Gesundheit Nürnbergs misslicher Rekord

Im Berufsalltag von Bus- oder auch von Trambahnfahrern kommt es häufig zu stressigen Situationen, die sich auf den Gesundheitszustand der Fahrer niederschlagen. Aber auch das lange Sitzen führt vor allem zu Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems.

(Foto: Florian Peljak)
  • Nach Daten der Barmer-Krankenkasse waren 2017 Bus- und Trambahnfahrer in Bayern am häufigsten krankgeschrieben.
  • Außerdem auffällig ist die Stadt Nürnberg: Hier gab es die meisten Fehltage aufgrund psychischer Krankheiten.
  • Das Gesundheitsministerium will nun nach Ursachen suchen.
Von Dietrich Mittler

Auf einer Karikatur der Gewerkschaft Verdi sitzt ein Mann mit krummem Rücken und schmerzverzerrtem Gesicht vor dem Arzt und fragt: "Wie sieht es aus, Herr Doktor?" Der antwortet: "Sie haben ÖPNV" - sprich: erkrankt am öffentlichen Nahverkehr. Der neue Gesundheitsreport der Krankenkasse Barmer kommt bei der Auswertung der Versichertendaten zu Erkenntnissen, die diese Zeichnung voll bestätigen. Demnach haben von allen Berufsgruppen in Bayern Bus- und Trambahnfahrer krankheitsbedingt die höchsten Fehlzeiten - im Schnitt traten sie 2017 laut Barmer 33 Tage nicht zum Dienst an.

Dicht dahinter folgen die Altenpflegekräfte im Freistaat, die 2017 statistisch gesehen "durchschnittlich 31 Tage" krankgeschrieben waren. Wie bei den Bus- und Trambahnfahrern werden auf Gewerkschaftsseite hier Stress und hoch belastende Arbeitsbedingungen als Grundursache für die hohen Krankenstände vermutet.

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Die Barmer-Ergebnisse decken sich weitgehend mit denen der bereits vorliegenden Studien anderer Krankenkassen. Ganz oben bei den zu Fehltagen führenden Ursachen stehen nach wie vor Erkrankungen des Atmungssystems und des Muskel-Skelett-Systems - also Erkältungen und hauptsächlich Rückenprobleme.

Hinzu kommen die vielen psychischen Erkrankungen. Eine Erkenntnis im Barmer-Report ließ am Dienstag aufhorchen. "Nürnberg hat bayernweit die höchsten Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen", sagte Claudia Wöhler, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Bayern. Mit nahezu vier Fehltagen pro Beschäftigten habe Nürnberg "die Bundeswerte um fast 13 Prozent überschritten". Lindau wiederum stehe landesweit am besten da. Warum Nürnberg in der Studie als "Ausreißer" auftaucht, wusste Wöhler nicht zu begründen. "Die Ursachen können wir leider nicht ermitteln, das geben unsere Daten nicht her." Der Datenschutz setze da Grenzen.

Auch andere Kassen haben indes Nürnberg als Stadt ausgemacht, in der psychische Erkrankungen so viele Fehltage produzieren. So etwa heißt es seitens der DAK: Psychische Erkrankungen "waren 2017 für mehr als jeden fünften Fehltag in Nürnberg verantwortlich". Diese Stadt liege "deutlich über dem Landesdurchschnitt".

Nach Angaben von Fred-Jürgen Beier, dem Leiter des städtischen Gesundheitsamtes in Nürnberg, tauchten zwar auch im Gesundheitsreport der AOK Bayern Nürnberg und Fürth landesweit gesehen an oberer Stelle auf, doch die von den Kassen gelieferten Daten seien für zielgerichtete Gegenmaßnahmen nur bedingt hilfreich. "Da gibt es immer sehr große Unsicherheitsfaktoren." Relevant sei da etwa die Versichertenstruktur einer Kasse. Barmer-Landesgeschäftsführerin Wöhler etwa hatte darauf auf Nachfrage keine dezidierte Antwort parat. "Meiner Meinung nach ist es deutschlandweit ein Manko in der Gesundheitsberichterstattung, dass jede Kasse ihre Daten gesondert herausgibt", sagte Beier. "Warum", so fragt er sich, "gibt es keine Gesamtdaten der Krankenversicherten?"

Aus dem Gesundheitsministerium hieß es, "diese Entwicklung aus Nürnberg", sei bislang im Haus nicht bekannt gewesen. "Wir werden der Sache nachgehen und mögliche Gründe dafür suchen", sagte Ministerin Melanie Huml.

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