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Gesundheitspolitik:Besondere Patienten

Menschen mit Behinderung werden in Krankenhäusern oft nicht ihren Bedürfnissen nach behandelt und versorgt. Eine Petition soll ermöglichen, dass sich Kliniken künftig besser auf diese Klientel einstellen können

Von Dietrich Mittler

Christl Eichinger weiß, was es heißt, an Covid-19 zu erkranken. Während bei ihr und bei ihrem Sohn Bernd nur leichte Symptome auftraten, machten ihr Mann Gert und ihr Sohn Thomas die Hölle durch. Ihr Mann beschrieb die Symptome so: "Es ist so, als ob einem jemand eine brennende Fackel in die Lunge bohrt - und dann musst du atmen." Thomas Eichinger beschrieb es "mit Seitenstechen". Für die genauere Beschreibung fehlten ihm die Worte. Er ist mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) auf die Welt gekommen. Normalerweise hätte Christl Eichinger ihren Sohn sofort ins Krankenhaus gebracht. Aber ihr war klar: Dort bekommt er nicht die Versorgung und Begleitung, die er als Mensch mit Behinderung in seiner großen Angst braucht. "Wir haben es - Gott sei Dank - zu Hause geschafft", sagt sie.

"Die meisten Krankenhäuser sind gar nicht oder kaum auf die stationäre Behandlung von Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung eingestellt", heißt es seitens des Selbsthilfeverbands Lebenshilfe. "Und jetzt in Pandemiezeiten haben wir erfahren müssen, dass dieses Thema wichtiger denn je ist", sagt Barbara Stamm, die Vorsitzende der Lebenshilfe Bayern. Vor Wochen bereits hat die Lebenshilfe eine entsprechende Petition mit dem Titel "Menschen mit Behinderungen im Krankenhaus" im Landtag eingebracht. An diesem Mittwoch wird diese Petition gemeinsam vom Gesundheits- und vom Sozialausschuss behandelt.

Zuvor aber findet ein Fachgespräch statt - mit dabei auch Barbara Stamm (CSU), ehemals Landtagspräsidentin, sowie Hildegard Metzger, die stellvertretende Vorsitzende der Lebenshilfe. Die 65-Jährige wird aus eigener Erfahrung berichten. Eines stellt sie sofort klar: Schlimm war es bereits vor Corona. Ihrer Tochter Elisabeth, seit Kurzem 37 Jahre alt, musste die Gallenblase entfernt werden. Der Krankenhausaufenthalt bedeutete für sie mit ihrer schweren geistigen Behinderung, mit ihren autistischen Zügen sowie mit ihren epileptischen Anfällen ein Chaos. "Menschen wie sie sind in einer solchen Situation komplett aufgeschmissen", sagt Metzger.

Um Schlimmeres zu verhindern, bat sie die Klinik noch vor der Aufnahme um ein Gespräch - Kernbotschaft: "Durch die in den letzten 23 Jahren eingenommenen Antiepileptika und Psychopharmaka reagiert meine Tochter ganz anders auf die Narkose und auf Beruhigungsmittel." Die Klinik wollte keinen Rat hören. "Wir kriegen das hin, wir haben Erfahrung", diese Worte sind Hildegard Metzger noch im Ohr.

Es kam, wie es kommen musste: Die Beruhigungsmittel wirkten nicht. Die Patientin Elisabeth Metzger war "topfit", wie ihre Mutter sagt. Ja, sie schob sogar ihr Bett selbst zum OP-Saal. Das OP-Team wiederum war aufgebracht, weil nun der Tagesplan durcheinandergeriet. Der Ärger entlud sich über der Patientin. Die wiederum verstand die Welt nicht mehr und lief davon. "Ich hatte Probleme, sie zurückzubringen", erinnert sich Hildegard Metzger.

Dann nach der OP: Desaster Teil zwei. Ihre Tochter riss sich auf dem Weg zurück zur Station sämtliche Drainagen raus. "Ein Mensch in ihrer Lage glaubt: Wenn das erst einmal alles weggerissen ist, dann hört auch der Schmerz auf", sagt die 65-Jährige. Mit den Fingern bohrte ihre Tochter sodann in den Wunden herum - überall nur noch Blut. Hildegard Metzger verbrachte nun eine Woche lang Tage und Nächte am Bett ihrer Tochter. "Ich habe sie sozusagen vor sich selbst geschützt, damit das Ganze verheilen konnte." Ohne solche Begleitpersonen, "die letztlich ja auch die Krankenhäuser unterstützen", so betont Hildegard Metzger, "sind Krankenhäuser für Menschen mit schweren Behinderungen potenziell gefährliche Orte".

Genau das soll die Petition künftig verhindern helfen, die die Lebenshilfe eingereicht hat. Dabei geht es auch darum, Krankenhäusern die Möglichkeit zu schaffen, sich auf die stationäre Behandlung von Menschen mit Behinderung einzustellen. "Eine Assistenz ist deshalb unabdingbar", heißt es zu Beginn der Petition, und diese müsse "auskömmlich finanziert werden". Denn eines, so betont Barbara Stamm, sei auch klar: Viele Eltern von Menschen mit Behinderung erreichten mittlerweile ein Alter, in welchem sie diese "ungeheuere Belastung" nicht mehr stemmen können.

Zu den weiteren in der Petition enthaltenen Forderungen gehört, dass in den Krankenhäusern "ein spezielles Fall-Management" geschaffen und auch finanziert werden müsse. Gleiches gelte für das Aufnahme- und das Entlassungs-Management, denn das gehöre "grundlegend verbessert". Aufseiten der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) stoßen diese Forderungen auf Verständnis: "Wir unterstützen den Inhalt der Petition", sagt BKG-Geschäftsführer Siegfried Hasenbein. Da viele der Krankenhäuser "wirtschaftlich wie personell auf Kante genäht sind", sei es gut, wenn hier etwas vorangehe.

© SZ vom 14.10.2020

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