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Gymnasium in Bayern:Mittelstufe Plus zeigt erste Schwächen

Sailer Gymnasium

Manche Schüler des Sailer-Gymnasiums in Dillingen nutzen ihre Mehrzeit lieber zum Abhängen.

(Foto: Stefan Puchner)
  • Seit etwa zwei Monaten testen 47 Gymnasien in Bayern die sogenannte Mittelstufe Plus.
  • Mit dem Projekt wird den Kritikern des achtjährigen Gymnasiums entgegengekommen.
  • Doch teilweise zeigen sich Leistungsunterschiede zwischen den Klassen - zugunsten des G-8.

Von Anna Günther

Die schwelende Kritik am achtjährigen Gymnasium klingt wie Michael Ende in seinem Buch "Momo": Die grauen Herren im Ministerium haben den Kindern die Zeit gestohlen. Entsprechend groß war die Begeisterung bei vielen G-8-Kritikern, als klar wurde, dass die Schüler wieder Zeit bekommen.

Zumindest an 47 Gymnasien in Bayern. Auf Probe. Diese sollen im Modellversuch Mittelstufe Plus testen, wie der G-8-Stoff auf vier Jahre gedehnt werden kann. Damit wieder Zeit ist, um Themen ausführlich zu behandeln. Aus den Erfahrungen sollen alle 350 bayerischen Gymnasien lernen, falls die Mittelstufe Plus für alle geöffnet wird.

Zwei dieser Plus-Schulen begleitet die SZ während des zweijährigen Schulversuchs. Und wie läuft es nach zweieinhalb Monaten am Dillinger Johann-Michael-Sailer-Gymnasium und am Pirckheimer-Gymnasium in Nürnberg? Die Schüler müssen sich umstellen, sagt der Dillinger Schulleiter Kurt Ritter. "Sie sind es nicht mehr gewöhnt, jeden Tag Hausaufgaben zu machen", sagt er. Im G 8 nehmen Lehrer Rücksicht auf den Nachmittagsunterricht, nun gibt es Hausaufgaben wie im G 9 - die ersten Eltern beklagen sich. "Es geht langsamer, aber das ersetzt nicht das Vokabeln lernen daheim", sagt Ritter.

Wo es Unterschiede in den Leistungen gibt

Das Jammern über Hausaufgaben ist Teil des Phänomens, das Ritter "Plus-Virus" nennt. Einige Schüler nutzen die Zeit nicht, um in Ruhe zu lernen. Sie chillen. Das wirke sich gerade im naturwissenschaftlichen Zweig auf die Noten aus, sagt Ritter. Beim Jahrgangsstufentest, mit dem in der achten Klasse Mathe- und Deutschwissen der Unterstufe abgefragt wird, schnitt die G-8-Klasse am Sailer-Gymnasium deutlich besser ab als die Plus-Mitschüler.

In der Sprachenklasse könne er diese Rückschlüsse nicht ziehen, sagt Ritter. Diese 23 Kinder haben den Plus-Zweig gewählt, um entspannter die dritte Fremdsprache zu lernen. Sie seien motiviert und sprachbegabt, entsprechend fielen die Ergebnisse im Deutsch-Test aus. "Die Sprachenklasse ist immer wesentlich besser als die Naturwissenschaftler", sagt Ritter.

Am Freitag schickte er die erste Notenbilanz raus und schlug Alarm. Das Sailer-Gymnasium informiert Eltern viermal im Jahr über die Leistungen ihrer Kinder. "Das Konzept haben wir uns ausnahmsweise mal von den Realschulen abgeschaut", sagt der 58-Jährige. Von Vertrauen hält er bei Noten nichts - viele Schüler erzählten ihren Eltern eben nicht alles. Den Bilanzen der Chill-Schüler legt Ritter einen Appell bei, denn die Warnungen der Lehrer allein nützten wenig. "Auf einen fahrenden Zug springt man nicht mehr auf, auch nicht im Plus-Zug", sagt Ritter. Die Förderstunden, die in der Mittelstufe Plus vorgesehen sind, will er gezielt für diese Schüler einsetzen.

