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Haftbefehl in Kempten:Bayern weist radikalen Salafisten aus

Aktenlage

Der 22-jährige Erhan A.: Er soll schnellstmöglich in die Türkei ausgewiesen werden.

(Foto: Matthias Ziegler)

Er verteidigt die Gräueltaten der Terrormiliz IS und rechtfertigt das Köpfen von Journalisten: Nachdem Erhan A. in einem Interview offen über seine Ansichten gesprochen hat, sitzt er nun in Abschiebehaft. Laut Innenminister Joachim Herrmann hat so jemand "bei uns nichts zu suchen".

Von Sebastian Beck und Stefan Mayr, Kempten

Die bayerische Justiz geht gegen den Salafisten Erhan A. aus Kempten vor. Gegen den 22-jährigen Mann wurde Haftbefehl erlassen. Er werde schnellstmöglich in die Türkei ausgewiesen, teilte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Freitag mit. Erhan A. hatte sich zuvor in einem Interview mit dem SZ-Magazin zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannt. Darin sagte er unter anderem, er würde sogar seine Familie umbringen, wenn sie sich gegen den IS stelle.

Nach Ansicht von Herrmann ist Erhan A. damit einer erhebliche Gefahr für die innere Sicherheit Deutschlands: "Jemand, der in aller Öffentlichkeit die Gräueltaten der Terrormiliz Islamischer Staat gutheißt, das Köpfen von Journalisten rechtfertigt und nicht davor zurückschreckt, seine eigene Familie zu töten, wenn sie sich nicht an die islamischen Gesetze hält, hat bei uns nichts zu suchen. Es gibt keinen anderen Weg, als ihn in sein Heimatland abzuschieben."

Seit eineinhalb Jahren unter Beobachtung

Herrmann schränkte jedoch ein, dass keine Hinweise auf konkrete Anschlagplanungen des 22-Jährigen vorlägen. Deshalb gebe es auch keine Rechtsgrundlage, um ihn in Deutschland dauerhaft festzusetzen. In der Türkei werde der Mann unter der Obhut der Sicherheitsbehörden stehen. Erhan A. war bereits seit eineinhalb Jahren von der Polizei beobachtet worden. Nachdem er vergebens versuchte hatte, als Kämpfer nach Syrien einzureisen, wurde sein Pass vorübergehend eingezogen. Für die Allgäuer Festwoche sprach die Polizei gegen Erhan A. einen Platzverweis aus.

Der Mann stammt aus der Türkei, lebt aber bereits seit 20 Jahren mit seinen Eltern im Allgäu, wo er das Abitur machte und ein Studium der Wirtschaftsinformatik anfing. Er gilt als Kopf der örtlichen Salafisten-Szene, die aus schätzungsweise zehn Mitgliedern besteht. Der Verhaftete ist bereits der zweite militante Islamist aus Kempten, der für Schlagzeilen sorgt. Erst im Januar starb der 19-jährige deutschstämmige Konvertit David G. aus dem Ortsteil Lenzfried im Kampf für die IS-Miliz in Syrien. Über dessen Tod sagte Erhan A. im Interview: "Das hat mir einen richtigen Schub gegeben."

Kemptener Lokalpolitiker reagierten ratlos auf die Nachricht von der Verhaftung: "Ich kann diese Szene nicht einschätzen, das ist ein Polizei-Thema", sagte Oberbürgermeister Thomas Kiechle (CSU). In seinen regelmäßigen Treffen mit der Polizei sei das Thema bisher noch nicht angesprochen worden. Es gebe auch keinen Anlass, das Thema im Stadtrat zu diskutieren, sagte Kiechle: "Das ist nicht unsere Aufgabe, sondern der Sicherheitsbehörden."

Gesprächsthema in der Moschee

Das sieht Thomas Gehring, Allgäuer Landtagsabgeordneter der Grünen, anders: "Man darf das nicht nur als polizeiliches Thema sehen. Wir müssen uns schon auch als Gesellschaft überlegen, warum sich diese jungen Leute so radikalisieren und den Islamismus so spannend finden." Auch er selbst habe kein schlüssiges Konzept, "aber man sollte wirklich analysieren, was man da zur Prävention tun kann."

Die Verhaftung von Erhan A. war am Freitag auch Gesprächsthema beim Tag der Offenen Tür in der Kemptener Ditib-Moschee. Ihr Vorstand Zafer Simsek berichtet von den Begegnungen mit den Kemptener Islamisten: "Es waren drei bis vier Einzelpersonen da, die haben sich nicht an die Regeln gehalten. Mit solchen Herrschaften wollen wir nichts zu tun haben, deshalb haben wir sie des Hauses verwiesen." Simsek hat einige Ideen, was er gegen die Radikalisierung tun will: "Unsere Moschee hat im Vorstand diesbezüglich Punkte in der Tagesordnung aufgenommen. Aufklärung und Bildung sind für uns die zwei wichtigsten Punkte, um gegen Radikalisierung vorzugehen."

© SZ vom 04.10.2014/infu
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