Ausstellung Die Freiheit auf dem Lande

Schluss mit dem alten Muff: Die neue Mode erreichte auch die sittenstrengen Bauernhöfe in Oberbayern.

(Foto: FLM Gletnleiten)

Das Museum auf der Glentleiten in Oberbayern zeigt, welchen Sprung die Gesellschaft in den Zwanzigern machte. Vor allem Frauen fanden zu einem neuen Selbstbewusstsein.

Von Matthias Köpf

Die 15 Frauen schauen dem Fotografen erhobenen Hauptes und mit selbstbewusstem Blick ins Objektiv. Ihre Gewänder sind schlicht und gerade geschnitten, keine Spur von Dirndl und Mieder oder lagenweise Unterröcken. Und sie enden weit über den Knöcheln. Ein paar Jahre vorher wäre das praktisch unvorstellbar gewesen, rund um die oberbayerische Kleinstadt Laufen, aus der die Aufnahme stammt. Die Frauen sind Mägde, wahrscheinlich frühe Pendlerinnen mit Anstellung in der Stadt. Daheim in ihren Dörfern, wo die soziale Kontrolle groß war, wurden sie wohl misstrauisch beäugt in diesen neumodischen Kleidern und mit diesen Frisuren, die dem Bubikopf schon ziemlich ähnlich sind.

Ganz so weit sind diese Dienstmägde damals aber noch nicht gegangen, ihre langen Haare haben sie mit dem Brenneisen gewellt und mit Nadeln zu scheinbaren Kurzhaarfrisuren zusammengesteckt. Buchstäblich wurden die alten Zöpfe auf dem Land erst einen Weltkrieg später abgeschnitten. Doch eine neue Zeit war auch in den Dörfern schon nach 1918 angebrochen. Was von der Räterepublik und den Goldenen Zwanzigern dort angekommen ist, zeigt das Freilichtmuseum an der Glentleiten in Großweil (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) nun in einer Sonderausstellung.

Freilandmuseen

Geschichte an der frischen Luft

Die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts und ihre unmittelbare Vorgeschichte haben ohnehin Konjunktur, kurz bevor das 21. Jahrhundert in seine eigenen Zwanziger eintritt. 2018 gab es 100 Jahre Freistaat und Räterepublik zu feiern, heuer jähren sich zum hundertsten Mal die ersten Wahlen in Deutschland, bei denen auch Frauen wählen und gewählt werden durften. "Babylon Berlin" fesselt das Publikum als Fernsehserie. Paillettenbesetzte Charleston-Kleider wie in der Metropole trug tief im Oberbayerischen freilich niemand, "Babylon Machtlfing" hat es nie gegeben.

Schon München war im Vergleich zu Berlin konservativ und rückwärtsgewandt, am Land regierten das Beharren und die Reaktion. Zwar wurde etwa auch in Garmisch die Räterepublik proklamiert, wie Plakate aus dem dortigen Marktarchiv zeigen. Aber dort war damit schon nach wenigen Tagen Schluss, es folgten andere Aufrufe: "Herunter von den Bergen! Heraus aus Euren Tälern!", hieß es, um sich dem Freikorps Werdenfels anzuschließen und in München "dem Spartakus den eisenbeschlagenen Schuh ins Genick zu setzen".

Progressiv sei man auf dem Land hauptsächlich aus purem Pragmatismus gewesen, sagt Jan Borgmann, der die volkskundliche Sammlung der Glentleiten leitet und zusammen mit Gerlinde Bartenschlager und Annika Röttinger die aktuelle Sonderausstellung kuratiert hat. So habe sich die neue Frauenmode nicht zuletzt deswegen durchgesetzt, weil knöchellange Röcke und enge Korsetts schlicht hinderlich waren bei all den schweren Arbeiten, welche die Frauen anstelle der kriegführenden Männer hatten erledigen müssen, ergänzt Museumsdirektorin Monika Kania-Schütz. Auch als viel zu wenige dieser Männer wieder heimkamen, wurden sie zwar von Leuten wie dem damaligen Tölzer Bürgermeister Stollreither als "unsere unbesiegten Besiegten" gefeiert, aber ganz in ihre alten Rollen drängen ließen sich die Frauen von ihnen nicht mehr.

Den Toten baute man überall Kriegerdenkmäler, doch die scheinen bis heute noch kaum irgendwo verzichtbar, weshalb im Freilichtmuseum an der Glentleiten noch keines zu finden ist - anders als im Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken in Bad Windsheim, wo inzwischen das Kriegerdenkmal aus der Altstadt von Ornbau (Landkreis Ansbach) neu aufgebaut wurde und Ende Juni enthüllt werden soll.

Als Original aus den Zwanzigern steht an der Glentleiten die "Zollingerhalle" aus Warngau in ihrer damals revolutionären holzsparenden Systembauweise. Sonst haben man bewusst darauf verzichtet, das Thema der Sonderausstellung auch in den Häusern auf dem weitläufigen Gelände gesondert aufzugreifen, sagt Direktorin Kania-Schütz. Die Gebäudeensembles sollten für sich sprechen, die Besucher nach der Sonderausstellung im 2018 eröffneten neuen Empfangsgebäude selbst einen Blick für die Details aus den Zwanzigern entwickeln.

Die zeigen sich in der fortschreitenden Elektrifizierung auf dem Land ebenso wie im Aufstieg des Sports als Massenphänomen, an der Verbreitung der Radios und an den Filmvorführungen in den Wanderkinos. Wirklich "golden" waren die Zwanziger sowieso nur recht kurzzeitig, weshalb die Wendung in der Ausstellung nur den Untertitel unter "Eine neue Zeit" bildet. Bald beutelte die Weltwirtschaftskrise auch die Menschen am Land, die Dreißiger wurden braun.

100 Jahre Freistaat Bayern Wie die Bayern ihre Bräuche entwickelt haben

100 Jahre Freistaat

Wie die Bayern ihre Bräuche entwickelt haben

Die Menschen im Freistaat haben stets Traditionen aus aller Welt in ihre Kultur integriert. Die Sitten und Riten wandeln sich bis heute - und es gibt davon mehr denn je.   Von Hans Kratzer