Landshuter Hochzeit:Ein Glossar

Landshut - Herzoglicher Turnierhof

Selbst bei der Generalprobe zur Landshuter Hochzeit sind Handys oder Brillen verboten.

5616 Eimer Wein, 1,5 Zentner Safran und 1133 ungarische Schafe: Die historische Vorlage für die Landshuter Hochzeit ist bestens dokumentiert. Ein Glossar.

Von Hans Kratzer

Zeitgenössische Berichte

Die Landshuter Hochzeit von 1475 ist das am besten dokumentierte Fest des Mittelalters. Nicht nur, dass die Rechnungen überliefert sind. Mehrere Chronisten haben viele Begebenheiten bei dem einwöchigen Gelage minutiös festgehalten - bis hin zu Diebstählen und Prostitution. Dazu gibt es eine Unmenge von Zahlen und Daten, etwa die Liste der Gäste, die Turnierfolge und die Speisezettel. Auch Teile der diplomatischen Korrespondenz haben die Zeiten überdauert. All diese Schriften ermöglichen faszinierende Einblicke in das Festgeschehen. Der ausführlichste Bericht stammt von dem Landshuter Klosterschreiber Hans Seybolt. Eine gute Ergänzung bieten die Augenzeugenberichte des Festbesuchers Hans Oringen, der im Dienst des Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg stand, sowie die Aufzeichnungen des Geistlichen Veit Arnpeck. Es tauchen immer wieder neue Quellen auf. In der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin wurde zuletzt der Augenzeugenbericht des rheinländischen Hochzeitsgastes Johann Gensbein entdeckt. Er war Schreiber in der Kanzlei des Grafen Philipp von Katzenelnbogen (1402-1479). Er nahm wohl im Auftrag seines Dienstherrn an der Hochzeit teil.

Das Festspiel

Das dreiwöchige Festspiel "Landshuter Hochzeit 1475" findet alle vier Jahre statt. Im Jahr 2017 wird die 41. Aufführung inszeniert. 542 Jahre sind seit dem Original ins Land gegangen, aber auch das moderne Spektakel versetzt die Stadt wie eh und je in eine Art Ausnahmezustand. Wenn Landshut Mittelalter spielt, werden Festzüge, Turniere, Tanzspiele, Kostüme und Konzerte in einer bislang unerreichten historischen Detailtreue präsentiert. Das 1903 erstmals aufgeführte Festspiel ist auf diese Weise selbst ein historisches Ereignis geworden. Eine aktuelle Ausstellung in der Heiliggeistkirche bündelt dieses Phänomen in dem Titel "Mythos Hochzeitsstadt". Mehr als 2400 Teilnehmer zeigen in einer faszinierenden Aura den gesellschaftlichen Querschnitt der damaligen Zeit. Beginnend beim Kaiser, reicht das Spektrum über den Hochadel, die Geistlichkeit und das Bürgertum bis zu Landsknechten, Gauklern, Fahnenschwenkern, Musikgruppen und einer großen Kinderschar.

Die Förderer

So nennt sich der Verein, der die Landshuter Hochzeit ausrichtet und in der Stadt eine veritable gesellschaftliche Bedeutung hat. Er hat 7000 Mitglieder und existiert schon seit 115 Jahren. Laut Satzung besteht die Vereinsaufgabe in der Förderung kultureller Zwecke, insbesondere die Durchführung der historischen Veranstaltung "Landshuter Hochzeit 1475" und Erhalt dieser Veranstaltung als Kulturgut. Auch hat er sich für die Erhaltung des historischen Stadtbilds einzusetzen. Die Finanzierung der Aufführungen wird fast ausschließlich vom Kartenverkauf und von Spenden bestritten. Den Einnahmen stehen gewichtige Ausgaben gegenüber, allein 1,5 Millionen Euro für Turnier-, Lager- und Zehrplatz. 300 000 Euro verschlingt der Aufbau der Tribünen. Der Verein residiert im gotischen Stethaimer-Haus, einst Wohnhaus des Baumeisters der Martinskirche. Außerdem gehört ihm das Zeughaus neben dem Turnierplatz, wo die Fahrnisse und Aufbauten untergebracht sind sowie der Fundus mit den Kostümen.

Der Bräutigam

Herzog Georg der Reiche von Bayern-Landshut wurde am 15. August 1455 geboren. Er war der Sohn von Herzog Ludwig dem Reichen von Bayern-Landshut und dessen Gemahlin Amalie, Kurfürstentochter von Sachsen. In Burghausen, einer der größten Burgen Europas und Familiensitz der Landshuter Herzöge, wuchs er auf. Mit 13 Jahren wurde er bereits zu den Regierungsgeschäften hinzugezogen. Bei seiner Hochzeit war der 20-Jährige mitregierender Herzog. Er starb am 1. Dezember 1503. Begraben wurde er im Zisterzienserinnenkloster Seligenthal in Landshut, dem Begräbniskloster der Landshuter Herzöge. Sein Tod löste den Landshuter Erbfolgekrieg von 1504 aus. Herzog Albrecht von Bayern-München und König Maximilian erkannten das Testament Georgs zugunsten seiner Tochter Elisabeth nicht an. Die Niederlage der Landshuter in diesem Krieg bedeutete schließlich das Ende des Teilherzogtums Bayern-Landshut.

Die Braut

Hedwig von Polen wurde am 21. September 1457 geboren. Sie war die Tochter des Polenkönigs Kasimir IV. und seiner Gemahlin Elisabeth. Trotz der österreichischen Herkunft der Mutter scheint Hedwig nicht genügend Deutsch verstanden zu haben, da ihr bei der Hochzeit alle Ansprachen übersetzt wurden. Die gängige Meinung, Herzogin Hedwig sei gleich nach ihrer Hochzeit nach Burghausen verbannt worden, entspricht nicht den Tatsachen. Sie führte vielmehr wie ihre Vorgängerinnen ein normales Leben auf der Burg von Burghausen, wo sie fünf Kinder gebar. Zwei Mädchen blieben am Leben. Trotzdem: Ihre Existenz erscheint weiterhin seltsam schemenhaft, wie es der Landshuter Museumsleiter Franz Niehoff ausdrückt. Sie starb am 18. Februar 1502 im Alter von 44 Jahren und wurde in der Kirche des Zisterzienserklosters Raitenhaslach bei Burghausen bestattet. Eine Gedenkinschrift im Fußboden erinnert dort bis heute an sie.

Speisung der Gäste

Die Hochzeit von 1475 war ein Fest der Superlative. Die vielen tausend Hochzeitsgäste wurden in kulinarischer Hinsicht rekordverdächtig verwöhnt. Alle Bewohner und Besucher waren eine Woche zechfrei. Unter anderem wurden verzehrt: 323 Ochsen, 285 Brühschweine, 1133 ungarische Schafe, 625 neugeborene Schafe und 1537 Lämmer, 490 Kälber, 684 Sponsauen, 11 500 Gänse, 40 000 Hühner, 194 345 Eier, 220 Zentner Schmalz, 8 Schaff Zwiebeln, mehrere Tonnen Fluss- und Seefische, 5 Zentner Mandeln und Reis, 140 Pfund Rosinen, 730 Pfund Feigen, 18 390 Maß Hefewein, 330 Maß Met, 5616 Eimer Speisewein, 1,5 Zentner Safran.

© SZ vom 29.06.2017
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