Gewalt im Bordell:In der "Hölle" von Schweinfurt

Vorsätzliche Körperverletzung, schwerer Menschenhandel, räuberische Erpressung, sexuelle Nötigung, unerlaubter Waffenbesitz: Das sind nur einige der Delikte, deretwegen ein Bordellbesitzer in Schweinfurt derzeit vor Gericht steht. Was eine Prostituierte über den Zuhälter aussagt, schockiert nicht nur den Richter.

Von Olaf Przybilla

Der Angeklagte ist von kräftiger Gestalt, und offenbar ist es ihm alles andere als unwichtig, wie er so rüberkommt. In der Gerichtspause jedenfalls bittet der 38-jährige ehemalige Bordellchef einen ihn bewachenden Polizisten auf dem Gerichtsgang, ihm den oberen Hemdknopf zu richten. Irgendwie klappt das nicht recht. Aber noch wichtiger ist dem Angeklagten sowieso, was das für Leute sind, die da seinen Strafprozess wegen schweren Menschenhandels verfolgen. Wer als Journalist ausgemacht wird, den spricht er mit großer Geste an, ostentativ um Freundlichkeit bemüht: Ob es wohl möglich wäre, ein Belegexemplar des Artikels zugestellt zu bekommen, er befinde sich ja in Untersuchungshaft. "Und man will ja auch wisse', was da so vor sich geht", sagt er.

Was da so vor sich ging in seinem Bordell, scheint - so weit zeichnet es sich nach drei Verhandlungstagen am Landgericht Schweinfurt ab - mit guten Manieren kaum etwas zu tun gehabt zu haben. Der 38-Jährige, der als Jugendlicher große Ambitionen in der Nationalmannschaft der Radfahrer an denTag legte, ist wegen einer Reihe von Delikten angeklagt. In Gänze geschildert würden sie etliche Zeitungszeilen füllen, im Wesentlichen geht es um: vorsätzliche Körperverletzung, Anstiftung zur Körperverletzung, schweren Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung, räuberische Erpressung, Anstiftung zur Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, unerlaubten Waffenbesitz und allerlei mehr.

Neben ihm sitzen zwei weitere Männer auf der Anklagebank, beide sollen ihm im Bordell als Aufpasser zur Hand gegangen sein. Einer der beiden, der einzige Angeklagte, der bisher ausgesagt hat, sieht sich allerdings ebenfalls als Opfer: Er sei vom Chef übel zugerichtet worden, weil dieser mit ihm nicht zufrieden gewesen sei. Sogar zeitweise geflüchtet sei der 32-Jährige, selbst von überaus stämmiger Figur, vor den Gewaltausbrüchen des Chefs.

Die Hauptleidtragenden des Bordellchefs sollen laut Anklage freilich die Prostituierten gewesen sein. Als erste sagte nun eine 38 Jahre alte Thailänderin aus. Sie habe das Haus in Schweinfurt - zuvor in Niedersachsen lebend - für 14 Tage als Prostituierte ausprobieren wollen. Bis zu 1000 Euro pro Tag Lohn seien ihr avisiert worden. Schon die ersten Stunden habe sie als Horror erlebt, erzählt die zierliche Frau.

Bereits in der ersten Nacht hätte ihr der Chef, er hatte sich mit Freunden und seiner Partnerin betrunken, mitgeteilt, dass er mit ihr schlafen wolle. Sie sei total geschockt gewesen, habe sich für eine Stunde auf der Toilette eingesperrt: Schließlich sei ja die Partnerin des Chefs auch in dem Bordell anwesend gewesen, sagt sie. Diese hätte sie aber angefleht, gefügig zu sein. Andernfalls würden mehrere Frauen misshandelt. Sie habe das deswegen bis in die frühen Morgenstunden über sich ergehen lassen. Mindestens fünfmal.

"Wäre er ein Kunde, wäre ich in der ersten Nacht schon reich gewesen", sagt sie. Sie habe den Chef nur um 50 Euro gebeten. Stattdessen habe sie wegen dieser Äußerung 50 Euro zahlen müssen. Und sei dreimal geschlagen worden. Danach habe sie "keine Fragen mehr gestellt". Wenn es läutete an der Bordelltür, hätte sie aufstehen müssen und sich in der Reihe anstellen müssen - 24 Stunden am Tag, um den Kunden "eine Auswahl zu lassen". Auch wenn sie krank gewesen sei. Die Gänge des Hauses seien mit Videokameras versehen gewesen. Alles wurde überwacht.

Einen früheren Freund rief sie mehrmals heimlich an. Sie erklärte, Drogen nehmen zu müssen und misshandelt zu werden. Der hörte sich das an. Tat aber nichts. Erst als sie ihn bat, die Polizei zu informieren über die "Hölle" in Schweinfurt - wie das der beisitzende Richter formuliert - schaltete er die Polizei ein. Andere Prostituierte des Hauses wurde laut Anklage vor allem in Osteuropa angeworben. Sie sollen unter anderem mit der Mär angelockt worden sein, sie würden als Tänzerinnen arbeiten können. Stattdessen seien sie mit dem Tod bedroht, festgehalten und misshandelt worden. Der Urteilsspruch soll im September fallen.

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