatssekretär angeboten. Zehetmair soll zu Strauß gesagt haben: "Ich traue mir auch den Minister zu." Offenbar war Strauß von so viel Selbstbewusstsein beeindruckt, denn Zehetmair wurde tatsächlich aus dem Stand der neue Schulminister. Und nachdem Strauß 1988 gestorben war, wurde unter dessen Nachfolger Max Streibl das Ministerium auch wieder zusammengelegt. Wie gesagt, mit diesem Haus war es ein ewiges Hin und Her.

Nachruf: Gruppenbild mit Dame: Auf dem Foto vom 30. Oktober 1986 präsentiert der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß sein Kabinett. Rechts von Strauß, er ist der Fünfte von links in der vorderen Reihe, steht - halb verdeckt - Hans Zehetmair. Nach ihm kommen Max Streibl, Edmund Stoiber und Mathilde Berghofer-Weichner, damals die einzige Frau in der Staatsregierung.

Gruppenbild mit Dame: Auf dem Foto vom 30. Oktober 1986 präsentiert der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß sein Kabinett. Rechts von Strauß, er ist der Fünfte von links in der vorderen Reihe, steht - halb verdeckt - Hans Zehetmair. Nach ihm kommen Max Streibl, Edmund Stoiber und Mathilde Berghofer-Weichner, damals die einzige Frau in der Staatsregierung.

(Foto: dpa/SZ Photo)

Für Zehetmair war der multikulturelle Umgang mit Künstlern und Wissenschaftlern, für die er nun ausschließlich zuständig war, eine politische Spätveredelung. Aus der allerkatholischsten Majestät wurde ein zunehmend liberalerer Schöngeist. Auch in der CSU-Fraktion wurde Zehetmairs allmähliche Wandlung registriert. "Er muss sich nicht mehr ums Schulgebet kümmern, das ist sein Glück", hieß es damals in der Fraktion.

Und Zehetmair hat Spuren hinterlassen. Dass in München die Pinakothek der Moderne gebaut wurde, ist vor allem sein Verdienst gewesen. Mehrmals stand das Projekt auf der Kippe, doch Zehetmair hat jahrelang dafür gekämpft - und am Ende Erfolg gehabt. Zupass kam dem politisch gut vernetzten Zehetmair auch, dass 1998 in Berlin eine rot-grüne Regierung ins Amt kam. Mit dem kurzzeitigen Kulturstaatsminister Michael Naumann und der Bildungs- und Forschungsministerin Edelgard Buhlmahn hat er sich heftige Fehden geliefert und die Kulturhoheit der Länder erbittert gegen alle Ansprüche des Bundes verteidigt, die in seinen Augen Übergriffe waren. Über die Idee eines Bundeskultusministeriums hat er einmal gesagt, eine solche Institution sei "so unnötig wie ein Grippevirus".

Im bayerischen Kabinett war Zehetmair in seinen letzten Jahren eine Art Grandseigneur, der auch für Kollegen ein tröstendes Wort parat hatte. Vor Eintritt in die Tagesordnung bohrte Stoiber bei Kabinettsitzungen gerne in den Wunden seiner Untergebenen herum. Als sich der damalige Justizminister Manfred Weiß einmal in einem der gefürchteten Kreuzverhöre Stoibers heillos verhedderte, tätschelte ihm sein Nachbar Zehetmair freundschaftlich den Arm und raunte ihm zu: "Lass gut sein."

Bei der Rechtschreibreform gestand Zehetmair auch eigene Fehler ein

Vor der Landtagswahl 2003 kündigte Zehetmair seinen Abschied aus der Politik an, völlig freiwillig, wie er gern betonte, was natürlich geflunkert war. Denn er hätte gern noch ein bisschen weitergemacht, wusste aber ganz genau, dass Stoiber darauf erpicht war, sein Kabinett zu verjüngen. Dem wollte er zuvorkommen. Außerdem hatte Zehetmair listig vorgesorgt, dass er nach seinen langen Ministerjahren nicht plötzlich zu Hause auf dem Sofa sitzen musste. Zehetmair wurde 2004 Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung, ein Amt, das auch der damalige Landtagspräsident Alois Glück gern gehabt hätte. Aber weil Stoiber von Machtkonzentration außer bei sich selbst nur wenig hielt, war ihm die Kombination aus Parlamentspräsident und Stiftungsvorsitz suspekt und er entschied sich für Zehetmair.

Der konnte als Stiftungschef seiner Reiselust ausgiebig frönen und machte nur wenig Hehl daraus, wie schön er es fand, in dieser Funktion nicht jede seiner Aktivitäten mit dem Auswärtigen Amt absprechen zu müssen. Weit anstrengender war ein anderes Amt, das Zehetmair als Ruheständler übernahm. Als Vorsitzender des neugeschaffenen "Rates für deutsche Rechtschreibung" half er ab Ende 2004 mit, die schlimmsten Auswüchse der Rechtschreibreform zu reparieren, die er als Kultusminister selber mit auf den Weg gebracht hatte. Zehetmair gestand dabei auch eigene Fehler ein. "Sprache kann nicht politisch verordnet werden, sie muss sich entwickeln, sie muss wachsen", sagte er im Sommer vorigen Jahres im Gespräch mit der SZ.

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