Im Nebel hockt ein Mädchen. Ihre Haare sind zerzaust. Ihr Gesicht blass, Blut um die Lippen. Was macht sie hier? Das gedimmte Neonlicht flackert. Das Mädchen beginnt zu singen. Sie zitiert einen Kinderreim. Mit ihrer Hand deutet sie in eine Richtung. Dorthin soll die Besucherin gehen, um aus dem Labyrinth zu gelangen. Kann sie dem Mädchen trauen? „Ehne, mene, miste – es rappelt in der Kiste“, singt das Mädchen. Die Besucherin geht nach links, so wie es ihr geraten wurde. „Ehne, mene meck …“, singt das Mädchen.
Kettensägengeräusche durchschneiden den Gesang. Ein Mann mit blutüberströmtem Bart und manischem Grinsen springt aus der Dunkelheit hervor: „Und du bist weck“, brüllt er und läuft auf die Besucherin zu. Zitternd fleht sie: „Bitte hör auf! Ich mache mir ohnehin schon in die Hose.“
Die Hetzjagd durch das Labyrinth beginnt. Hinter der nächsten Biegung lässt der Mann jedoch bereits von der Besucherin ab. Und schlendert mit geschulterter Kettensäge zurück in sein Versteck. „Hat die sich krass erschreckt“, sagt er. Lachend wendet er sich an das Vampirmädchen: „Die kaufen es dir aber auch jedes Mal ab, nach links zu laufen.“

Lachen? Das dürfen hier nur die wenigsten: Rund 160 Erschreckerinnen und Erschrecker machen den Bayern-Park nahe Dingolfing unsicher. An den Oktoberwochenenden verwandeln sie den sonst so idyllischen Familienfreizeitpark in ein Reich des Schreckens. Während der „Weiß-Blauen Albtraumnächte“ regiert hier nicht mehr das freundliche Maskottchen Franz-Xaver, ein bayerischer Löwe in Tracht, sondern es herrschen allerlei Spukgestalten. Für sie ist Erschrecken kein netter Wochenendjob, sondern eine Leidenschaft – die Freikarte, die es pro Spieltag als Aufwandsentschädigung gibt, ist da eher Nebensache. In fünf verschiedenen Themenlabyrinthen treiben sie als Zombies, Clowns und Vampire ihr Unwesen.
Einer von ihnen ist Andreas Stark. Unter der Woche arbeitet er als Vorarbeiter bei einem Automobilkonzern. An den Wochenenden versetzt er zusammen mit 24 weiteren Blutsaugern das „Tollhaus“ in Angst und Schrecken.
Als seine Kettensäge mit einem kläglichen Jaulen verstummt, hört man Stark schwer atmen. Unter den ersten beiden Tagen als Erschrecker hat seine Stimme bereits schwer gelitten. Er hustet, lehnt sich gegen die kalte Wand des Labyrinths und prüft den Füllstand seines „Spielzeugs“.
Im grell-weißen Licht des Displays wirkt sein Make-up noch bedrohlicher. Einzelne Strähnen seiner langen Haare hängen ihm ins Gesicht. „Saft der Kettensäge im Tollhaus fast leer“, tippt er. Schreie gellen durch die Finsternis. Schnell lässt er das Handy in seine staubige Hose gleiten. Er macht einen weiteren Schritt in die Dunkelheit. Jeden Moment könnten neue Opfer – oder, wie er sie nennt, „Gäste“ – seinen Abschnitt betreten.

Noch einmal versucht Stark die Kettensäge zu starten. Ein letztes Ächzen, dann ist sie endgültig leer. Erneut ein Schrei, diesmal viel näher. Seine Kollegin, ein Vampirmädchen, beginnt krächzend zu singen. Schritte nähern sich. Vorsichtig legt Stark die Kettensäge auf dem Boden ab. Das Vampirmädchen nickt – Starks Signal. Er stürzt los. Noch bevor die Gruppe richtig begreift, was passiert, steht der Vampir schon hinter ihnen.
Spätestens hier wird klar, warum Stark einen Vampir verkörpert: Kein sperriges Kostüm, keine Latexmaske, die die Sicht einschränkt. Nur blasses Make-up, eng anliegende Unterziehkleidung und eine ausrangierte Munitionsjacke – genug Bewegungsfreiheit, um auch ohne Kettensäge blitzschnell zuzuschlagen. Eine andere Rolle könne er sich ohnehin nicht vorstellen, erzählt er: „Ich muss einfach laufen, reden und mich bewegen können – ich wäre kein guter Zombie.“

