Polit-ShowWen knöpft sich Söder beim Gillamoos vor?

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In den vergangenen Jahren attackierte CSU-Chef Söder die Ampelkoalition am Gillamoos heftig. Nun regiert seine Partei in Berlin wieder mit.
In den vergangenen Jahren attackierte CSU-Chef Söder die Ampelkoalition am Gillamoos heftig. Nun regiert seine Partei in Berlin wieder mit. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Am Montag treten die Parteien im niederbayerischen Abensberg zum Bierzelt-Wettkampf an. Nach Ampel-Aus und Habeck-Rückzug hat der CSU-Chef seine Lieblingsgegner verloren. Andere hadern mit dem politischen Geraufe.

Von Johann Osel, Abensberg/München

Wen knöpft sich Markus Söder vor? Die Frage stellt sich jetzt, wenn an diesem Montag der politische Frühschoppen am Gillamoos ansteht. Im Rahmen des Jahrmarkts im niederbayerischen Abensberg laden die Parteien traditionell zu Kundgebungen. Das ist immer ein politischer Schlagabtausch, ein gegenseitiges Vermöbeln, rein verbal natürlich; gerade in Wahljahren oder wie 2024 unmittelbar am Tag nach den viel beachteten Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen. Wahlen sind in Bayern gerade auch in Sichtweite, im März 2026 die Kommunalwahlen. Und ruhig ist es im politischen Betrieb im dauerhaften Krisenmodus ohnehin nie. Aber zieht der bisherige Lieblingsgegner von Söder noch?

Lange Zeit reichte es ja, wenn der CSU-Chef auf die Ampel eindrosch – und auf die Grünen im Besonderen –, um ein Bierzelt für sich zu gewinnen. Jetzt ist die Ampel Geschichte, eine ausschließlich grüne Projektionsfläche ist zu dünn, um eine Rede damit zu bestreiten. Volksfeststimmung gegen Berlin? Geht nur bedingt, weil man selbst im Bund regiert.

Gegen die SPD kann man sticheln, klar, aber auch nicht zu wild, Stichwort Koalitionsklima im Bund. Das gilt es auch in der eigenen Staatsregierung zu beachten, wenngleich die Freien Wähler ein gewichtiger Konkurrent bei den Kommunalwahlen sind. Die AfD ist ebenfalls Gegner der CSU, eine Rede zur Demokratie wäre aber kaum bierzelttauglich. Schon beim Auftakt der diesjährigen Volksfestsaison hatte sich gezeigt: Der Bierzelt-Söder 2025 ist noch in der Findungsphase.

Wobei es Breitseiten gegen den Grünen Robert Habeck schon geben dürfte. Dieser hatte zu seinem Abschied aus dem Bundestag Söder „fetischhaftes Wurstgefresse“ vorgeworfen. Da muss sicher gekontert werden, auch wenn die Zuschreibung nicht bar realer Indizien war. Apropos Wurst. Bei der CSU wird auch der neue Bundesagrarminister Alois Rainer sprechen. Er hatte kürzlich einen Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Klimawandel bezweifelt. Vielleicht erklärt er das im Festzelt noch mal genauer.

Der Weißbierstadl, in dem sich die Freien Wähler treffen, ist nicht mobil wie ein Zelt, sondern ein festes Gebäude an der Festwiese. Im Januar war er auch Schauplatz des Dreikönigstreffens der FW, wo Hubert Aiwanger die Zukunft seiner Partei im Bundestag sehr konkret skizzierte: „Berlin braucht uns.“ Gut einen Monat später, bei der Bundestagswahl, platzten dann Aiwangers Träume. Die Kommunalwahlen sind für die FW enorm wichtig, hier liegen die Wurzeln der Partei – sie stellt derzeit gut jeden sechsten Landrat in Bayern. Intern mehren sich allerdings Rufe nach einer breiteren Aufstellung, das alleinige Konzept als „Landwirtschaftspartei mit hartem Asylkurs“ trage auf Dauer nicht, befand etwa Digitalminister Fabian Mehring. Wobei das genau die Kost sein dürfte, die Aiwanger wie immer am Gillamoos den Besuchern serviert. Ebenfalls dort auf der Bühne: Kultusministerin Anna Stolz.

