SZ-Serie: Dem Schnabel nach Schnepfinger wartet

Ende des 19. Jahrhunderts verschwanden an der unteren Isar die meisten Feuchtwiesen und damit die Lebensräume der Großen Brachvögel.

(Foto: Frank Derer)
  • Nachdem vermutlich ein Fuchs einen jungen Großen Brachvogel gefressen hat, den wir in den Süden und wieder zurückbegleiten wollten, setzte die SZ ihre ganze Hoffnung auf den Nachfolge-Vogel Schnepfinger.
  • Das klappte bislang gut. Der mit einem GPS-Sender ausgestattete Vogel ist inzwischen in Niederbayern und wartet vermutlich auf seinen Partner.
  • Ornithologen liefert Schnepfinger wichtige Belege in Bezug auf das Revierverhalten der Art.
Von Christian Sebald

Schon in seinem Überwinterungsgebiet im südspanischen Nationalpark Coto de Doñana war Schnepfinger ein extrem ortstreuer Vogel. Zwei Kilometer nach Norden den Guadalquivir entlang, zwei Kilometer gen Süden zum Mündungsdelta des Flusses und wenige hundert Meter nach Osten und Westen: Das war das Gebiet, in dem sich der Große Brachvogel aus dem Königsauer Moos den ganzen Winter über aufgehalten hat. Zurück in Niederbayern macht er es im Prinzip genau so. "Den ganzen Tag über ist Schnepfinger im selben Brutrevier anzutreffen wie vor einem Jahr", sagt Friederike Herzog. "Aber nicht nur das. Die meiste Zeit tummelt er sich direkt um sein damaliges Gelege herum."

Für Herzog ist das eine wichtige Beobachtung. Zwar vermuten Ornithologen seit langem, dass Große Brachvögel sehr standorttreu sind. Aber dass sie nicht nur jedes Jahr direkt ins selbe Revier zurückkehren, sondern auch noch zum selben Gelegestandort, dafür fehlten bisher die Belege. Die sollen nun Schnepfinger und andere Große Brachvögel liefern. Die Tiere, die zu den seltensten Vögeln in Bayern zählen, sind vom Aussterben bedroht. Um sie zu retten, hat der Landesbund für Vogelschutz (LBV) ein großes Forschungsprojekt gestartet.

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Die Biologin Herzog und ihre Mitarbeiter haben dazu Schnepfinger und anderen Brachvögeln GPS-Sender umgeschnallt. Die Geräte senden mehrere Male am Tag via Handynetz Daten an die Computer in der LBV-Zentrale im fränkischen Hilpoltstein. So wollen die Forscher aufklären, was die Tieren den lieben langen Tag treiben. Denn obwohl Brachvögel noch vor gar nicht so langer Zeit recht häufig waren in Bayern, weiß man nur wenig über sie. Die SZ begleitet Schnepfinger.

Schnepfingers Brutrevier liegt mitten im Königsauer Moos. Das einstige Niedermoor an der unteren Isar zwischen Landshut und Wallersdorf ist Ende des 19. Jahrhunderts entwässert und in Ackerland umgewandelt worden. In der Folge verschwanden die allermeisten üppig blühenden Feuchtwiesen dort und damit die Lebensräume von Brachvögeln, Mehlprimeln, Moorbläulingen und anderen Moorbewohnern. Zwar sind die Verluste enorm. Aber die Überreste des Königsauer Mooses, die sich auf etwa 1300 Hektar Fläche entlang der Autobahn A 92 erstrecken, sind immer noch ein Naturjuwel. Sie gehören zu den wenigen Gebieten in Bayern, in denen noch Große Brachvögel leben.

Über Schnepfingers Revier selbst will Herzog gar nicht so viel verraten. Sie befürchtet, dass sonst einer auf die Idee kommen könnte, sich an die Fersen des Brachvogels zu heften. Das aber wollen Herzog und die anderen Mitarbeiter in dem Forschungsprojekt vermeiden. Denn Große Brachvögel reagieren sehr empfindlich auf Störungen. Es braucht nicht viel, dass sie ihren Nistplatz aufgeben, und dann sind weitere Verluste in der eh schon sehr kleinen Population programmiert. Deshalb nur so viel: Schnepfingers Revier ist eine Feuchtwiese unweit einer kleinen Landstraße. Etwa 150 Meter entfernt steht eine Baumreihe. "Drumherum bauen die Landwirte auf ihren Äckern hauptsächlich Rüben und Kartoffeln an", berichtet Herzog.

Tagsüber schreitet Schnepfinger gemessenen Schritts auf seiner Wiese auf und ab. Immer wieder stochert er mit seinem langen, nach unten gebogenen Schnabel im Gras nach Würmern und anderem Kleingetier. Hin und wieder fliegt er kurz über die Autobahn hinweg zu einem Kiesweiher. Aber alsbald ist er wieder zurück am Nistplatz. "Der Grund dafür dürfte sein", so vermutet Herzog, "dass Schnepfinger auf die Ankunft seines Partners wartet."

Bei den Brachvögeln ist es nämlich so: Sie sind lebenslang treu. Allerdings nicht ihrem Partner. Sondern ihrem Revier. Das heißt: "Brachvogelpaare sind nur zur Paarung, zum Ausbrüten ihrer Eier und zur Aufzucht der Jungen zusammen", sagt Herzog. "Die restliche Zeit des Jahres, vom Abflug ins Winterquartier bis zu ihrer Rückkehr von dort, verbringen sie ein jeder für sich alleine." Erst nach ihrer Rückkehr treffen sie sich wieder - in ihrem angestammten Brutrevier. Wenn also Schnepfinger dieser Tage immer direkt an seinem Nistplatz anzutreffen ist, heißt das, dass er auf keinen Fall die Ankunft seines Partners verpassen will. Wobei weiter unklar ist, ob Schnepfinger ein Männchen oder ein Weibchen ist. Der Gentest, mit dem Herzog das aufklären will, ist noch nicht gemacht.

Nur abends verlässt Schnepfinger seine Wiese. Dann fliegt er in eines seiner beiden Nachtquartiere. Das eine liegt fünf Kilometer entfernt im Südwesten des Brutreviers. Zum anderen, das sich ebenfalls auf einem Acker befindet, sind es elf Kilometer nach Nordosten. Der Grund, warum Schnepfinger nicht in seinem Brutrevier übernachtet, dürfte ebenfalls ein einfacher sein. "Wahrscheinlich will er Füchse und andere Fressfeinde von seinem Nistplatz fernhalten", sagt Herzog. "Sie sollen möglichst nicht mitbekommen, dass da schon bald Brachvögel brüten." Denn so ein Fuchs ist berechenbar. "Wenn er einmal weiß, wo es was zu holen geben könnte, schaut er immer wieder nach, ob da was ist", sagt Herzog. Aber egal, wo Schnepfinger übernachtet, am nächsten Morgen ist er zurück in seinem Brutrevier. Und zwar meistens ab sechs Uhr früh. Denn es könnte ja sein, dass endlich sein Partner eintrifft.

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