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Zum Tod von Karl Ludwig Schweisfurth:Der Metzger, der glückliche Schweine liebte

Karl Ludwig Schweisfurth, 1994

Karl Ludwig Schweisfurth ermöglichte seinen Tieren eine möglichst artgerechte Haltung mit viel Auslauf.

(Foto: Regina Schmeken/SZ Photo/laif)

Erfolgreicher Großunternehmer, einer der ersten Bio-Pioniere Deutschlands und unermüdlicher Kämpfer für das Tierwohl. Karl Ludwig Schweisfurth stand für eine nachhaltige Wirtschaft, die nach ethischen Grundsätzen funktioniert.

Sein Damaskuserlebnis fand in einem Schweinestall statt. Gerade an einem solchen Ort kann man vom Saulus zum Paulus werden. 1984 war das. Karl Ludwig Schweisfurth, erfolgreicher Chef von Herta-Wurst, besuchte einen Lieferanten, einen Schweinemastbetrieb mit 3000 Tieren. Nichts Ungewöhnliches eigentlich, heutige Betriebe mästen bis zu 60 000 Schweine gleichzeitig. Aber Schweisfurth reichte das schon. "Die Wucht der Bilder und Gerüche schlug mir in den Solarplexus", schrieb er später in seiner Autobiografie "Der Metzger, der kein Fleisch mehr isst ...", und weiter: "Mein Gott, war mir flau!" Dort erst sei ihm klar geworden, dass die angeblichen Ställe in Wahrheit "eine Hölle für Schweine" waren und das Ergebnis etwas, auf das der Mensch nicht stolz sein sollte: "Wir haben das Schwein gründlich zur Sau gemacht."

Bis zu diesem Zeitpunkt war Karl Ludwig Schweisfurth ein sehr erfolgreicher Unternehmer gewesen. Anfang 50 war er da, und er hatte längst zu zweifeln begonnen, ob das, was er da machte, richtig war. Seine heranwachsenden Kinder - zwei Söhne, eine Tochter - setzten ihm zu, die Öko-Bewegung nahm langsam Fahrt auf. Und nach der Trennung von seiner ersten Frau lernte er eine Münchnerin kennen, Dorothee, die sich für den Buddhismus interessierte. Karl Ludwig Schweisfurth entschied sich für einen radikalen Schnitt und wurde Öko-Bauer - im weitesten Sinne.

Das war ihm nun wirklich nicht in die Wiege gelegt worden, im Gegenteil. Mitten im Sommer des Jahres 1930 im westfälischen Herten geboren, machte er das, was die Männer in der Familie seit Ewigkeiten taten: Er wurde Metzger. Sein Vater hatte die kleine Metzgerei der Familie bereits zu einer Fleischfabrik ausgebaut, und als Karl Ludwig Schweisfurth 25 Jahre alt war, schickte der Vater ihn in die USA, zu den Großschlachthöfen und Weiterverarbeitungsfabriken in Chicago. Der Sohn konnte sich da ja möglicherweise etwas abschauen fürs eigene Unternehmen.

So war es in der Tat. Der junge Karl Ludwig Schweisfurth war begeistert. Einiges von dem, was er in Chicago gesehen hatte, setzte er um, und in den Wirtschaftswunderjahren florierten die Herta-Werke wie kein zweites Unternehmen der Branche. Herta wurde zum größten Wursthersteller Europas. Der Slogan: "Wenn's um die Wurst geht - Herta" wurde zum geflügelten Wort, Schweisfurth kaufte eine Firma nach der anderen auf. Der Umsatz stieg auf enorme 1,8 Milliarden D-Mark, Herta beschäftigte insgesamt 5500 Mitarbeiter. Da war der Metzger Schweisfurth längst zum Manager geworden und verbrachte die meiste Zeit in Konferenzen und in Flugzeugen, die ihn zu seinen verschiedenen Fabriken brachten. In der knappen Zeit, die ihm zum Nachdenken blieb, beschäftigte er sich viel mit zeitgenössischer Kunst, stattete die Firmenzentrale mit Werken der Moderne von Andy Warhol bis Wolf Vostell aus. Und war bis zuletzt durchaus stolz darauf, was er als Unternehmer erreicht hatte.

