Vor der Bundestagswahl:Söder und Aiwanger duellieren sich auf dem Gillamoos

Politischer Frühschoppen auf Volksfest Gillamoos - CSU

Volles Zelt, Gedränge vor der Bühne von Markus Söder: Das war vor Corona, beim Gillamoos 2019. Heuer wird der politische Frühschoppen zwar stattfinden, allerdings mit viel weniger Besuchern. Die Freien Wähler treffen sich digital, Grüne und SPD lassen das Event ganz ausfallen.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Es ist zwar ein Volksfest ohne Volk und Fest, aber der politische Frühschoppen am Gillamoos ist so legendär -  dass einige Parteien trotz Corona nicht darauf verzichten wollen.

Von Johann Osel

Volksfeste in Bayern sind wegen Corona weiterhin nicht erlaubt und wurden abgesagt, so auch der Gillamoos im niederbayerischen Abensberg. Auf den traditionellen politischen Schlagabtausch, der beim Volksfest dort immer an einem Montag im September stattfindet, wollen die CSU von Ministerpräsident Markus Söder und die Freien Wähler von Hubert Aiwanger drei Wochen vor der Bundestagswahl aber nicht verzichten.

Der Ministerpräsident und sein Stellvertreter werden an diesem Montag nach Abensberg zu Veranstaltungen mit recht überschaubarer Gästezahl kommen, die Reden werden dafür im Netz live übertragen. Von den im bayerischen Landtag vertretenen Parteien halten auch die FDP und die AfD klassische politische Kundgebungen in Abensberg ab. Statt auf dem Festplatz verstreuen sich die Treffen aber über die Kleinstadt.

Der Gillamoos im Kreis Kelheim geht auf eine mehr als 700-jährige Tradition zurück und ist für den politischen Frühschoppen überregional bekannt. Gerade in Wahljahren gelten diese, oft mit Besuch von Bundespolitikern, als Stimmungstest und eine gute Chance, im Schlussspurt noch einmal mit Kampfeslust die Positionen festzuzurren, auch unter Austeilen von Pointen und Spitzen; nicht selten ähneln die Ansprachen in Abensberg denen beim politischen Aschermittwoch.

"Unsere Botschaften beim politischen Frühschoppen sind in diesem Jahr wichtiger denn je. Denn es ist eben nicht egal, wer künftig in Deutschland regiert", teilte der CSU-Kreischef und Landrat Martin Neumeyer mit, der Söder nach Niederbayern eingeladen hat. Daher wolle man kurz vor der Bundestagswahl für "Ideen und Zukunftskonzepte" der CSU werben. Schauplatz ist eine Festhalle, nur einige hundert Zuschauer sollen anwesend sein, die meisten im Biergarten.

Die Freien Wähler, die in einen Braugasthof nahe der Festwiese einladen, planen nur wenige Dutzend Teilnehmer ein, es sei zuvorderst ein "virtueller Gillamoos-Montag". Spannend dürfte, auch für Zuschauer zuhause, das Duell Söder/ Aiwanger sein. Die FW wollen bekanntlich in den Bundestag, sie könnten der CSU - selbst bei einem Scheitern - viele wichtige Stimmen in Bayern abnehmen.

SPD und Grüne scheinen ein wenig verschlafen zu haben

Womöglich wird auch die Debatte über das Impfen Teil dieses Zweier-Schlagabtauschs sein. Aiwanger, der für sich persönlich die Spritze ablehnt, hatte erst vor wenigen Tagen mit seinen FW einen "Freedom-Day" nach britischem Vorbild gefordert, also einen Stichtag für das Ende aller staatlichen Corona-Maßnahmen. Söder lehnt einen solchen Tag klar ab, die Pandemie sei "kein Wunschkonzert" heißt es dazu in der CSU seit Längerem. Und der Vize-Generalsekretär der Partei, Florian Hahn, konterte auf Twitter: Wenn Aiwanger einen Freiheitstag fordere, könne er nur sagen: "den gibt es bereits - und zwar ganz individuell für jeden mit der eigenen Impfung!" Hier liegt also Konfliktpotenzial in der Luft.

Am Freitag nach einer Sitzung des CSU-Vorstands verschärfte Söder den Ton für den Wahlkampf gegen den Koalitionspartner: "Bei der Landtagswahl ist eine Stimme für die Freien Wähler vielleicht nicht sinnvoll, aber nicht verschenkt" - jetzt sei sie das jedoch, die FW würden sicherlich "keinen Abgeordneten im Bundestag sitzen" haben. Die Vertretung der bayerischen Interessen, sagte der CSU-Vorsitzende, "machen wir für die Freien Wähler mit".

Die FDP lädt in ein Lokal in der Altstadt, es sprechen Daniel Föst, bayerischer Spitzenkandidat und Landesvorsitzender, sowie Landtagsfraktionschef Martin Hagen. In der AfD gab es in den vergangenen Jahren öfters Beschwerden, man werde "gemobbt" - weil man als Neuling auf dem Gillamoos kein Zelt oder Schankstüberl bekam, sondern auf den nahen Schlossgarten ausweichen musste.

Kurioserweise ist nun die AfD als jene Partei, die alle Corona-Maßnahmen am unerbittlichsten ablehnt, mit ihrem Open-Air-Termin Vorbild mit Blick auf die Pandemietauglichkeit der Frühschoppen. Es sprechen etwa Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner und der Europaabgeordnete Markus Buchheit.

Nicht auszuschließen ist wohl, dass SPD und Grüne die Möglichkeiten, die sich mit der zunehmend entschärften Corona-Lage bieten, ein wenig verschlafen haben. Zugegeben würde sie derlei freilich nie. Die örtlichen Grünen haben ein kleines Treffen angesetzt, ohne Kundgebungscharakter. Ohne Volksfest gebe es auch keine Gillamoos-Stimmung, sagt Landeschefin Eva Letterbauer. "Deshalb macht es überhaupt keinen Sinn, da irgendeinen Ersatz zu veranstalten. Wir freuen uns ganz arg auf die Zeit, wenn Menschen wieder bei Volksfesten zusammenkommen können." Dafür böten die Grünen hunderte kreative Wahlkampfveranstaltungen.

Arif Taşdelen, Generalsekretär der Bayern-SPD, sagt: "Wir haben uns wegen Corona aus Vorsicht gegen eine Bierzeltveranstaltung entschieden. Schließlich muss die Politik hier mit gutem Beispiel vorangehen, nachdem sie den Bürgerinnen viele Einschränkungen auferlegt hat."

Man wolle zudem "keine aggressive Wahlkampfrede", in schwieriger Zeit schätzten die Menschen den sachlichen Stil. Wie von Olaf Scholz - den man zum Gillamoos 2022 "hoffentlich als Kanzler" zu Gast haben werde. Söder und Aiwanger rät Taşdelen anstelle einer "Beschimpfung von Halle zu Halle" lieber "das persönliche Gespräch miteinander" zu suchen.

© SZ vom 04.09.2021/lfr/infu
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