Süddeutsche Zeitung

Gewalt in Kliniken:Wenn Helfer selbst zu Opfern werden

  • Immer häufiger werden Ärzte und Pflegekräfte in bayerischen Kliniken von Patienten oder deren Angehörigen angegriffen - verbal und körperlich.
  • Dabei sind es nicht mehr nur Patienten, die krankheitsbedingt gewalttätig werden. Auch Angehörige, denen die Wartezeiten zu lange sind, werden ungehalten.
  • Die Kliniken setzen vor allem auf Deeskalation, müssen aber zunehmend Sicherheitsleute einstellen.

Charlotte Wirtlach zuckt immer noch zusammen, wenn einer ihrer Patienten plötzlich laut wird. Die Wunden im Gesicht der Oberärztin - ihr Name wurde geändert - sind ausgeheilt. Die seelischen nicht. Im Zentrum für Schlafmedizin des Klinikums Nürnberg hatte ein Mann sie mit Fausthieben übel zugerichtet. "Er hat sofort zugeschlagen, als ihm die geforderte Kur in einer psychosomatischen Klinik verweigert wurde", sagt Günter Niklewski, der ärztliche Direktor des Nürnberger Klinikums.

Nie hätte er gedacht, dass so etwas bei den Schlafmedizinern passiert. Auf anderen Abteilungen eher - da vor allem, wo auch suchtkranke Patienten akut behandelt werden. An zwei der Brennpunkte - einer Notaufnahme sowie einer der Intensivstationen - setzt das Klinikum Nürnberg inzwischen Security-Kräfte ein. "Das hat die Lage entschärft", sagt Niklewski.

Der weiße Kittel schützt nicht mehr

Dennoch, und das haben auch viele andere Kliniken feststellen müssen, die Gewalt gegen Ärzte und Pflegekräfte nimmt zu. Im Frühjahr vergangenen Jahres etwa gingen in der Notaufnahme des Ingolstädter Klinikums zwei rivalisierende Gruppen aufeinander los. Acht Pfleger aus anderen Stationen mussten herbeieilen, um der Lage Herr zu werden. "Am Ende war alles voller Blut", zitierte der Donaukurier einen Zeugen. "In psychiatrischen Kliniken gab es immer schon ein solches Aggressionspotenzial", sagt Andrea Gerstner, die in der Bayerischen Krankenhausgesellschaft unter anderem für Sicherheitsfragen zuständig ist.

Doch inzwischen blieben auch Häuser der Grundversorgung nicht verschont. "Manchmal sind es die Patienten, manchmal auch die Angehörigen, denen die Wartezeiten in der Ambulanz zu lange sind", sagt Gerstner. In Notaufnahmen werde inzwischen darauf geachtet, "alles zu entfernen, was sich als Wurfgeschoss missbrauchen lässt". Günter Niklewski in Nürnberg macht dafür eine fortschreitende Verrohung verantwortlich. "Die macht vor dem Krankenhaus nicht halt", sagt er. "Uns Ärzte hat der weiße Kittel lange Zeit weitgehend geschützt - aber das ist vorbei."

Morddrohungen gegen Krankenhauspersonal

Früher sei es zwar vorgekommen, dass Patienten krankheitsbedingt gewalttätig wurden, etwa aufgrund psychischer Probleme. Niklewski selbst wurde als junger Arzt von einem psychisch Kranken mit einem abgebrochenen Flaschenhals angegriffen. Doch mittlerweile gehe auch von Menschen Gefahr aus, die sich rein aus Übermut oder aus Wut alles herausnehmen. "Das macht uns Sorgen", sagt er. Vor einigen Monaten habe sich in der Geriatrie eine Assistentin vor 20 Angehörigen in Sicherheit bringen müssen. "Sie wurde massiv bedrängt, konnte sich aber zum Glück in ein Zimmer einschließen."

"Wehret den Anfängen", lautet nun die Devise. Im Klinikum hängen Plakate mit der Botschaft: "Bei Gewalt hört für uns der Spaß auf." Aus Angst um ihr Image scheuen viele andere Häuser solche Schritte. Niklewski und mit ihm Peter Schuh vom Klinikumsvorstand sehen es aus einem anderen Blickwinkel: "Wir können doch nicht zulassen, dass ein paar verrohte Menschen den Ruf des Hauses ruinieren." Vor einiger Zeit erst habe ein Mann, der dem Rotlicht-Milieu nahesteht, dem Personal gedroht, er werde alle umbringen. Künftig werde da die Polizei informiert, sagt Niklewski.

Krankenhäuser gehen in die Offensive

Das Problem ist längst auch in kleineren Städten und auf dem Land angekommen: Es wird gepöbelt, gedroht, geschlagen und betatscht - wenn auch nicht so häufig wie in Großstädten. Genaue Zahlen gibt es freilich nicht. Die jüngsten stammen aus einer Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) aus dem Jahre 2009. Demnach wurden im Klinikbereich 79 Prozent des Pflegepersonals Opfer von verbaler Gewalt, 56 Prozent gar von körperlicher. Warum die Zahlen nicht stetig aktualisiert werden, erklärt die BGW damit, dass dies angesichts sieben Millionen Versicherter einfach zu aufwendig sei: "Wir schaffen das gar nicht, alles im Detail auszuwerten."

Unterdessen gehen die Krankenhäuser in die Offensive, ohne das an die große Glocke zu hängen. "Deeskalationstraining" gilt als Königsweg. Das Klinikum Nürnberg setzt darüber hinaus seit Sommer vergangen Jahres auf die Security-Leute. "Das erhöht das Sicherheitsgefühl der Mitarbeiter", sagt Vorstandsmitglied Schuh. Eine interne Studie hatte ergeben, dass 70 Prozent der befragten Mitarbeiter bereits Opfer von Attacken geworden waren.

Fortbildung: Sich "patientenschonend" aus Würgegriffen befreien

Das Klinikum Augsburg hat nach eigener Auskunft schon seit Jahren einen Wachmann im Einsatz. Kleinere Häuser gehen andere Wege. In der Kreisklinik Roth etwa üben sich Pflegekräfte in einer Fortbildung auch in Selbstverteidigung - angeleitet durch den Polizisten Horst Suck, der überdies als Ju-Jutsu-Trainer tätig ist. Dort lernen sie etwa, sich ebenso effizient wie "patientenschonend" aus Würgegriffen zu befreien, wie der Personalratsvorsitzende Guntram Rudolph sagt. Er ist froh, dass endlich ein Bewusstseinswandel stattfindet.

Im Dunkeln blieben bis heute aber viele niederschwellige sexuelle Übergriffe, und das landesweit. "Leider sprechen die Opfer - darunter oft Pflegeschülerinnen - selbst kaum darüber", sagt Rudolph. Eine Ursache sieht er darin: "Wenn früher eine Schwester betatscht wurde, hieß es im Kollegenkreis oft: Stell dich nicht so an!"

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SZ vom 09.02.2015/vewo
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