25. Internationales Gitarrenfestival HersbruckWenn aus Stars an der Gitarre Freunde werden

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Einer der vielen großen Namen beim 25. Internationalen Gitarrenfestival Hersbruck: William Kanengiser vom Los Angeles Guitar Quartet.
Einer der vielen großen Namen beim 25. Internationalen Gitarrenfestival Hersbruck: William Kanengiser vom Los Angeles Guitar Quartet. (Foto: Oliver Hochkeppel)

Mit Offenheit und Empathie hat Johannes Tonio Kreusch das 25 Jahre alte Gitarrenfestival Hersbruck zur großen Begegnungsstätte der Szene gemacht. Das Ergebnis: ein Weltklasseprogramm.

Von Oliver Hochkeppel, Hersbruck

Der Parkplatz ist immer noch nicht fertig. Weil dort die massiven Beton-Fundamente des alten, um 1970 gebauten AOK-Bildungszentrums Hersbruck lagen. Um den Ausbildungsbetrieb für die angehenden oder weiterzubildenden Sozialversicherungsfachangestellten nicht jahrelang unterbrechen zu müssen, hat man den Neubau zwei Jahre lang um den alten herumgebaut, um erst nach Fertigstellung mit dem Abriss zu beginnen. Dass alles weiterlaufen konnte, war aber auch für den kulturellen Jahreshöhepunkt des 13 000-Einwohner-Städtchens im Nürnberger Land entscheidend: Immer im August, wenn der Ausbildungsbetrieb Ferien macht, mietet sich hier das Internationale Gitarrenfestival Hersbruck ein.

Die Konzerte mit den großen Namen der Szene mögen die Visitenkarte sein, erst recht beim diesjährigen Jubiläum, der 25. Ausgabe. Doch in seinem Festivalzentrum liegt das tiefere Geheimnis dafür, dass sich ein winziges regionales Meeting für akustische Gitarre zu eines der wichtigen deutschen Festivals des Genres gemausert hat.  Hier walten eine Woche lang Offenheit, Begegnung und Freundschaft.

Jam Sessions gehören zum Programm und schaffen Begegnung wie hier mit Corelius Claudio Kreusch, Adam Rafferty, Gisele Jackson, Joscho Stephan und Raphael Wressnig an der Hammond Orgel (von links).
Jam Sessions gehören zum Programm und schaffen Begegnung wie hier mit Corelius Claudio Kreusch, Adam Rafferty, Gisele Jackson, Joscho Stephan und Raphael Wressnig an der Hammond Orgel (von links). (Foto: Oliver Hochkeppel)

Dafür hat zuallererst der vor 21 Jahren angetretene künstlerische Leiter gesorgt, der Münchner Gitarrist Johannes Tonio Kreusch. Er sah und ergriff hier die Chance, aus den Nischen herauszukommen und Musiker und Publikum sowie Lehrende und Lernende so nah zusammenzubringen wie nur möglich. Mehrere Hebel setzte er dazu an: Zunächst öffnete er das Festival für alle Stile, was damals noch ungewöhnlich war: Klassische und spanische Gitarre, Latin und Flamenco, Fingerstyle, Singer/Songwriter und Jazz – die ganze Palette der Gitarrenmusik wird hier stets ausgebreitet.

Dann ließ Kreusch seine Künstler nicht nur zu den Konzerten an- und wieder abreisen: Alle, auch die großen Stars, geben hier Workshops und Unterricht, bleiben deshalb mehrere Tage, wenn nicht die ganze Woche, und kommen so nachhaltig mit Kollegen und Nachwuchs zusammen. Eine echte Academy mit mehr als 100 Teilnehmenden hat sich so ausgebildet. Viele Studierende, aber auch Dozenten wie die Gitarren-Professoren Michael Langer, Roland Pfeifer und der mit dem Academy-Ensemble arbeitende Jürg Kindle, der Fingerstyle-Youtube-Star Adam Rafferty oder der über Körperhaltung referierende Tai-Chi-Großmeister Dietmar Stubenbaum kommen Jahr für Jahr.

Eine große Gitarrenfamilie hat sich so hier gefunden. Zu der viele Interessierte und Einheimische sich auch über Vorträge und kostenlose Teilnehmer-Konzerte einfinden. Der Bürgermeister Robert Ilg geht voran, trommelt das ganze Jahr über für das Festival und richtet sich in seiner Urlaubsplanung danach, um alle Abende ansagen und sich im Festivalzentrum blicken lassen zu können. Sein Vorgänger und Mitgründer Wolfgang Plattmeier ist seit Langem Vorsitzender des Fördervereins Gitarrenfestival. Im ganzen Ort finden sich Plakate und passende Dekorationen. Und fast immer ist die große Geru-Sporthalle ausgezeichnet gefüllt.

