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Günther Beckstein im Gespräch:"Weder Heiliger noch Schwein"

Fehlerhaftes Bodenpersonal: Der frühere Ministerpräsident und überzeugte Protestant Günther Beckstein über Kirche, Glaube und Moral und deren Einfluss auf die Politik.

Wozu noch Kirche, hat die SZ an Weihnachten gefragt und lebhafte Reaktionen erhalten. Einer, der sich seit langem mit Glauben und Kirche auseinandersetzt, ist der frühere bayerische Ministerpräsident und langjährige Innenminister Günther Beckstein (CSU). Er hat nicht nur in der CSU alle Höhen und Tiefen erlebt.

CSU-Empfang zum 65. Geburtstag von Beckstein

Günther Beckstein an seinem 65. Geburtstag vor zwei Jahren. Heute sagt der überzeugte Protestant: "Ich wollte weder ein Heiliger sein noch ein Schwein."

(Foto: dpa)

SZ: Sie haben die Liebe zu Ihrer Frau in der Gemeindearbeit entdeckt, Sie haben aber auch Nächte damit verbracht, erzürnte Protestanten von Ihrer Asylpolitik zu überzeugen. Ist Kirche für Sie Last oder Lust?

Günther Beckstein: Eindeutig Lust. Ich bin froh und dankbar für meine kirchliche Prägung, nicht nur wegen meiner Frau. Ich bin aktives Gemeindeglied, aber nicht immer gleich intensiv.

SZ: Was bedeutet für Sie Kirche? Heimat? Tradition? Gemeinschaftsgefühl?

Beckstein: Für mich ist die Kirche der Rahmen des persönlichen Glaubens. Der Glaube daran, dass man selbst nicht der Allerhöchste ist, sondern dem Allerhöchsten verantwortlich ist. Und Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, auch wenn man nicht jeden Tag in die Kirche geht. Als Christ allein zu sein und den Glauben nur in seinem stillen Kämmerchen zu erleben, wäre zu wenig. Der Gottesdienst gehört zur Gemeinschaft, Beerdigungen, auch Trauungen. Letztes Jahr hat mein Sohn kirchlich geheiratet: Da nimmt man etwas mit fürs Leben.

SZ: Viele Christen halten nichts vom Papst, kritisieren voller Hingabe ihren Landesbischof oder den Kardinal - aber an Weihnachten waren die Kirchen wieder voll. Was hält die Menschen in der Kirche?

Beckstein: Die Christen wissen: Das Bodenpersonal Gottes ist fehlerhaft. Bei uns evangelischen Christen ist das noch unmittelbarer, denn Pfarrer und Bischöfe sind bei uns nicht Mittler zwischen Menschen und Gott wie bei den Katholiken, bei uns steht schon jeder selbst vor seinem Herrn. Deswegen ist es ganz selbstverständlich, dass man einen Bischof kritisieren kann.

SZ: Dieses Jahr haben sich viele abgewandt, vor allem von der katholischen Kirche. Aber auch bei den Protestanten wurde der Missbrauch durch Pfarrer vertuscht, Opfer jahrelang vertröstet. Ist die evangelische Kirche aufrichtiger als die katholische?

Beckstein: Der Missbrauch von Kindern ist ein Verbrechen. Es war ein Fehler, das unter den Teppich zu kehren, um die Institution Kirche nicht zu beschädigen. Das einzig Richtige ist, solche Übergriffe der Staatsanwaltschaft zu melden und öffentlich zu machen. Diesen Weg hat die evangelische Kirche früher und konsequenter beschritten als die katholische. Aber auch bei uns ist nicht alles vorbildlich gelaufen, auch bei uns wurde vertuscht. Wir sind nicht die Heiligen.

Weihnachtsumfrage der SZ

Wozu noch Kirche?