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Gundremmingen:Grüne: AKW abschalten, bis Vorgänge geklärt sind

Von Christian Sebald

Im Streit um mögliche Leistungsüberschreitungen im Atomkraftwerk Gundremmingen fordern die Landtagsgrünen die Abschaltung der beiden Atomreaktoren, bis die Vorgänge aufgeklärt sind. Zugleich haben sie zusätzlich zu den Ereignissen in den Jahren 2016 und 2017 fünf Vorfälle im Jahr 2015 recherchiert, bei denen die Anlagen laut Angaben des Kraftwerksbetreibers RWE ebenfalls deutlich mehr Strom geliefert haben als die 1284 Megawatt, für die sie zugelassen sind. "Alle diese Meldungen sind alarmierend", sagt der Grünen-Energieexperte Martin Stümpfig, "aus Sicherheitsgründen hätte bei solchen Leistungserhöhungen sofort die Schnellabschaltung des Reaktors greifen müssen."

Die fünf Meldungen von 2015 haben die Grünen ebenfalls auf der RWE-Internetseite entdeckt. Sie zeigen ähnlich dramatische Leistungsausschläge wie die bereits veröffentlichten. Danach speisten die beiden Gundremminger Reaktoren an fünf Tagen zwischen 15. Juni 2015 und 27. Dezember 2015 bis zu 1557 Megawatt elektrische Leistung pro Reaktor ins Stromnetz ein. Gemessen an der zugelassenen elektrischen Leistung von 1284 Megawatt je Reaktor sind das Überschreitungen von bis zu 21 Prozent. "Solche Ausschläge sind illegal und sehr gefährlich", sagt Stümpfig. RWE erklärt die Ausschläge weiter mit Problemen bei der rechnerischen Aufbereitung der Daten der Anlagen für das Internet. Die IT-Formel hierfür habe in einigen wenigen Fällen nicht mehr zu den immer stärker schwankenden Stromabnahmen gepasst. Auf die Fehler sei man freilich erst durch die Anfrage der SZ aufmerksam geworden. Die Korrektur der Daten werde demnächst abgeschlossen. Stümpfig hält die Erklärung für unglaubwürdig. Zugleich nannte er "erschreckend, dass der Betreiber eines Atomkraftwerks offensichtlich nicht sagen kann, wie viel Strom er produziert". Das Umweltministerium sieht keinen Anlass für eine Abschaltung des AKWs bis zur Aufklärung der Vorwürfe. "Die Anlage wird gemäß der strengen Sicherheitsanforderungen des Atomgesetzes des Bundes sicher betrieben", sagte ein Sprecher. "Die Vielzahl regelmäßiger Überprüfungen gewährleistet das." Es sei "unredlich, Ängste in der Bevölkerung schüren zu wollen." Die Tage des AKWs sind ohnehin gezählt. Ende 2017 wird der erste Reaktor abgeschaltet, der zweite folgt 2021.

© SZ vom 01.06.2017
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