Gräfenbergbahn Pendeln wie im 19. Jahrhundert

Mit der Gräfenbergbahn gibt es immer wieder Probleme.

(Foto: dpa)

Die Gräfenbergbahn könnte ein wunderbar umweltfreundliches Verkehrsmittel sein. Doch für die, die sie nutzen, bringt sie hauptsächlich Ärger.

Kolumne von Olaf Przybilla

Wenn Boris Palmer in Berlin ankommt, so beschleicht ihn das Gefühl, er verlasse den "funktionierenden Teil Deutschlands". Daraus lässt sich zwingend schließen, dass Tübingens OB auf seiner Reise in die Hauptstadt noch nie die Gräfenbergbahn in Anspruch genommen hat. Was einerseits verständlich ist, rattert diese doch von Nürnberg aus 28 Kilometer nordwärts in ein Wanderparadies in Oberfranken. Andererseits freilich würde Palmer in Kenntnis dieser Bahn seine Formulierung vom "funktionierenden Teil Deutschlands" so gewiss nicht in die Welt gesetzt haben.

Und damit zu André Klein, einem Betriebsrat des Schreibgeräteherstellers Schwan-Stabilo. Der hat zum Thema allerlei beizutragen, immerhin leuchtet die Gräfenbergbahn nicht nur Angeheiterte aus einem fränkischen Alkohol-Arkadien, der Klosterbrauerei Weißenohe, nach Hause. Sie transportiert auch Werktätige zum Arbeitsplatz, theoretisch. Tatsächlich hatten sich im Betrieb einst 540 Mitarbeiter ein Abo gesichert, um umweltfreundlich die Schicht zu erreichen. Bis der Ärger am Arbeitsplatz so groß wurde, dass weniger als die Hälfte davon übrig blieb. Man weiß eben nicht, wann man ankommt, wenn man diese Bahn besteigt. Respektive ob man überhaupt ankommt.

Wer den Eindruck hat, in Bayern in einem zunehmend seelenlosen Technologieland zu leben; wer dem Verlust alter Zeiten nachtrauert; wer gerne Geschichten aus dem 19. Jahrhundert lauscht - der muss bei Herrn Klein anfragen. Seit elf Jahren nutzt er die Bahn, richtig funktioniert hat sie nie. Dafür erlebte er wunderbare Momente: etwa die schöne Zeit, als der Zugführer aus der Bahn steigen, eine Schranke runterkurbeln, den Zug 50 Meter weiter fahren, aussteigen und die Schranke wieder hochkurbeln musste. Reisen wie beim Bahnwärter Thiel.

Schüler laufen Kilometer lang, um ins Klassenzimmer zu gelangen. Ersatzbusse fahren ab, lassen wartende Fahrgäste stehen. Die Bahn verteilt Müsliriegel zum Trost. Man könnte Herrn Klein stundenlang zuhören. Nachdem diese Geschichten inzwischen den Landtag beschäftigen, gelobt die Bahn Besserung: ein Fünf-Stufen-Plan! An Ostern geht's rund an der Strecke, Ausbesserungen. Und schon 2028 soll alles funktionieren! Zum Jubeltag sollte man Boris Palmer einladen.