Wie das Konzept in Nürnberg umgesetzt wird

Am Pirckheimer Gymnasium in Nürnberg sind diese Stunden für alle Pflicht. Philosophie der Schule ist, die Jugendlichen jeden Tag so lange wie möglich zu betreuen. In der Südstadt leben besonders viele Ausländer, die Lehrer müssen oft auffangen, was Eltern nicht leisten können.

Das Konzept geht auf: Deutsch ist bei den wenigsten Schülern Muttersprache, aber die Abiturnoten in Deutsch liegen im landesweiten Schnitt. Auch Nürnbergs OB Ulrich Maly schickte seine Tochter einst aufs Pirckheimer. Mit den Förderstunden sollen die beiden Plus-Klassen in Mathe, Physik und Chemie Zeit zum Üben haben und lernen, eigene Projekte zu präsentieren.

Doch der Plus-Virus geht auch in Nürnberg um: Wie in Dillingen fallen die Jahrgangstests etwas schlechter aus als die der beiden G-8-Klassen. "Einige Schüler nutzen die Wiederholungen nicht so wie erhofft", sagt die stellvertretende Schulleiterin Elke Hermann. Das sorgt sie sehr. Aber wie ihre Kollegen genieße sie es, Themen intensiv durchsprechen zu können. "Das Klima in meinen Deutschstunden ist super, die Schüler sind so motiviert", sagt Hermann. Dabei sei der Unterricht nicht unbedingt langsamer.

Die Modell-Schulen

Das Dillinger Johann-Michael-Sailer-Gymnasium wurde 1550 gegründet und 220 Jahre von Jesuiten geleitet. Heute ist es ein typisches Landgymnasium mit 760 Schülern, 65 Lehrern und großem Einzugsgebiet. Die Kinder sind bis zu zwei Stunden täglich im Bus unterwegs, um in der Kreisstadt im sprachlichen, humanistischen oder naturwissenschaftlichen Zweig zu lernen. Entsprechend groß war das Interesse am Modellversuch. An der Nürnberger Gibitzenhofstraße wird seit 130 Jahren unterrichtet, seit 1968 im Gymnasium. Den Arbeiterkindern sollte der Weg zu höherer Bildung eröffnet werden. In den Siebzigern zogen Gastarbeiter in die Südstadt, das zeigt sich bis heute am Pirckheimer-Gymnasium: Fast alle 875 Schüler sind in Deutschland geboren, doch die meisten haben Migrationshintergrund. Entsprechend liegt ein Schwerpunkt auf Sprachvermittlung und Förderung. Es gibt Islamunterricht und Türkisch in der Oberstufe. angu

Warum der Andrang am fehlenden Nachmittagsunterricht liegen könnte

Einen Ansturm auf freiwillige Kurse wie Theater oder Orchester, wie andere Plus-Gymnasien berichten, sehen Ritter und Hermann nicht. "Viele Schüler sind wegen der schlechten Busverbindungen im Plus-Zug, die wollen mittags schnell heim - typisch Landgymnasium", sagt Ritter. Im neuen Schuljahr dürfte es ähnlich aussehen: Weil es drei Jahre lang keinen Nachmittagsunterricht gibt, hatten drei Viertel des Jahrgangs die Mittelstufe Plus gewählt. Die finale Entscheidung findet im März statt. Seine Nürnberger Kollegin wagt noch keine Prognose, aber vor Weihnachten will Hermann schon mal das Interesse erfragen.

Im Kultusministerium hält man sich noch bedeckt. "Ich höre wenig und das ist auch gut so", sagt Minister Ludwig Spaenle. Die Projektgruppe kümmere sich um die Schulen, Schlüsse könne er erst ziehen, wenn alle Konzepte evaluiert sind. "Dafür ist es aber jetzt zu früh", sagt Spaenle. Geht es nach dem bayerischen Philologenverband, sollte Spaenle das Konzept gründlich überdenken.

Die Wahl zum Modellversuch habe gezeigt, dass die Mehrheit das Abitur in neun Jahren will - 60 Prozent der Siebtklässler an den 47 Plus-Gymnasien haben sich dafür entschieden, sagt der Vorsitzende Max Schmidt. "Ein von neun Jahren her gedachtes Gymnasium ist erheblich einfacher zu organisieren." Für diejenigen, die in acht Jahren das Abitur machen wollen, ließen sich entsprechende Wege finden.

© SZ vom 05.12.2015/axi
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