Da passt kein Blatt Papier zwischen dem Künstlerischen Leiter Johannes Tonio Kreusch (links) und dem Hersbrucker Bürgermeister Robert Ilg, die alle Konzerte gemeinsam eröffnen.
Da passt kein Blatt Papier zwischen dem Künstlerischen Leiter Johannes Tonio Kreusch (links) und dem Hersbrucker Bürgermeister Robert Ilg, die alle Konzerte gemeinsam eröffnen. (Foto: Oliver Hochkeppel)

Was natürlich auch für die diesjährige Jubiläumsausgabe gilt, für die Kreusch dank seines enormen Netzwerks und seiner einnehmenden Persönlichkeit ein echtes Weltklasseprogramm zusammengestellt hatte. Schon zum Auftakt gab es einen Vierstunden-Kracher mit den Fingerstyle-Stars Badi Assad, Jon Gomm und Rosie Frater-Taylor. Die beiden letzten Abende bestritten mit Ana Vidović und Yamandu Costa ebenfalls Top-Stars ihres Fachs, wobei insbesondere Costa im großen Finale bewies, dass ihm in Sachen Tempo und Technik derzeit keiner das Wasser reichen kann.

Und was war da alles dazwischen los. Beim Klassik-Abend am Sonntag gab es zunächst eine Welturaufführung. Das junge polnische Gitarrenduo Adam Woch und Robert Guzik spielte zwei als Auftragskompositionen für das Festival entstandene Suiten von Tulio Peramo. In Anwesenheit des kubanischen Komponisten, der zu den wichtigsten für die Gitarrenwelt gehört. Was er mit seinen jeweils fünfteiligen neuen Suiten unterstrich, die fein zwischen Klassik-Formen, kubanischer Tradition und der Klang-Moderne austariert sind.

Zum wiederholten Male in Hersbruck zu Gast: Das Grammy-gekrönte Los Angeles Guitar Quartet, imme noch der Maßstab in seinem Fach.
Zum wiederholten Male in Hersbruck zu Gast: Das Grammy-gekrönte Los Angeles Guitar Quartet, imme noch der Maßstab in seinem Fach. (Foto: Oliver Hochkeppel)

Danach demonstrierte das Grammy-gekrönte Los Angeles Guitar Quartet unter anderem mit meisterlichen Beethoven- und Bach-Arrangements, dass es auch in neuer Besetzung der Maßstab für Gitarrenquartette geblieben ist. Zumal der Scott-Tennent-Schüler und -Ersatz Douglas Lora eine neue, sehr belebende brasilianische Note beisteuert.

Südamerikanisch ging es weiter, mit klassischem Tango vom Argentinier Maximo Diego Pujol, der mit seinem herausragend sauberen Spiel an den großen Alvaro Pierri erinnert. Pujol war sozusagen der Teaser für die schon traditionelle Flamenco-Nacht, die diesmal die grandiose Tänzerin Ana Morales mit ihrem exzellenten Gitarristen José „Bolita“ Quevedo bestritt.

Lateinamerika und die Karibik steuern seit jeher wichtige Elemente und begeisternde Abende bei. Heuer unter anderem der argentinische Tango-Virtuose Maximo Diego Pujol.
Lateinamerika und die Karibik steuern seit jeher wichtige Elemente und begeisternde Abende bei. Heuer unter anderem der argentinische Tango-Virtuose Maximo Diego Pujol. (Foto: Oliver Hochkeppel)
Die schon traditionelle Flamenco-Nacht gehörte dann der grandiosen Tänzerin Ana Morales.
Die schon traditionelle Flamenco-Nacht gehörte dann der grandiosen Tänzerin Ana Morales. (Foto: Oliver Hochkeppel)

Ebenso zur Tradition ist auch die Fiesta Cubana geworden, bei der heuer Yarima Blanco mit ihrer Truppe als kraftvolle Sängerin wie auf der mit drei Doppelsaiten bestückten Tres-Gitarre glänzte. Einzig das hier zusammen gespannte Duo von Joaquín Clerch mit der spanischen Sängerin Sole Giménez konnte das Niveau der anderen Konzerte nicht ganz erreichen. Dafür war die gemeinsame Jam Session ebenso mitreißend wie die beim Blues-, Jazz- und Gypsy-Abend. Da stießen Joscho Stephan und Cornelius Claudio Kreusch, die zuvor ihr aktuelles Duo-Projekt vorgestellt hatten, auf den Hammond-Orgel-Virtuosen Raphael Wressnig mit seiner Soul Gift Band und der zum Publikumsliebling avancierenden Sängerin Gisele Jackson. Und Adam Rafferty machte auch noch mit.

Da waren sie wieder, die außergewöhnliche Begegnungen und die große Verbrüderung, wie sie Johannes Tonio Kreusch so stark angestoßen hat. Und immer noch anstößt, selbst wenn im neuen, für den Unterrichtsbetrieb perfekt modernisierten AOK-Bildungszentrum das große Foyer und das Bierstüberl des alten Gebäudes fehlen, und damit die Orte für nächtliche Sessions und gesellige Runden.

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