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Gleusdorf:Die jüdische Geschichte bleibt lebendig

Synagoge in Gleusdorf

An diesem Sonntag wird der Lernort in der früheren Synagoge von Gleusdorf für Besucher öffnen.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

In Unterfranken wird in der ehemaligen Synagoge ein Lernort eröffnet.

Von Kathrin Zeilmann/dpa, Gleusdorf

Sie lebten in weitgehend einfachen Verhältnissen und waren auf die Duldung des Landesherrn angewiesen: Jahrhundertelang wohnten Juden in Bayern meist auf dem Land. Genauer gesagt in Franken, aber auch in Teilen Schwabens. Denn in den dortigen Territorien durften sie sich niederlassen, als sie im ausgehenden Mittelalter aus den großen Städten vertrieben worden waren.

Wer heute durch die unterfränkischen Landkreise oder durch ländliche Regionen Mittelfrankens fährt, wird womöglich überrascht sein: von ehemaligen Synagogen, von jüdischen Friedhöfen mit uralten Grabsteinen. Doch mehr ist nicht geblieben vom einst so vielfältigen jüdischen Leben in Franken. Viele Gemeinden lösten sich im 19. Jahrhundert auf, als Juden wieder in die Städte ziehen durften. Etliche Familien wanderten auch in die USA aus. Und die Gemeinden, die übrig blieben, wurden spätestens im Nationalsozialismus ausgelöscht.

"Wenn wir ehrlich sind, ist das Landjudentum nur noch mit alten Gebäuden präsent, doch hier kann Franken tatsächlich ein reiches Erbe vorweisen", sagt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden. "Viele Baudenkmäler wurden liebevoll restauriert oder dienen heute als Kulturzentren, in denen viel Wissen über das Judentum vermittelt wird und die jüdische Kultur lebendig bleibt." Jüngstes Beispiel: Gleusdorf im unterfränkischen Landkreis Haßberge. Passend zum Erinnerungsjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" wird in der ehemaligen Synagoge des Dorfes an diesem Sonntag ein Lernort eröffnet. Dort, wo sich bis 1909 die jüdische Gemeinde zum Gebet versammelt hat, gibt es künftig viele Informationen zum Landjudentum. Die einstige Synagoge befand sich lange im Privatbesitz, 2016 konnte die Gemeinde das Gebäude kaufen und ein Nutzungskonzept erarbeiten.

In der Kommune von Bürgermeister Harald Dietz in Memmelsdorf ist bereits eine als Lernort genutzte ehemalige Synagoge. Er spürt ein großes Interesse an der jüdischen Geschichte: "Das Thema zieht viele Menschen an." Bayern habe sämtliche jüdischen Friedhöfe sowie viele ehemalige Synagogen und Mikwen - das sind rituelle Tauchbäder - als Einzeldenkmäler geschützt, erklärt Ludwig Spaenle, der Antisemitismusbeauftragte der Staatsregierung. "Ihre Restaurierung wird im Rahmen der Denkmalpflege staatlich gefördert." Der Tourismusverband Franken hat eigens eine Broschüre unter dem Titel "Schalom Franken" herausgebracht, um auf die vielen Denkmäler im Zusammenhang mit jüdischer Geschichte hinzuweisen. Das Festjahr soll, so die Hoffnung Spaenles, dazu einladen, "sich aktiv mit der jüdischen Geschichte auseinanderzusetzen".

Es habe in den Ortschaften keine Ghetto-Bildung gegeben, sagt die Museums-Leiterin

Josef Schuster setzt zudem auf eine bessere Bildung im Zusammenhang mit der Geschichte des Judentums in Deutschland: "Vor allem in den Schulen muss die jüdische Kultur, Religion und Geschichte intensiver vermittelt werden als bisher. Wer in Deutschland die Schule abschließt, sollte nicht nur ein solides Wissen über die Schoa haben, sondern auch über die Bedeutung des Judentums für dieses Land in den Jahrhunderten zuvor und auch heute." Wie also lebten die Juden auf dem Land in Franken? Meist in einfachen Verhältnissen, sagt Daniela F. Eisenstein dazu, die Leiterin des Jüdischen Museums Franken. Sie betrieben Krämerläden oder wanderten von Ort zu Ort, um Waren zu verkaufen. Reichere Mitglieder kümmerten sich um die soziale Absicherung der ärmeren, in den Gemeinden wurde gegenseitige Unterstützung groß geschrieben. "Das soziale Netz hat funktioniert." Bildung sei - wie generell im Judentum - sehr wichtig gewesen. Talmudschulen wie in Schnaittach oder Schwabach hatten auch ein größeres Einzugsgebiet.

Ein eigener Friedhof war längst keine Selbstverständlichkeit, oft mussten die Gemeinden lange mit den Territorialherren verhandeln, bis sie ein Grundstück kaufen konnten, um ihre Toten zu bestatten. In vielen Dörfern waren zahlreiche Haushalte jüdischen Glaubens. Eisenstein beschreibt sie als "gut integriert". Man habe zusammen gelebt, die jüdischen Händler hätten christliche Kundschaft gehabt. "Man kannte sich, die Kinder haben zusammen gespielt." Es habe in den Ortschaften keine Ghetto-Bildung gegeben, Juden und Christen hätten "Tür an Tür" gewohnt.

Trotzdem zog es ab dem 19. Jahrhundert viele jüdische Familien wieder in die Städte oder auch gleich auf die andere Seite des Atlantiks. Etliche Juden seien so arm gewesen, dass sie hofften, durch die Auswanderung ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können, sagt Eisenstein. Prominentes Beispiel ist Levi Strauss, geboren im oberfränkischen Buttenheim - und in den USA berühmt geworden als Erfinder der Jeans.

© SZ vom 10.06.2021/van
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