Handys an bayerischen Schulen:Simsen und Spicken verboten

Handy-Nutzungsverbot an Bayerns Schulen

Verbot mit mäßiger Wirkung: Das Handy bleibt im Unterricht bei vielen Schülern eingeschaltet.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Eingescannte Spickzettel, Fotos von Schülerstreichen, gefilmte Schlägereien: In Bayern sind Mobiltelefone im Unterricht verboten - doch die wenigsten Jugendlichen halten sich daran.

Von Tina Baier

Eine Mittelschule irgendwo in Bayern: Vier Jugendliche stehen im Halbkreis um einen Jungen. Sie haben ihn in eine Ecke gedrängt, es gibt keinen Ausweg. Die Vier schubsen den Buben immer wieder gegen die Wand. Der versucht noch zu grinsen und sich seine Angst nicht anmerken zu lassen. Dann schlagen die Jugendlichen zu. Einer nimmt alles mit seiner Handykamera auf. Kurze Zeit später ist die Szene weltweit auf Youtube zu sehen. "Das war krass", sagt Burak Sahin, Landesschülersprecher für Berufliche Schulen in Bayern, der das Ganze damals miterlebt hat.

Vorfälle wie dieser waren der Grund für das Handyverbot, das seit Herbst 2006 an allen bayerischen Schulen gilt. "Im Schulgebäude und auf dem Schulgelände sind Mobilfunktelefone und sonstige digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden, auszuschalten", heißt es seitdem in Artikel 56 des Bayerischen Gesetzes über das Erziehungs- und Unterrichtswesen. Es dürfte das am häufigsten missachtete Verbot an bayerischen Schulen sein.

"Mindestens zwei Drittel der Schüler haben ihr Handy während des Unterrichts nicht ab-, sondern nur auf lautlos geschaltet", schätzt Fabian Geyer. Er ist 26 und macht gerade auf der BOS sein Abitur. In jeder Unterrichtsstunde seien mindestens drei Schüler unter der Bank mit ihrem Handy beschäftigt. "Sie simsen oder schauen einfach nur, wie das Wetter wird", sagt Geyer, der das Verbot zumindest für ältere Schüler für "völlig überzogen" hält. Einige Lehrer machten sogar in den Pausen Kontrollgänge. "Wer mit Handy erwischt wird, bekommt sofort einen Verweis." Neulich hat Geyers Handy mitten im Unterricht geklingelt, weil er vergessen hatte, das Gerät auf stumm zu schalten. Der Lehrer nahm es ihm ab. Es war Mittwoch, am Freitag sollte er es zurückbekommen. Geyer drohte mit Polizei und Anwalt. Schließlich bekam er sein Handy noch am selben Tag zurück.

"Wenn es im Unterricht läutet, muss der Schüler sein Handy abgeben", sagt Michael Fröhlich, der an einem Münchner Gymnasium Mathe und Physik unterrichtet und medienpädagogischer Berater für die Gymnasien in Oberbayern Ost ist. Reines Verbieten ist aus seiner Sicht aber zu wenig. Für ihn gilt das alte pädagogische Prinzip: Wer ein Verbot ausspricht, muss es auch durchsetzen können. Und genau das wird bei der Nutzung von Handys immer schwieriger. Immerhin besitzen mittlerweile 99 Prozent der Mädchen und 94 Prozent der Buben im Alter zwischen zwölf und 19 Jahren ein Mobiltelefon. Und nur die wenigsten vergessen, das Gerät auf lautlos zu schalten oder lassen aus Versehen den Vibrationsalarm an.

Mobbing per Smartphone

"Das Verbot löst die Probleme nicht", sagt auch Johannes Philipp, Referent für Medienpädagogik an der Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen. Eines der größten ist nach wie vor Mobbing: Da wird ein Schüler, der ein Referat hält, heimlich mit der Handykamera fotografiert, das Foto so bearbeitet, dass das Gesicht zur Grimasse verzerrt ist und anonym über das Programm WhatsApp an zehn weitere Handys geschickt, von wo aus das Foto dann wieder weitergeleitet wird. Noch bevor der Betroffene seinen Vortrag beendet hat, lacht sich die ganze Schule über ihn schlapp. "Den Kindern muss klar gemacht werden, welchen Schaden sie mit so etwas anrichten", sagt Fröhlich. Den meisten sei das nicht bewusst, auch weil sie die Reaktion ihres Opfers gar nicht mitbekommen.

Auch die alten Schülerstreiche wie etwa Kreide auf den Lieblingsplatz des Lehrers zu schmieren, bekommen durch die neue Technik größere Wucht: Innerhalb von Sekunden sieht nicht nur die Klasse, sondern die ganze Schule den Fleck auf der Hose. "Es wird alles angestellt, was geht, und sogar noch ein bisschen mehr", sagt Philipp. Auch Spicken hat in Zeiten des Smartphones ganz neue Dimensionen bekommen: Hefteintrag oder Buchseiten fotografieren, "rechts einmal rüberwischen, das war's schon", sagt Sahin. Ihm selbst ist aber das Risiko zu groß, denn heute wie früher gilt: Wer erwischt wird, bekommt eine Sechs. Viele Lehrer sammeln die Handys ihrer Schüler vor Prüfungen deshalb ein und legen sie vorne aufs Pult. Allerdings kommt es nicht selten vor, dass Schüler brav ihr altes Tastenhandy abgeben und unter der Bank das internetfähige Smartphone liegt.

"Es ist schwierig, etwas zu verbieten, was aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken ist", sagt Fröhlich. Es komme darauf an, Missbrauch zu unterbinden und das Gerät auf sinnvoller Ebene interessant zu machen. Seine Schüler dürfen ihr Handy zum Beispiel nutzen, um im Physikunterricht die Zeit zu stoppen, die Autos brauchen, um eine bestimmte Strecke zurückzulegen. Aus diesen Daten berechnen die Jugendlichen dann die Geschwindigkeit. In den Fremdsprachen können Handys benutzt werden, um Interviews oder Theaterstücke aufzuzeichnen und anschließend die eigene Aussprache zu kontrollieren.

"Viele Lehrer wissen gar nicht, dass die Handys der Schüler im Unterricht genutzt werden dürfen", sagt Philipp. Der zweite Teil des Handyverbot-Gesetzes lässt aber genau das zu: "Die unterrichtende oder die außerhalb des Unterrichts Aufsicht führende Lehrkraft kann Ausnahmen gestatten."

© SZ vom 17.01.2014
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