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Gewalt gegen Beamte:Prellungen, Abschürfungen, Platzwunden

Die Polizei schildert einen Vorfall aus dem Juni 2013. Es ist Sommerpause im Fußball. Als zwei Beamte einen jungen Mann verfolgen, flüchtet der in eine bei Ultras beliebte Kneipe. Sofort bauen sich einige Männer Nase an Nase vor einer Polizistin und ihrem Kollegen auf. Sie wechseln ständig die Position und verhindern, dass die Polizisten den jungen Mann festnehmen können. Sie beschimpfen die Beamten, schubsen, überschütten sie mit Bier. Sie stoßen Todesdrohungen aus. Sie werfen Gegenstände und schubsen einen Polizisten zu Boden. Bis Verstärkung eintrifft, bleibt den Polizisten nur der Rückzug.

Die Polizeiinspektion Burghausen hat zwei Streifen. Reicht das nicht, muss sie Verstärkung anfordern - aus Altötting oder Laufen. Bis die Kollegen da sind, dauert es wenigstens zehn Minuten. "Wer das schon mal erlebt hat, der weiß, dass sich das wie eine halbe Ewigkeit anfühlt", sagt Dienstgruppenleiter Spiegelsberger. Mehr Polizisten gibt es in der Region nicht. Freismuth sagt: "Letztendlich tragen wir die Kosten."

Die Zeit, bis Verstärkung eintraf, kostete auch Uwe Wilczek, Polizeihauptmeister an der Inspektion Pfaffenhofen an der Ilm, kurz vor Weihnachten seine Gesundheit. Schon als der Anruf einging, befürchtete er, dass es schmutzig werden könnte. Ein Arzt rief um Hilfe: In einer Klinik in Pfaffenhofen wehrte sich ein junger Mann heftig gegen eine Einweisung in die Psychiatrie. Wilczek wusste, dass zwei Beamte für diesen Einsatz zu wenig sein könnten. Bauchgefühl hin oder her - der Hauptkommissar hatte keine Wahl. "Wenn wir gerufen werden, müssen wir ausrücken." Die zweite Streife war im Einsatz. Also ging er mit einem Kollegen allein.

Als die Verstärkung zwanzig Minuten später eintraf, bot sich ihr ein Bild der Verwüstung: Der junge Mann tobte immer noch. Wilczeks Körper war übersät mit Prellungen, Abschürfungen, einer Platzwunde. Die Schmerzen im Fuß - eine Mittelfußfraktur. Seinem Kollegen war ein Stück vom Knochen am rechten Knie abgesplittert. Was genau passiert war, weiß Wilczek nicht mehr so richtig. Nur dass sie Pfefferspray einsetzten und der junge Mann auch dann nicht von ihnen abließ. Dass er prügelte und trat. Dass er beide Polizisten so schwer verletzte, dass sie für Wochen dienstunfähig waren.

Nicht erst seit diesem Unfall setzt sich Wilczek als Vorsitzender der Kreisgruppe Holledau der Polizeigewerkschaft GdP für mehr Personal ein. Sinkender Respekt, Schnaps zum Vorglühen, eine niedrigere Hemmschwelle der Aggressoren mache das notwendig. Während in München die Personaldichte hoch ist, aber die Beamten oft jung sind, muss auf dem Land gestopselt werden, um den Schichtplan vollzukriegen. Erfahrung hin oder her: Manchmal zählt die Manpower.

"Das hinterlässt Spuren"

Seit einigen Wochen ist Wilczek, 39 und mit braunem Bürstenhaarschnitt, wieder im Dienst. An diesem Abend auf dem Volksfest in Pfaffenhofen. Sein Revier ist diese Nacht die Flaniermeile zwischen Festzelt und Eingangstor, vorbei am Autoscooter, an den Schießständen und Fressbuden. In rauen Mengen fließt im Festzelt das Bier. Die Bedienungen schleppen und kommen kaum nach, auf den Toiletten ist Stau. Um kurz nach zehn endet die erste Schlägerei so abrupt wie sie begonnen hat. Die Polizisten müssen keine Personalien aufnehmen. Nicht immer verläuft es so glimpflich. 80 bis 90 Prozent der Übergriffe auf Polizisten geschehen unter Alkoholeinfluss.

Von 23 Uhr an sind zwei Streifen auf dem Volksfest unterwegs, zur Prävention. "Je mehr Präsenz, desto weniger passiert, ist einfach so", sagt Wilczek. "Dann stehen wir uns halt die Beine in den Bauch." So lässig der Abend aussieht, die Polizisten sind angespannt. Früher sei es genug gewesen, einen Betrunkenen am Arm zu greifen - heute würde er sich vielleicht losreißen, die Beamten beschimpfen, im Zweifel zuschlagen. "Wir haben das Gefühl, dass die Gewalt gegen uns zunimmt", sagt Wilczeks junge Kollegin Christine Gallenmiller, die heute mit ihm auf Streife geht. Die 24-Jährige ist neu im Team. Pfaffenhofen hat nach 40 Jahren mehr Personal bekommen - ein Erfolg, den Wilczek sich und der Gewerkschaft anrechnet.

Die Polizisten in Burghausen lassen sich künftig nicht mehr alles gefallen. Sie dokumentieren von jetzt an jede Verletzung im Dienst und klagen auf Schmerzensgeld. "Wir müssen das nicht länger hinnehmen", sagt Sigfried Mittermaier, stellvertretender Inspektionsleiter. Auch ein verknackster Finger sei eine Verletzung. Und nur gesunde Beamte, die sich sicher fühlen, reagieren im Ernstfall besonnen, sagt Mittermaier: "Wenn ein Beamter zwei- oder dreimal im Dienst verletzt wird - das hinterlässt Spuren."