Um jemanden vernünftig erschrecken zu können, braucht es jedoch etwas mehr als ausrangierte Kleidung. Deshalb saß Stark bereits zwei Stunden vor Schichtbeginn in der Maske: Während es dämmert, verlassen die letzten Kinder den Park. In einem abgesperrten Bereich stimmen sich die Untoten auf den bevorstehenden Spuk ein. Auf einer Bank hockt eine Vampirin im Lederkostüm und häkelt. Einige Zombies, denen Latexpilze aus der Stirn wachsen, bedienen sich am Buffet. „Gestern hab’ ich eine zum Heulen gebracht“, erzählt einer von ihnen stolz. Ein großer Mann mit Wikingerzopf betritt den Erschrecker-Bereich. Auf seinen Backen glitzern grüne Blumenranken. Er hat schon eine Schicht im Kinderlabyrinth hinter sich. „Bist du hübsch!“, sagt eine der Vampirdamen und prustet los. „Pink fluffy unicorns dancing on rainbows!“, beginnt ihr funkelndes Gegenüber zu trällern. Dann hopst er zu den Abschminktüchern.

Auch Stark kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Gerade verteilt er großzügig Kunstblut in seinen Bart. „Andy, heute siehst du aber wieder richtig greislig aus!“, ruft ihm seine Schwester, ebenfalls ein Vampir, im Vorbeigehen zu. „Gleichfalls, Sabrina“, erwidert Stark. Seit vergangenem Jahr sind die Geschwister Teil der Erschrecker-Familie. Schon länger wollten sie als Horrorbegeisterte wissen, „wie es so ist, auf der anderen Seite zu stehen“ – nicht als Gast, sondern als Monster. Dann stießen sie auf einen Facebook-Post des Bayern-Parks: „Erschrecker gesucht“.
„Spielzeugverteilung!“, hallt es durch den Schminkraum. Gemeinsam mit den anderen Vampiren geht Andreas Stark Richtung Ausgang. Dort wartet die Leiterin der Kostümabteilung mit ihrem „Spielzeug“. Nacheinander drückt sie ihnen Eisenketten und Baseballschläger in die Hand. Stark erhält seine Kettensägen-Attrappe. Schlagartig weicht sein freundliches Lächeln einem irren Grinsen. Starks heutige Position: eine dunkle Abbiegung. Seine Aufgabe: „Jagd durchs Labyrinth.“ Nach rund drei Stunden Vorbereitung kann der Grusel beginnen.
18 Uhr – die erste halbe Stunde von Starks Schicht ist vorbei. Heute hat er bereits eine beträchtliche Zahl an Schreien geerntet. Eine Gruppe junger Männer und Frauen schlendert gemütlich durch den künstlichen Nebel. „So, und wo geht’s jetzt lang?“, fragt eine junge Frau. Die Vampirin deutet nach links. Die Gruppe läuft in die andere Richtung. Das Zeichen an Stark kommt zu spät. Mit Verzögerung startet er die Kettensäge und beginnt hämisch zu lachen. Daraufhin merkt einer der Männer an: „Deine Motorsäge ist ganz falsch eingestellt und müsste geschliffen werden.“ „Ich zeig’ dir gleich, wie gut die funktioniert“, erwidert der Vampir. Die Gäste kichern und gehen weiter.

„Bring sie zum Heulen, Andy!“, hallt es kurz darauf dumpf durch die Gänge des Labyrinths – eine Aufforderung eines besonders motivierten Vampirkollegen. „Ich versuche mein Bestes“, ruft Stark zurück. Die heutige Stelle ist für ihn besonders herausfordernd. Für ihn ist es wichtig, sich an der Körpersprache der Gäste zu orientieren: Jeder ist anders und erfordert eine individuelle Reaktion, um erschreckt zu werden. Wenn er die Besucher jedoch vorher nicht sieht, wird die Aufgabe noch schwieriger. Der nächste Schrei lässt gleichwohl nicht lange auf sich warten.
Als die letzten Gäste gegen 22.30 Uhr das Labyrinth verlassen, verstummen die Kettensägen und das Klirren der Ketten. Zombies und Vampire schlurfen gleichermaßen erschöpft zurück in den Schminkraum. Provisorisch wäscht sich Stark das Kunstblut aus dem Bart, schlüpft in seine Alltagskleidung und hängt das Kostüm bis zum nächsten Wochenende an den Haken. In wenigen Stunden beginnt für ihn eigentlich seine Frühschicht – diesmal als Vorarbeiter in der Automobilbranche. Für das erste Wochenende hat er sich jedoch freigenommen. Nur seine heisere Stimme gibt noch einen Hinweis auf sein nächtliches Dasein als Teilzeitvampir.
Weiß-Blaue Albtraumnächte, Bayern-Park, Fellbach 1, 94419 Reisbach, 24. bis 26. Oktober, 17 bis 22 Uhr; 31. Oktober bis 23.30 Uhr, Tickets und weitere Informationen unter www.halloween.bayern-park.de

