Abriss eines geschichtsträchtigen GüterbahnhofsDas „Denkmal-Debakel“ von Kulmbach

Lesezeit: 2 Min.

Der Güterbahnhof von Kulmbach während der Abrissarbeiten 2023.
Der Güterbahnhof von Kulmbach während der Abrissarbeiten 2023. (Foto: Stefan Zeitler)

In Kulmbach stand ein Kulturdenkmal im Weg, als man eine neue Straßen-„Tangente“ plante. Blöd nur: Der Erinnerungsort ist längst abgerissen – die „Tangente“ aber kommt jetzt wohl doch nicht.

Glosse von Olaf Przybilla

Erkenntnis ist eine Schnecke. Und so scheint es sich in bayerischen Kommunen nur sehr allmählich herumzusprechen, dass Abriss von Baukultur zwar zu Zeiten Konrad Adenauers als seligmachendes Stilmittel des Städtebaus gedacht wurde. Sich das aber kaum sechs Jahrzehnte später schon geändert haben sollte – zumindest aus Sicht so ziemlich sämtlicher Fachleute.

Die historische Heil- und Pflegeanstalt in Erlangen? Weg damit, zumindest deren maßgeblicher Teil – die war ja nur, der Name sagt es schon: historisch. Der Kaufhof von Nürnberg? Die CSU Nürnberg und ihr Ministerpräsident, ebenfalls Team Nürnberg, finden den nicht zwingend erhaltenswert. Ach so, der Bau steht unter Denkmalschutz? Ja, mei. Er stört aber halt. Irgendwie.

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Klingt sarkastisch? Kann schon sein. Aber Sarkasmus aus schierer Notwehr sollte erlaubt sein. Weshalb es auch nachvollziehbar ist, wenn der Landesverein für Heimatpflege gerade einen aktuellen Fall aus Oberfranken mit der Sentenz würdigt: „Immerhin kann man das Kulmbacher Denkmal-Debakel künftig beispielhaft als Argument anführen, wenn wieder ähnliche Abrisse diskutiert werden.“

Dort, in Kulmbach, haben sie 2023 ihren alten Güterbahnhof dem Erdboden gleichgemacht. Zwar machten sich damals schon Fachleute bemerkbar, die dem Bau aus dem Jahr 1890 eine gut proportionierte Architektur nachsagten, Späthistorismus mit Elementen der Neogotik. Auch von der Bedeutung des Bauwerks für die Kulmbacher Geschichte war die Rede, als historischer Umschlagplatz für die stadtbildprägende Brauereikultur.

Der Güterbahnhof vor den Abrissarbeiten.
Der Güterbahnhof vor den Abrissarbeiten. (Foto: Dietmar Popp)

Aber, herrje: Das Ding war halt schwer sanierungsbedürftig. Und im Städtchen soll ja ein „Uni-Campus“ entstehen, der wiederum zwingend durch eine Straßen-„Tangente“ zu erschließen ist. Und in solchen Fällen gilt dann eben immer noch der alte Ohrwurm: „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht – es geht voran!“ Ergo: Weg mit dem alten Gerümpel.

Ah, Moment. Für jene „Tangente“ zur allgemeinen Verkehrsentlastung in Kulmbach wären, so stellt es sich nun zwei Jahre später heraus, ein paar Grundstücke vonnöten, deren Inhaber, nun ja, ihre Grundstücke offenbar lieber anders nutzen würden? Okay. Ja, dann. Dann kommt sie wohl doch nicht, die so schön ausgedachte „Tangente“.

Unglücklich nur, dass der Güterbahnhof, von wo aus – Angaben von Lokalhistorikern zufolge – 1942 Kulmbacher Bürger in ein Vernichtungslager deportiert worden sind, unglücklich also, dass jener Bahnhof längst zerstört ist. Ob man das für eine simple „Stichstraße“, die jetzt anstatt einer „Tangente“ in Rede steht in Kulmbach (oder sollen die Studis etwa ohne Auto zur Uni?), auch in dieser Radikalität hätte erledigen müssen?

Man weiß es nicht, wird es wohl auch nie mehr wirklich erfahren. Denn weg ist nun mal weg, da muss man dann auch nicht mehr groß nachkarteln. Wussten sie schon zu Adenauers Zeiten.

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