Positionspapier:Die Grünen zieht es ins Grüne

Lesezeit: 3 min

Ein Elektroauto wird auf der Strasse hinter einem Gartentor aufgeladen Klipphausen 07 08 2015 Kli

Das Auto wird auf dem Land auch nach Erwartung der bayerischen Grünen weiterhin eine große Rolle spielen. Nur elektrisch sollte es eben sein.

(Foto: Thomas Trutschel/imago/photothek)

Fern der Metropolen sind die Grünen bisher weniger gefragt. Deswegen haben Fraktionschef Ludwig Hartmann und die Bundestagsabgeordnete Manuela Rottmann für ihre Partei ein Positionspapier zur Politik auf dem Land geschrieben.

Von Matthias Köpf

Gerade dort, wo Bayern besonders grün ist, wachsen die Bäume für die Grünen oft nicht wirklich in den Himmel. In München sind sie inzwischen stärkste Partei, doch dass sie nach der Bundestagswahl trotz ihres bisher besten Wahlergebnisses überhaupt ein bisschen enttäuscht dreinschauten, hat auch mit der notorischen Schwäche der Grünen draußen auf dem Land zu tun. Gerade weil die Grünen fern der Metropolen bisher weniger gefragt sind, haben Ludwig Hartmann und Manuela Rottmann jetzt "Sechs Grüne Antworten für den Aufbruch auf dem Land" gegeben. Mit diesem Positionspapier wollen der Fraktionschef im Landtag und die fränkische Bundestagsabgeordnete Regionen in den Blick nehmen, die aus Hartmanns Sicht nicht nur selbst großes Potenzial haben, sondern eben auch noch viel Wählerpotenzial für die Grünen bergen.

Verkehr spielt eine zentrale Rolle

Das Land in diesem Sinn beginnt für Hartmann und Rottmann dabei nicht an der Stadtgrenze von München, Nürnberg, Augsburg oder Regensburg, sondern erst deutlich dahinter. Gerade dort am Land könne Bayern "am ehesten klimaneutral werden", sagt Hartmann - zumal dort schon immer der Pioniergeist zu Hause sei. Schließlich seien die bäuerliche Direktvermarktung nicht in den Metropolen erfunden und die ersten Genossenschaften zur Energieerzeugung nicht in den großen Städten gegründet worden. Andererseits lohnt sich die gerade heiß diskutierte Pendlerpauschale erst am Land so richtig, weshalb der Verkehr auch in dem grünen Positionspapier eine zentrale Rolle spielt.

Das eigene Auto werde auf dem Land "dauerhaft eine wichtige Funktion behalten", heißt es da etwa. Nur ein E-Auto soll es eben sein, das sich mit Solarstrom vom oftmals eigenen Dach und über die Steckdose in der eigenen Garage sogar viel leichter laden lasse als in der Stadt am Straßenrand. Zusätzlich erheben Hartmann und Rottmann freilich all die bekannten grünen Forderungen nach besseren Bus- und Bahnverbindungen, Rufbussen, Radwegen und Car-Sharing-Angeboten. Insgesamt 18 stillgelegte Bahnlinien haben die beiden bisher ausgemacht, die aus ihrer Sicht wieder für den regelmäßigen Personenverkehr reaktiviert werden sollten - und zwar nicht wie bisher anhand starrer Fahrgastzahlen, weil die auf dem Land oft kaum zu erreichen seien.

Wertkonservative im Visier

Am besten sollen die Menschen demnach aber erst gar nicht zur Arbeit in irgendeine ferne Stadt fahren müssen, sondern höchstens ins Nachbardorf zu ihrem Schreibtisch im neuen Co-Working-Space radeln. Dessen Aufbau könnte die Kommune anschieben, und ein spezielles Förderprogramm vom Freistaat bräuchte sie nach der Vision der beiden Grünen dafür nicht. Denn den Gemeinden wollen sie viel mehr Freiheiten geben als bisher. Anstelle zahlloser einzelner Förderprogramme mit jeweils bis ins Detail festgelegten Bedingungen solle man Kommunen, die sich zusammentun wollen, ein "Regionalbudget" einräumen. Aus dem könnten sie dann nach eigenem Dafürhalten in dem einen Ort das Schwimmbad sanieren, im anderen die Volkshochschule fördern und im dritten Geld in irgendwas anderes stecken, das ihnen noch am ehesten und besten selber einfällt. Denn die Selbstorganisation etwa in Vereinen sei auf dem Land ohnehin höher als in der Stadt. "Weg vom Kirchturmdenken" müsse man da kommen, findet Hartmann, denn wenn die eine Gemeinde auf die Ansiedlung eines Discounters verzichte und stattdessen ihre Ortsmitte stärke, so nütze das wenig, wenn dann die Nachbargemeinde den Billigmarkt auf die freie Wiese setze.

"Ohne Land gibt es keine Ernährungswende, keine Energiewende, keine Verkehrswende, kein gutes Leben für unsere Kinder und Enkelkinder. Es ist der Pionierraum für einen neuen Wohlstand", schreiben Hartmann und Rottmann. Das könnte in den Ohren etlicher Menschen auf dem Land immerhin deutlich schmeichelhafter klingen als das, was sie beispielsweise vor einigen Jahren bei den scharfen Debatten über das Volksbegehren "Rettet die Bienen" zu hören bekamen. Er freue sich immer noch über den riesigen Erfolg dieses Volksbegehrens, sagt Hartmann, aber einige Fehler habe man da schon gemacht. Einen Gegensatz zwischen Stadt und Land zu schaffen oder die vorhanden Gräben zu vertiefen, so wie Hartmann das Hubert Aiwanger und dessen Freien Wählern vorwirft, "das kann nicht unser Ziel sein".

Das Ziel, dass Hartmann und Rottmann mit ihrem Positionspapier verfolgen, ist ein mehrfaches. Neben der schlichten Sachebene geht es Hartmann erklärtermaßen auch darum, in die eigene Partei hineinzuwirken und den Blick der vielen urbanen Grünen ein bisschen nach außen zu lenken. Und mehr Wähler auf dem Land, die oft sehr wertkonservativ und gerade deshalb potenzielle Grünen-Wähler seien, will Hartmann bis 2023 natürlich auch von seiner Partei überzeugen. "Bis zur Landtagswahl wird da noch einiges kommen."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB