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Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme":Sekten-Mädchen werden zum Politikum

Zwei Mädchen der umstrittenen Sekte "Zwölf Stämme" sind verschwunden. Nun wollen die Grünen deren Schicksal nachgehen - und von den bayerischen Behörden wissen, was sie zum Schutz der Sektenkinder tun. Wo sich die Mädchen aufhalten, weiß die Staatsanwaltschaft inzwischen.

Das Schicksal der Kinder aus der christlichen Glaubensgemeinschaft Zwölf Stämme wird nun zum Politikum im Landtag. Die Grünen kündigten am Dienstag nach dem Verschwinden zweier Mädchen aus der Sekte einen umfassenden Fragenkatalog an. "Das ist für uns Anlass, diese Sache hier wirklich im bayerischen Landtag nochmals auf die Tagesordnung zu bringen", sagte Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause. "Wir wollen jetzt endlich wissen, was die bayerischen Behörden unternehmen, um das Wohl dieser Kinder zu schützen."

Die beiden Mädchen waren mit 38 weiteren Kindern im September aus der Sekte geholt und in Pflege gegeben worden. Die beiden zehn und 17 Jahre alten Mädchen waren kurz danach in der Schweiz abgetaucht. Bause verwies darauf, die Grünen hätten sich bereits seit 2006 für Sanktionen gegen die Zwölf Stämme eingesetzt. Deren Weigerung, die Schulpflicht für ihre Kinder anzuerkennen, sei schon damals nicht hinnehmbar gewesen.

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Bause sagte, man könne nur darüber spekulieren, warum die Behörden des Freistaats nicht früher eingeschritten waren. Es stelle sich die Frage, "ob es eine größere Nachsicht der CSU gibt, weil es sich um eine christliche Sekte handelt". Bause: "Die Frage ist wirklich, ob man bei einer islamischen Sekte genauso zugesehen hätte."

Die Grünen wollen nun mit einem Berichtsantrag umfassende Einsicht in die Abläufe beim Umgang der Behörden mit der Sekte. Es müsse klargestellt werden, welches Amt wann welche Informationen hatte und warum der "systematischen Misshandlung" der Kinder dort so lange zugesehen worden sei. Geklärt werden müsse aber auch, warum die Justiz keine Ermittlungen eingeleitet habe, sagte Bause. "Wir halten das für einen wirklichen Skandal, wie diese Kinder alleine gelassen wurden."

"Völlig freiwillig bei ihrer Oma"

Nach Angaben des Landratsamtes Donau-Ries wurden die zwei verschwundenen Mädchen aufgrund einer Vermisstenanzeige und einer Strafanzeige wegen Kindesentziehung zur Fahndung ausgeschrieben. Daraufhin habe sich die Schweizer Polizei mit dem Landkreis in Verbindung gesetzt. Die Behörde kennt den genauen Aufenthaltsort der Kinder, macht dazu aber keine näheren Angaben.

Die Eltern der beiden Kinder hätten sich am 28. Oktober beim Einwohnermeldeamt am bisherigen Wohnsitz abgemeldet. "Eine Rückführung der Kinder gestaltet sich nicht so einfach", schreibt die Behörde. Die Geschwister besitzen die doppelte Staatsbürgerschaft, dennoch habe das Landratsamt einen Antrag auf Rückgabe der Kinder über das Bundesamt für Justiz gestellt. Nach dem Vorfall seien die Pflegeeltern, Lehrer und Erzieher der verbleibenden 38 Kinder sensibilisiert worden. Nach Möglichkeit werden die Kinder zur Schule begleitet.

Gerhard Karl von der Staatsanwaltschaft Ansbach bestätigt, dass die Anzeige des Landratsamtes wegen Kindesentziehung eingegangen ist. Allerdings berichtet der Leitende Oberstaatsanwalt: "Derzeit gibt es keine Hinweise auf eine strafrechtlich relevante Tat." Nach seinen Informationen seien die Kinder "selbstständig" von Wörnitz in die Schweiz gereist. "Sie wurden nicht verschleppt und halten sich völlig freiwillig bei ihrer Oma in der Schweiz auf."