Kraftwerk an der Loisach Alarm im Fischparadies

Dieses herrliche Stück Natur an der Loisach heißt im Amtsdeutsch "fischfaunistisches Vorranggewässer". Was für eine Beleidigung!

(Foto: Manfred Neubauer)
  • Die Loisach nahe Großweil ist Lebensraum für seltene Arten wie die Mühlkoppe oder den Huchen. Ausgerechnet hier soll ein neuer Kraftwerktyp getestet werden.
  • Das sogenannte Schachtkraftwerk ist eine Anlage, wie es weltweit noch keine gibt. Es kommt ohne massive Wehre, Ausleitungen und Maschinenhäuser aus nund gilt als besonders schonend.
  • Doch Naturschützer lehnen das Projekt ab, da sich der Ort für das geplante Kraftwerk in einem sensiblen Naturschutzgebiet befindet.
Von Christian Sebald, Obernach/Großweil

Großweil ist ein altes Bauerndorf am Rande des Benediktbeurer Moores. Einst war der 1500-Einwohner-Ort mit seinen vielen Weilern bekannt für sein Kohlebergwerk. Heute ist es das weitläufige Bauernhofmuseum oben auf der Glentleiten, das viele Besucher in das Dorf zieht. Jetzt soll in Großweil Technik-Geschichte geschrieben werden. An der Loisach, die mitten durch den Ort fließt, soll ein völlig neuartiges Wasserkraftwerk errichtet werden.

Die Anlage soll nicht nur mehr Strom produzieren, als Großweil braucht. Sie soll den verfahrenen Streit um die Wasserkraft befrieden, der Stromversorger und Naturschützer entzweit. Zumindest sieht das Peter Rutschmann so. Der Professor lehrt an der TU München Wasserbau und hat mit seinen Mitarbeitern das Konzept für ein "ökologisches Schachtkraftwerk" entwickelt.

Rutschmanns Schachtkraftwerk ist eine Anlage, wie es weltweit noch keine gibt. Konventionelle Wasserkraftwerke bestehen aus massiven Wehren, die das Wasser des jeweiligen Baches oder Flusses aufstauen, bevor es direkt oder über einen Kanal zum Maschinenhaus geleitet wird. Dort durchströmt es die Turbinen, danach wird es in den Bach oder den Fluss zurückgeleitet.

Foto: SZ-Grafik

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So effizient und zuverlässig konventionelle Wasserkraftwerke arbeiten, unter Naturschützern sind sie höchst umstritten: Ihre Wehre sind für Fische und andere Wasserlebewesen unpassierbar. Und in den Turbinen - so klagen die Fischer - werden Millionen Fische regelrecht zerhäckselt.

Das neue Schachtkraftwerk kommt ohne massive Wehre, Ausleitungen und Maschinenhäuser aus. Denn die Turbinen samt Generator werden in einem zweieinhalb bis fünf Meter tiefen Schacht unter dem Gewässer untergebracht. Das Wasser fällt von oben auf sie und fließt, nachdem es durch das Kraftwerk geströmt ist, wieder in das Gewässer zurück.

Der Fluss selbst wird höchstens einen halben Meter angestaut, damit ausreichend Wasser für die Turbine vorhanden ist. Damit eignet sich das Schachtkraftwerk besonders für den Einbau in kleine Wehre oder Flussschwellen, wie sie zu Tausenden in Bayerns Bächen und mittelgroßen Flüssen stehen. 50 bis 70 Schachtkraftwerke könnten ohne Probleme im Freistaat errichtet werden, heißt es in einer Schätzung des Umweltministeriums.

Was der Vorteil des neuen Kraftwerktyps ist

Der entscheidende Vorteil der neuen Technologie ist aber, "dass sie die Fischwelt schont", wie Rutschmann betont. Denn ein Schachtkraftwerk wird zum Teil von Flusswasser überströmt. Dadurch bleiben die Wanderwege der Fische flussabwärts erhalten. Flussaufwärts werden Fischtreppen oder andere Wanderhilfen eingebaut. Damit möglichst wenige Fische in die Turbinen geraten, wird der Schacht mit einem Gitter abgedeckt, das sie von den Anlagen fernhält. Die wenigen Fische, die dennoch in die Turbinen gelangen, können sie meist problemlos durchschwimmen - zumindest in den Versuchen in Rutschmanns kleinem Versuchskraftwerk in Obernach am Walchensee.

Nun will der Forscher das Schachtkraftwerk in der Realität testen. Einen Partner hat er schon dafür: den Großweiler Bürgermeister Manfred Sporer (CSU). Die Gemeinde will schon lange ein Wasserkraftwerk an der Loisach errichten. Genau gesagt an einem alten Wehr, das vor 40 Jahren zu einer sogenannten rauen Rampe umgebaut worden ist, damit die Fische in der Loisach ungehindert hin und her schwimmen können.

Warum Naturschützer skeptisch sind

Die Unterstützung des Umweltministeriums und des Wirtschaftsministeriums haben Rutschmann und Co. inzwischen. "Die Errichtung von Pilotanlagen verbunden mit einem intensiven Monitoring der Gewässerökologie ist wichtig", heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Das Problem in Großweil ist aber, dass die Loisach dort ein Naturschutzgebiet von europäischem Rang ist - wegen der einzigartigen Fischwelt dort.

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So kommt hier die Mühlkoppe vor, eine der bedrohtesten Fischarten überhaupt in Bayern, und der Huchen, der ebenfalls auf der Roten Liste steht. Die Loisach bei Großweil hat deshalb den Rang eines "fischfaunistischen Vorranggewässers", wie die wenigen Flussabschnitte Bayerns auf Amtsdeutsch heißen, wo die Fischwelt noch in Ordnung ist. Deshalb kämpfen die Naturschützer und Fischer von Anbeginn gegen die Pilotanlage. "Die Technik ist vielversprechend und natürlich muss sie erprobt werden", sagt Albert Göttle, der Präsident des Landesfischereiverbands, "aber nicht in einem so hochrangigen Naturschutzgebiet mit einer so empfindlichen Fischwelt."

Bei den bis zu 30 000 Stauwehren und Flussschwellen in Bayern gebe es gewiss mehrere, die sich sehr viel besser für das Pilotkraftwerk eignen als ausgerechnet die Loisach bei Großweil. Der Bund Naturschutz lehnt das Projekt ebenfalls ab. Auch bei den Genehmigungsbehörden tat man sich lange schwer. Mehrmals forderten sie Experimente und Zusatzgutachten. Erst nach dreijährigem Tauziehen wurde das Projekt Ende 2014 genehmigt. Postwendend reichten die Fischer und der Bund Naturschutz Klage ein. Der Grund: Sollte die Anlage bei Großweil gebaut werden, wäre das ein Präzedenzfall. "Wir dürfen nicht riskieren", sagt Fischerpräsident Göttle, "dass unsere letzten intakten Gewässer leiden." Der Frieden im Streit um die Wasserkraft ist weiter entfernt denn je.