Günzburg:Betrüger ergaunert Adressen von 52 000 Lions-Club-Mitgliedern

  • Ein Betrüger gibt sich als Mitglied des Lions Club aus und bringt einen 85-Jährigen so um seine Ersparnisse.
  • Da er auch noch ein Adressbuch ergaunert hat, könnten nun weitere Lions-Mitglieder Opfer von Betrügern werden.
  • Trotz gezielter Polizeiarbeit: Immer mehr ältere Menschen fallen auf den sogenannten Enkeltrick rein.

Von Ralf Scharnitzky

Die etwa 52 000 Mitglieder der mehr als 1500 Lions Clubs in Deutschland sind seit Ende Juni potenzielle Betrugsopfer. Der Grund: Ein 85-Jähriger aus dem schwäbischen Landkreis Günzburg hat einem Betrüger nicht nur 20 000 Euro übergeben, sondern ihm auch noch die "Bibel" ausgehändigt: ein mehr als 1300 Seiten starkes Buch mit den privaten und beruflichen Daten von allen deutschen Lions.

Ein Handbuch, das für Betrüger eine Goldgrube werden könnte. In einer internen Mail an die örtlichen Präsidenten, die der SZ vorliegt, informierte Lions-Generalsekretärin Astrid J. Schauerte über mögliche weitere Betrugsversuche. Und forderte dazu auf, "vor allem ältere Lions-Freunde in Ihrem Club umgehend zu warnen". Der Senior war Opfer eines "Enkeltricks", wie das bei der Polizei heißt, geworden.

Das Gespräch am Telefon beginnt manchmal freundlich: "Rate mal, wer dran ist." Meist ist es die angebliche Großcousine oder die Großnichte - entfernte Verwandte, zu denen man meistens keinen Kontakt hat. Ja, und die ist gerade in der Nähe und braucht kurzfristig mal finanzielle Hilfe.

Meist setzen die Betrüger auf den Schock

Wirklich nur für ein, zwei Tage, dann gibt's das Geld zurück. Meist aber setzen die Trickbetrüger auf den Schock: Sohn, Enkel oder Urenkel hatten einen Unfall und brauchen dringend Geld! In beiden Fällen werden die Senioren geschickt unter Druck gesetzt, ihnen bleibt wenig Zeit zum Überlegen. Und oft kassieren die Betrüger dann ab.

Der 85-Jährige ist mit einer bisher wohl einmaligen Variation des Enkeltricks betrogen worden: Ein Anrufer gab sich als Bekannter und Lions aus, der einen Verkehrsunfall gehabt habe und dringend Geld brauche. Die sozial engagierten Mitglieder der Clubs, deren Motto "We serve, wir dienen" ist, fühlen sich nicht nur der Gesellschaft verpflichtet, sondern auch den Lions-Freunden - weltweit.

In Bayern sind etwa 7500 Frauen und Männer, vor allem Akademiker, Mitglied in den gut 210 Clubs. Mitglied kann nur werden, wer dazu eingeladen und einstimmig im Club aufgenommen wird. Für den langjährigen Lion aus Günzburg war klar: Er muss helfen. Also sagte er dem Anrufer 20 000 Euro zu. Bei der Geldübergabe bat der Betrüger dann auch um die "Bibel". Das heißt: Er dürfte sich nun im Innenleben der Vereinigung auskennen.

Als der 85-Jährige ahnte, dass er einem Betrüger aufgesessen war, wollte er den Betrug zuerst nicht anzeigen: Ihm war die ganze Sache peinlich. Erst ein Freund, dem er sich anvertraut hatte, ging mit ihm zur Polizei. Hinweise auf den oder die Täter und weitere Betrügereien hat die Kriminalpolizei in Memmingen bisher nicht.

Immer mehr ältere Opfer

Bei Lions International Deutschland wird nach Aussagen von Sprecher Ulrich Stoltenberg mit den Mitgliederdaten sehr sorgfältig umgegangen. Neben wenigen Handbüchern gibt es vor allem CDs, die jährlich aktualisiert werden. Stoltenberg: "Aber wenn ein Mitglied das Buch oder die CD herausgibt, dann sind wir natürlich machtlos."

In Bayern werden seit Jahren immer mehr ältere Menschen Opfer von Trickbetrügern. Die Opfer sind meist mehr als 70 Jahre alt und verlieren durch die Tat nicht selten ihre gesamten Ersparnisse. In einer Studie haben US-Wissenschaftler festgestellt, dass ältere Menschen schlechter als jüngere einschätzen können, ob ein Mensch vertrauenswürdig ist.

In einem Bericht für das Deutsche Polizeiblatt heißt es: Senioren falle es schwer, sich zu konzentrieren, dem redegewandten Betrüger zu folgen und gleichzeitig logisch und folgerichtig zu denken und zu handeln. "Die Gefühle, gebraucht zu werden, nicht nur zur Last zu fallen, nicht selbst helfen zu können, werden kriminell ausgenutzt", schreibt Joachim Ludwig, Kriminalhauptkommissar in Köln.

Der VdK rät Senioren dazu, eine Vertrauensperson einzuschalten, bevor sie etwas unternähmen. Auf der von dem Sozialverband empfohlenen Internetseite "Pfiffige Senioren" heißt es: Oft werden Täter schon abgeschreckt, wenn man ihnen sagt, man möchte einen Nachbarn hinzuziehen.

© SZ vom 15.07.2015/doen
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