Aber es wuchsen in ihm auch die Zweifel an dem, was er so Tag für Tag machte. Lebensmittel - das war ein Begriff, der doch eigentlich mit Hochachtung zu tun hatte? Da steckte das Leben drin, das Tiere lassen mussten, damit der Mensch sein Leben fortführen konnte. Wo war denn die Hochachtung in dem, was er tat?

Er fand dann irgendwann keine Antwort mehr, die ihn überzeugte. "Mir war schlagartig klar", sagte er später über sein Erweckungserlebnis, "dass Fleisch von derart gequälten Tieren keine lebensfördernde Nahrung für uns Menschen sein kann." Und so verkaufte er Herta 1984 an den Schweizer Lebensmittelmulti Nestlé, um selbst etwas ganz Neues zu beginnen.

Und das in Bayern, was letztlich seiner zweiten Frau Dorothee zu verdanken ist. Schweisfurth gründete seine eigene Stiftung zur Förderung ökologischer Lebensweisen, stattete sie mit einem Grundkapital von 50 Millionen D-Mark aus und gründete bei Glonn die Herrmannsdorfer Landwerkstätten, ergänzt durch das Tagungszentrum Sonnenhausen. Mit diesem ökologischen Musterbetrieb wollte er zeigen, dass andere Produktions- und Ernährungsweisen möglich sind, dass der Mensch eben doch weitgehend im Einklang mit der Natur leben kann. "Anfangs dachten alle, der Schweisfurth hat jetzt einen Vogel", erzählte er später oft, und natürlich musste er anfangs mächtig draufzahlen, denn biologisch erzeugtes Fleisch rechnete sich noch lange nicht, und neue Haltungsformen erst recht nicht. Dafür schrieb er Lebens-Mittel jetzt mit einem Bindestrich in der Mitte - um deutlich zu machen, wie wichtig ihm der Begriff "Leben" darin war.

Das Draufzahlen war es ihm einfach wert, sagte er später, als er mit biologisch erzeugten Lebensmitteln längst wieder Geld verdiente. Karl Ludwig Schweisfurth war ja durchaus stolz auf seinen westfälischen Sturschädel, und abgesehen davon war ihm Geld nicht mehr wichtig. Das klingt immer wie eine Floskel, wenn man mehr als genug davon besitzt. Aber Schweisfurth lebte seine Grundsätze und fuhr etwa den billigsten Kleinwagen von VW, weil es mehr halt auch nicht brauchte, fand er, und weil er damit auch etwas demonstrieren konnte. Wichtiger war ihm sowieso das, was er weitergeben konnte, mit seiner Stiftung, aber auch mit den Ideen, die sie verbreitete. "Bio-Pionier" wurde er früh schon genannt, weil die möglichst artgerechte Haltung mit viel Auslauf und die möglichst stressfreie Schlachtung auf dem Gut selbst beispielgebend waren für viele Bio-Bauern, die ihm nachfolgen sollten.

Schweisfurth förderte auf verschiedenen Wegen nachhaltige und ökologische Projekte im Bereich Tierwohl. Er entwickelte die Idee einer "symbiotischen Landwirtschaft", in der Nutztiere und Pflanzen zum gegenseitigen Nutzen zusammenlebten: "Die Schweine schützen das Geflügel vor Mardern und Füchsen, die Hühner picken ihnen die Parasiten aus dem Fell", umschrieb er das Prinzip mit einem Beispiel. In den letzten Jahren zog er sich nach und nach zurück und beschränkte sich auf seine Rolle als "der Alte von Herrmannsdorf", wie er sich selbst gern nannte.

"Ich bin heute sehr glücklich", sagte Karl Ludwig Schweisfurth zuletzt oft. Herrmannsdorf hatte er schon längst seinem Sohn Karl übergeben, mittlerweile hat dessen Nichte Sophie Schweisfurth die Leitung inne. Karls Zwillingsbruder Georg hat die Biomarktkette Basic mitgegründet, betreut bis heute das benachbarte Gut Sonnenhausen, Tochter Anne kümmert sich um die Stiftung. In der Nacht zum Samstag ist Karl Ludwig Schweisfurth gestorben, wie seine Familie am Sonntag mitteilte: "Wir werden das Werk in seinem Sinne fortführen."

© SZ vom 18.02.2020/syn
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