Handel:Nominiert für den "Shopping-Oscar" - neben Peking und London

Auch Textil-Einzelhändler aus der ganzen Republik pilgern ins Dreiländereck, um das Geschäftsgeheimnis von Garhammer zu ergründen. Das 1896 als Kolonialwarenhandlung gegründete Modehaus erstreckt sich inzwischen über mehrere Gebäude im historischen Zentrum des 10 000-Einwohner-Städtchens. Die Familie Huber verstand es, die Altbauten und sogar die Stadtmauer mit einer modernen Glasfassade in Harmonie zu bringen.

Aber das sind nur Äußerlichkeiten. Während der Umsatz in der Bekleidungsindustrie seit Jahren schrumpft, wuchs er bei Garhammer seit 2007 um gut 30 Prozent auf mehr als 45 Millionen Euro. Auch die Rendite liegt über dem Branchendurchschnitt. 2014 nominierte die Jury des "World Retail Awards", sozusagen des "Oscars" für Einzelhändler, Garhammer neben Galeries Lafayette in Peking und New Look Retailers in London als Kandidaten für die Siegertrophäe.

Modehaus Garhammer Waldkirchen

In der Herrenabteilung sieht man weitere Teile des historischen Mauerwerk.

(Foto: OH)

Der Handelsverband Deutschland kürte das Modehaus nach der Erweiterung auf 9000 Quadratmeter Verkaufsfläche zum "Store of the Year". HDE-Chef Stefan Genth bezeichnet Garhammer als vorbildlich darin, wie Einzelhändler erfolgreich gegen den Niedergang ankämpfen können, den der wachsende Online-Handel noch beschleunigt. Bis zu fünf Stunden, sagt Genth, betrage die "Verweildauer" bei Garhammer.

Die Gebrüder Huber haben das nie nachgerechnet. Aber klar, wer zwischendurch noch ins kaufhauseigene Sterne-Restaurant Johanns geht, die Aussicht von der Terrasse bei einem Kaffee genießt oder die Kleidung in die Express-Schneiderei gibt, der könne schon fünf Stunden oder länger bei Garhammer verweilen.

Beide sind selber meist den ganzen Tag im Kaufhaus, bis auf wenige Ausnahmen selbst an Samstagen, wenn besonders viel los ist und sich Warteschlangen vor den Kabinen bilden. Einer von ihnen steht wenn immer möglich am Pult, in der Nähe des Haupteingangs - noch so eine Besonderheit bei Garhammer. Das Stehpult dient als offenes Büro, an dem viele Kunden vorbeikommen und von dem aus der Geschäftsführer einen guten Überblick hat.

Die Inhaber investieren viel

Vieles erinnert an die britische Fernseh-Serie Mr Selfridge über die Anfänge des Kaufhaus-Gründers Harry Gordon Selfridge, deren Tipps, so man sie aus dem Film ziehen könnte, die Huber-Brüder beherzigen: völlige Hingabe ans Geschäft; der persönliche Draht zu den Kunden, zufriedene Mitarbeiter, neueste Ware, hohe Investitionen und gut sein für Überraschungen.

Christoph und Johannes Huber wissen, dass sie in der "Champions League" spielen, wie sie das selber ausdrücken. Und gerade vor dem Hintergrund ist es interessant zu erfahren, wie sie das Thema Digitalisierung angehen: überaus besonnen und vorsichtig. Einen Online-Shop im herkömmlichen Sinn, in dem Kunden das kaufen können, was es auch im Laden gibt, betreibt Garhammer nicht. Christoph Huber, 47, sagt, sie seien sogar froh, dass sie ihre Online-Pläne 2011 wieder in der Schublade haben verschwinden lassen. "Das hätte nicht gut funktioniert."

Auch der Online-Shop ist individuell

Inzwischen haben sie sich auf das sogenannte "curated shopping" fokussiert, auf individuelle Bekleidungsangebote, die sie über das Internet machen. 2016 verschickten sie etwa 1600 Pakete an Kunden, die auf das Angebot angesprungen sind, mit jeweils zwei persönlich abgestimmten Outfits. Meist kommt mindestens eines davon wieder zurück, das ist bei Garhammer auch nicht anders als bei Online-Profis wie dem Modehändler Zalando. Geld verdienen sie damit noch nicht. Aber sie wissen, das ist die Richtung, in die sie gehen wollen, mehr Online-Beratung der Kunden.

Damit bleiben sie bei dem, was Garhammer über die Jahrzehnte ausgezeichnet hat: der Service am Kunden. Dass der im Mittelpunkt steht, ist ja eine unter Managern beliebte Sprechblase, die oft nichts mit der Realität zu tun hat. Den Brüdern Huber scheint es aber ziemlich gut zu gelingen, sie mit Leben zu füllen.

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