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Gymnasium in Oberfranken:Verzweifelter Kampf um die Mittelstufe Plus

Abiturprüfung Gabriel von Seidl Gymnasium

Wie lange dürfen die Schüler lernen, bis sie Abitur machen müssen? An 47 Modellschulen im Freistaat wird es eine verlängerte Schulzeit geben.

(Foto: Manfred Neubauer)
  • 47 Gymnasien in Bayern wurden für den Modellversuch Mittelstufe Plus ausgewählt.
  • Eltern eines Kronacher Gymnasiums wollen nun im Landtag erreichen, dass auch die Schule ihrer Kinder aufgenommen wird.

"Sie wissen gar nicht, was Sie den Kindern antun!", ruft eine Mutter aufgebracht nach vier Stunden und 14 Tagesordnungspunkten im Bildungsausschuss des Landtags. Drei Stunden Heimweg muss ihr Kind weiterhin auf sich nehmen, weil das Kronacher Kaspar-Zeuß-Gymnasium nicht für den Modellversuch zum neunjährigen Gymnasium zugelassen wurde. Es bleibt beim G 8 und damit beim Nachmittagsunterricht. Auf dem Land bedeutet das eine deutlich schlechtere Busverbindung nach Hause, besonders in Kronach, dem Landkreis mit den wohl längsten Schulwegen Bayerns.

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Es soll nur ein Modellversuch sein. Doch schon vor Ablauf der Bewerbungsfrist an den Projektschulen ist klar: Mehr als die Hälfte aller Siebtklässler will ein Jahr mehr auf dem Weg zum Abitur. An einigen Schulen ist deshalb sogar das G 8 in Gefahr.   Von Anna Günther

Das benachbarte Frankenwald-Gymnasium wurde zum Modellversuch zugelassen. Das Ungleichgewicht zwischen den Schulen treibt die Eltern des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums (KZG) auf die Barrikaden. Die Anmeldezahlen brechen bereits ein. Letzte Hoffnung ist für den Elternbeirat eine Petition, über die der Ausschuss eigentlich am Donnerstag entscheiden sollte.

In der Vertagung liegt die Chance

In der letzten Sekunde der Sitzung wurde die Abstimmung vertagt, die angereisten Oberfranken waren empört. Dabei liegt genau in der Vertagung die Chance - wenn es eine gibt. Die Entscheidung wird in der letzten Sitzung vor der Sommerpause fallen. Hätten die Politiker abgestimmt, wäre die Petition wohl abgelehnt worden.

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Opposition, Eltern und Schüler wollen das neunjährige Gymnasium zurück: 60 Prozent der Siebtklässler an den 47 Pilotschulen haben sich angemeldet, auf dem Land sind es bis zu Dreiviertel eines Jahrgangs. Viele andere hoffen, dass 13 Schuljahre wieder Standard werden.   Von Anna Günther

Denn die Haltung von CSU-Fraktion und Kultusministerium ist klar: 47 Gymnasien wurden für den Modellversuch Mittelstufe Plus ausgewählt - und dabei bleibt's. Die Modellschulen sollen Bayerns Schullandschaft abbilden. Stadt und Land, Ausbildungsrichtungen und Klientel wurden berücksichtigt. In dem auf zwei Jahre angelegten Projekt sollen Situationen erprobt und Lösungen entwickelt werden, bevor die Mittelstufe Plus ausgeweitet wird.

Die Regierung will nicht mehr Schulen im Modell

Mehrere Versuche der Opposition, die Regierung zur Aufnahme weiterer Schulen zu bewegen, scheiterten. Die Betreuung der Schulen durch das Kultusministerium sei nicht mehr zu gewährleisten, der Zeitverlust von vier Monaten sei nicht mehr aufzuholen, hieß es stets. Die 47 Modellschulen haben bereits Stundentafeln ausgearbeitet und Klassen gebildet.

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Individuelle Förderung, Ganztag, Inklusion - das geht nicht ohne ausreichend Personal an den Schulen. Der Lehrerverband fordert zwei Pädagogen pro Klasse, 20 000 neue Kollegen seien nötig. Das Kultusministerium winkt ab und verweist auf bereits geschaffene Stellen.   Von Anna Günther

Das Frankenwald-Gymnasium in Kronach wurde unter anderem ausgewählt, weil es auch einen wirtschaftlichen Zweig anbietet. "Wir sind mit Naturwissenschaften und Sprachen zu normal", sagt Renate Leive, die Schulleiterin des KZG. Aber auch an ihrer Schule hatten zwei Drittel der Siebtklässler Interesse am neunjährigen Weg zum Abitur. Dass der nicht kommt, wirke sich bereits aus: Für die neuen fünften Klassen haben sich ein Fünftel weniger Kinder angemeldet als im Vorjahr. Der erste Einbruch in 20 Jahren, bisher lag das KZG immer vor dem Frankenwald-Gymnasium. Dass die Mittelstufe Plus eine Ursache ist, liegt für Günther Felbinger (Freie Wähler) auf der Hand. Die Entscheidung des Ministeriums sei fachlich nachvollziehbar, führe in Kronach aber zu einem schweren Ungleichgewicht.

Die Oberfranken bemühen sich verzweifelt

Die CSU scheut sich, einen Präzedenzfall zu schaffen. Für Felbinger gilt das Argument im Kronacher Fall nicht: "Dafür sind Petitionen da und die Situation lässt sich nicht mit anderen Landstrichen vergleichen." Der Landkreis am Nordrand Bayerns ist schmal, aber lang. Die Übertrittsquote aufs Gymnasium gilt mit 20 Prozent als eine der niedrigsten Bayerns. Die langen Schulwege und die dadurch fehlende Zeit für Hobbys oder Vereine sind Hauptgrund für den Kampf des KZG-Elternbeirats. Die Vereine erhoffen sich von den freien Nachmittagen mehr Zeit, um die Kinder wieder stärker an die Heimat zu binden.

So verzweifelt wie die Oberfranken bemühte sich keine der anderen 24 abgelehnten Schulen um eine Ausnahmelösung: Die Eltern schalteten den Landrat und den Landtagsabgeordneten Thorsten Glauber (Freie Wähler) ein, sammelten 1000 Unterschriften und schrieben einen Brief an Ministerpräsident Horst Seehofer, signiert von fünf Bürgermeistern, dem Landrat, Vertretern der Kirchen, der Wirtschaft, von Feuerwehr, Rotem Kreuz und Vereinen. Das Schreiben blieb bis Donnerstag unbeantwortet.

Der Elternbeiratsvorsitzende Nikolaus Wiegand sprach Seehofer auf dem Bezirksparteitag persönlich an, ohne Reaktion. Nach dem Ausruf der aufgeregten Mutter sprachen Felbinger, Otto Lederer (CSU) und der Ausschussvorsitzende Martin Güll (SPD) noch lange mit den angereisten Kronachern. "Das ist jetzt eine emotionale Entscheidung, aber ich hoffe, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist", sagt Felbinger.