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Gesundheit:Wenn Pfleger sich krank pflegen

Pflege in Niedersachsen

In der Pflege erkranken weit mehr Menschen als in den anderen Branchen.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)
  • Bayerns Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml (CSU) hat ein bundesweit einmaliges Modellprojekt für Pflegekräfte gestartet.
  • Das Programm kombiniert Entspannungs- und Trainingseinheiten mit Seminaren zu Themen wie Stresserkennung und -bewältigung.
  • Es soll von der Ludwig-Maximilians-Universität München wissenschaftlich begleitet werden.

Carola Meißner, Pflegefachkraft in einer großen oberbayerischen Einrichtung, hat ein Problem. Im Herbst vergangenen Jahres wurde die 45-Jährige am Knie operiert, im Dezember war sie erneut krank. Als Meißner ( Name geändert) aus dem Krankenstand auf ihre Station zurückkehrte, musste sie umgehend auch wieder extrem schwergewichtige Heimbewohner pflegen, obwohl der Führungsebene im Haus durchaus bewusst war, dass sie nach dem Eingriff nicht so schwer heben durfte.

Gesundheits- und Pflegeministerin Melanie Huml (CSU) hat am Montag ein bundesweit einmaliges Modellprojekt für Pflegekräfte gestartet, das auf Menschen wie Carola Meißner zugeschnitten sein soll - wissenschaftlich begleitet von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Gemeinsam mit dem Bayerischen Heilbäderverband und dem Bayerischen Staatsbad Bad Reichenhall hat die LMU das nun vorgesehene Programm entwickelt. Dieses kombiniert nach Angaben des Gesundheitsministeriums Entspannungseinheiten wie Yoga, Qigong oder Progressive Muskelentspannung mit Trainingseinheiten zur Kräftigung des Bewegungsapparats, ergänzt durch Seminare zu Themen wie Stresserkennung und -bewältigung.

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Insbesondere solche Seminare sind in der Pflege nötiger denn je, sagt Sigrid König, Chefin des Landesverbandes der Betriebskrankenkassen in Bayern. "Besonders häufig", so stellten die Betriebskrankenkassen bei der Auswertung ihrer Versichertendaten fest, "melden sich Alten- und Krankenpfleger krank, und psychische Belastungen sind dabei oft der Krankheitstreiber". Auch Carola Meißner fehlt augenblicklich wieder am Arbeitsplatz. Erneut ist sie krank geschrieben. Nicht nur die Knieprobleme machen ihr zu schaffen, auch die Ignoranz im Kollegenkreis setze ihr derart zu, dass sie Magenkrämpfe bekomme. "Dabei liebe ich doch diese Arbeit mit den alten Menschen", sagt sie.

Meißner ist damit kein Einzelfall in Bayern, wie die Krankenkassen übereinstimmend in ihren einschlägigen Studien feststellen. 2016, so ergab sich etwa aus den zuletzt ausgewerteten Daten der AOK Bayern, habe "der Gesamtkrankenstand der Pflegebranche" mit 6,45 Prozent seinen "bisher höchsten Wert erreicht". Ein Sprecher der Kasse erklärte: "Mittlerweile liegt der Krankenstand der Pflegebranche um 1,8 Prozentpunkte höher als jener der bayerischen Beschäftigten" - sprich in der Pflege erkranken weit mehr Menschen als in den anderen Branchen. Nach den Atemwegs- und Muskel-Skelett-Erkrankungen seien es die psychischen Störungen, durch die Pflegekräfte am Arbeitsplatz ausfielen.

Für die Gewerkschaft Verdi kommen solche Aussagen nicht überraschend. "Es fehlt vielfach an guten Arbeitsbedingungen", hieß es dort. Allein schon die Schichtarbeit sei belastend. Zusätzlich aber mache ein Großteil der Pflegekräfte regelmäßig Überstunden. Pflegekräfte könnten oft auch nicht ihre gesetzlichen Pausen nehmen, weil sie für andere im Team einspringen müssten. "Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der Krankenstand unter Pflegekräften deutlich höher ist als im Gesamtdurchschnitt der Beschäftigten", so das Resümee der Gewerkschafter.

"Es ist wichtig, dass Pflegekräfte bei ihrer engagierten Arbeit auch auf die eigene körperliche und seelische Gesundheit achten", meint indes Huml. Das neue Modellprojekt fördert der Freistaat mit 200 000 Euro. Vom Modellprojekt werden zunächst nur 50 Pflegekräfte profitieren können. Ein Leitfaden ermögliche dann aber später die Umsetzung des Programms an weiteren Kurorten. Nach Ansicht des Landtagsabgeordneten Peter Bauer (Freie Wähler) greift das angesichts von rund 100 000 Pflegekräften in Bayern viel zu kurz. Humls Projekt sei "nichts weiter als ein Heftpflaster, das die Blutung einer klaffenden Wunde stoppen soll".

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