„Berlin braucht uns.“ Dieser Traum ist für Hubert Aiwangers Freie Wähler nicht in Erfüllung gegangen.
„Berlin braucht uns.“ Dieser Traum ist für Hubert Aiwangers Freie Wähler nicht in Erfüllung gegangen. (Foto: Matthias Balk/dpa)

Die AfD lädt in den Schlossgarten Abensberg. In dieser Gartenfest-Atmosphäre, ohne Blaskapelle und Masskrüge, ist der Zulauf an Besuchern meist hoch. Und der Ton, gerade in der Asylpolitik, ist ungehemmt. Diesmal sprechen unter anderem Bundeschef Tino Chrupalla, die bayerische Fraktionsvorsitzende Katrin Ebner-Steiner und der politische Aktivist Serge Menga. Bei den Kommunalwahlen will sich die AfD auch in kreisangehörigen Städten und Gemeinden flächendeckend etablieren; 2020 war das lediglich eine Ebene höher gelungen, vor allem in Kreistagen. Gerade die Niederbayern-AfD kämpft indes mit internen Verwerfungen. Laut Kritikern soll der Bezirksvorstand von Katrin Ebner-Steiner nicht satzungsgemäß im Amt sein.

Ganz ohne Draufhauen kommen wohl auch die Grünen nicht aus

Bei den Grünen im Weinzelt spricht neben den Chefinnen von Fraktion und Partei im Freistaat, Katharina Schulze und Gisela Sengl, der Bundesvorsitzende Felix Banaszak. In Grünen-Kreisen wird von einem Zwiespalt berichtet, in dem sogar die frühere US-First-Lady Michelle Obama vorkommt. Konkret deren Satz „When they go low, we go high“, dass man sich also bei Attacken nicht auf dasselbe Niveau der Mitbewerber begebe. Heißt in der Praxis: Man wolle für die grünen Themen kämpfen – Arten- und Klimaschutz, Gleichberechtigung in der Gesellschaft, ein starkes Europa –, man könne aber auch nicht gänzlich ohne Rauflust einen Vormittag auf dem Volksfest bespielen. Dass Katharina Schulze aufdrehen kann, ist bekannt. Eine Mischung aus Analyse und Angriff dürfte es werden.

Ganz ohne Raufen wird es auch bei den Grünen nicht gehen, wo zum Beispiel Katharina Schulze auftritt.
Ganz ohne Raufen wird es auch bei den Grünen nicht gehen, wo zum Beispiel Katharina Schulze auftritt. (Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Im Festzelt bei der SPD werden Ronja Endres und Holger Grießhammer, die Chefs von Landesverband und Fraktion, von Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte unterstützt. Kann der Norddeutsche Bierzelt, die Königsdisziplin der politischen Kommunikation in Bayern? Immer wieder holten sich die Sozis beim Gillamoos schon Gäste. Kevin Kühnert war zweimal da, als Juso-Chef und später als Generalsekretär – beide Male gab er Volldampf. Bovenschulte könnte die sozialdemokratischen Gemüter allein schon in Ekstase versetzen, indem er von daheim erzählt, von Dingen jenseits der Vorstellungskraft bayerischer Sozialdemokraten: Bei der letzten Bürgerschaftswahl holte er gut 30 Prozent, seine SPD regiert Bremen durchgehend seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Auch die außerparlamentarische Opposition lädt zu Kundgebungen. Dazu zählt inzwischen die FDP, dort sprechen der Bundesvorsitzende Christian Dürr und der im Juni gewählte Landeschef Michael Ruoff. Dass der Frühschoppen der an Präsenz geschrumpften Liberalen im „Piccolo“-Zelt stattfindet, ist eine kuriose Randnote. Die ÖDP will sich in einem Abensberger Gasthaus Themen widmen, „die Söder und Aiwanger bei Volksfesten gerne aus den Augen verlieren“. Landeschefin Agnes Becker nennt etwa die „Schleifung von Umweltstandards“. Auch die Bayernpartei lädt ein und spricht über Kommunal-, Landes- und Bundespolitik. Von den Separatismus-Freunden kam neulich, als der Linken-Politiker Bodo Ramelow eine Debatte zur Nationalhymne anstieß, großes Erstaunen: Es gebe doch eine unumstrittene Hymne, „Gott mit dir du Land der Bayern“.

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