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Grünen-Politikerin:Katharina Schulze ist die beste Rednerin im bayerischen Landtagswahlkampf

Katharina Schulze im Backstage, Wahlkampftermin Die Grünen

Schulze hat die Experten vom Verband der Redenschreiber überzeugt.

(Foto: Florian Peljak)
  • Die bayerische Regionalgruppe im Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) hat die Rhetorik der Spitzenkandidaten im Landtagswahlkampf bewertet.
  • Lisa Hilbich, Ko-Vorsitzende des Verbands, lobt Katharina Schulze: "In ihren Reden voller Energie glänzte sie mit klaren Botschaften und einer greifbaren Persönlichkeit mit eindeutiger Positionierung."
  • Kritik äußern die Experten an der AfD, die "beim Lügen ertappt" worden sei.

Die freie Rede war schon im alten Rom eine Kunst für sich. Was sich daraus machen lässt, zeigte Marcus Tullius Cicero, der nicht nur Politiker, sondern ein brillanter Rhetoriker war. Von ihm ist jene Anekdote überliefert: Cicero hielt auf dem Forum Romanum eine Rede, die seine Zuhörer restlos überzeugte. Am nächsten Tag stellte er sich wieder hin - und erzählte genau das Gegenteil. Seiner Überzeugungskraft soll der Widerspruch nicht geschadet haben. Cicero habe derart gekonnt argumentiert, dass ihm die Menschen beide Geschichten abnahmen.

Für Politiker von heute muss das wie ein Traum klingen. Ihre Reden werden in Echtzeit ausgeleuchtet, jede leicht veränderte Facette wird kommentiert - und oft auch kritisiert. Und wer im Landtag schon mal zuhörte, hat festgestellt, dass der Zusammenhang zwischen Politik und brillanter Redekunst keinesfalls immer so zwingend sein muss wie bei Cicero. Es gibt aber auch Beispiele, die Mut machen.

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Die bayerische Regionalgruppe im Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) hat im Landtagswahlkampf erstmals die Spitzenkandidaten der sieben größten Parteien auf ihre Redekraft hin beleuchtet. Klare Siegerin: Katharina Schulze von den Grünen. Die 33-Jährige sei so jung aufgetreten, wie sie sei, sagt der bayerische VRdS-Vorsitzende Christoph Meinersmann: "frech, unkonventionell, forsch." Seine Ko-Vorsitzende Lisa Hilbich lobt: "In ihren Reden voller Energie glänzte sie mit klaren Botschaften und einer greifbaren Persönlichkeit mit eindeutiger Positionierung."

Auf Platz zwei kommt Ministerpräsident Markus Söder. Der CSU-Kandidat kenne "die Kniffe der Rhetorik bestens", habe eine enorme Bühnenpräsenz - setze aber weniger auf Dialog mit dem Publikum als andere Kandidaten. Platz drei geht knapp an SPD-Spitzenfrau Natascha Kohnen ("gefiel durch einen kämpferischen und trotz der verheerenden Prognosen selbstbewussten und warmherzigen Auftritt") vor FDP-Mann Martin Hagen ("Stammtischparolen sind nicht seines"). Dahinter folgen Ates Gürpinar (Die Linke) und Ludwig Hartmann, der männliche Teil der Grünen-Doppelspitze. Hartmann hatte im TV-Duell gegen Söder gute Kritiken erhalten. Schulze durfte nicht mitmachen, weil der Ministerpräsident erst ab 40 Jahren gewählt werden darf.

Weniger prickelnd fanden die Reden-Experten die Auftritte von Hubert Aiwanger (Freie Wähler), AfD-Landeschef Martin Sichert und Eva Bulling-Schröter (Die Linke). Statistiken zu biegen, gehöre zum politischen Geschäft, doch die AfD sei "beim Lügen ertappt" worden. Inhalte oder politische Färbung bewertete der VRdS nicht, aber die Argumentation müsse schon schlüssig sein. Weitere Kategorien waren Aufbau, Sprache, Publikumsorientierung, Vortrag, Umgang mit Publikumsreaktionen sowie Inszenierung, wo vor allem Söder gut abschnitt. Was Lichteffekte, Show und Bühnengestaltung angehe, habe die CSU klare Vorteile gegenüber Mitbewerbern, die manchmal ziemlich einsam auf der Straße stünden.

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Auch in der bayerischen Königsdisziplin "Bierzeltrede" gefiel Schulze. Jeweils zwei Termine jedes Bewerbers wurden untersucht, Parteiveranstaltungen wurden ausgespart. Befürchtungen, der Wahlkampf werde wegen des Flüchtlingsthemas "heftig und deftig geführt", bewahrheiteten sich kaum. Nur die AfD habe "die Klaviatur des Populismus" bedient, die meisten Redner benahmen sich gesittet. Der Trend gehe hin zu mehr Lockerheit, weg vom Manuskript. Man könnte auch sagen: Die Reden sind so gut auswendig gelernt, dass es nicht mehr auffällt. "Wichtig ist, dass die Rede nachhält und nachhallt", sagt die Journalistin Bettina Bäumlisberger, eine der neun Juroren.

Dialekt ist durchaus erwünscht, sofern ihn das Publikum auch versteht - für den hochdeutsch angehauchten Schnellsprecher Hartmann eine größere Herausforderung als für den niederbayerischen Muttersprachler Aiwanger. "Red a mal boarisch", wurde Hartmann von einem Zuhörer aufgefordert. Konsequenzen musste er keine erdulden. So gesehen lebt es sich für mehr oder weniger rhetorisch begabte Politiker heute doch nicht so schlecht. Ciceros letzter Auftritt auf der Rednertribüne am Forum Romanum war makaber still: Seine Mörder stellten Teile seiner Leiche zur Schau.