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Gesundheit:Mit dem Motorrad durch die Geriatrie

Born to be wild: Ganz ohne Joystick, nur mit den Bewegungen seines Körpers, steuert Patient Horst Wahl das virtuelle Motorrad.

(Foto: Ulrich Wirth/OH)

Im Uniklinikum Augsburg wird so mancher Patient im Alter zum Biker. Spezielle Computerspiele bringen dort betagte und demente Menschen in Bewegung.

Auf den ersten Blick sieht die Station der Alterstraumatologie am Universitätsklinikum Augsburg ja so gar nicht wie eine Rennstrecke aus. Auffällig ist da eher die Bushaltestelle "Vita Plaza" - klassisch mit einem Netzplan und Fahrplänen. Dann die Wartebank direkt daneben, auf der mit Vorliebe Menschen mit Demenz Platz nehmen und geduldig auf einen Bus warten, der niemals kommt. Hier sollen alte Menschen die Möglichkeit haben, mit dem Motorrad Gas zu geben? Auch das Klavier im Hintergrund, verziert mit einem alten Hochzeitsbild, erweckt keineswegs den Eindruck, dass auf dieser Station Patienten ihr Born-to-be-wild-Gen entdecken könnten. Aber weit gefehlt. Denn vor dem großen Bildschirm schräg gegenüber der Bushaltestelle wird so mancher zum Biker.

"Wir sind sehr glücklich, unseren Patienten diesen Service mit dem Computerspiel bieten zu können", sagt Edgar Mayr, der Direktor der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie, Plastische und Handchirurgie. Zu seiner Klinik gehört die Station Vita, und viele der dort betreuten Patienten sind hochbetagt. Einige von ihnen haben sich bei Stürzen eine Knochenfraktur zugezogen, andere brauchen eine neue Hüfte oder ein neues Kniegelenk - und einige sind darüber hinaus auch dement oder akut verwirrt. Insbesondere für diese Menschen bedeutet ein Krankenhausaufenthalt eine extreme Ausnahmesituation.

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Aber wie auch immer die persönliche Diagnose lautet, für betagte Patienten ist es wichtig, sie zu mobilisieren. Und genau dazu dient das Computerspiel. Der 78-jährige Patient Horst Wahl jedenfalls hat Gefallen an dieser Art von Training gefunden, bei dem man im Grunde ganz bequem auf einem gut gepolsterten Stuhl mit Kopflehne sitzt. Aber mehr braucht es offenbar auch nicht. Ohne jeglichen Joystick, allein durch seine Körperhaltung, steuert Wahl das Motorrad, legt sich kühn in die Kurve, düst davon. Gas geben ist kein Problem, dazu muss man sich nur schneller bewegen - und ab geht die Post. Aber Vorsicht. Horst Wahl hat sich wohl zu weit rausgelehnt, er landet im Kiesbett. Zum Glück nur virtuell, und so steht der 78-Jährige ohne jede Schramme vom Stuhl auf, sagt "Das war wohl nix" und nimmt Platz am Frühstückstisch der Station.

"MemoreBox" heißt die Videospiel-Plattform, mit der Horst Wahl mitten in einer Klinik-Station Motorrad gefahren ist. Entwickelt von einem Hamburger Start-up-Unternehmen, können alte Menschen auch virtuell Kegeln gehen - oder als Briefträger Post verteilen. Beim Briefträger-Spiel etwa wird das Reaktionsvermögen der alten Menschen unterstützt. Hier gilt es, während der Fahrt die virtuellen Briefkästen durch zielgerichtete Armbewegungen zu erreichen. Eine Spezialkamera oberhalb des Bildschirms sorgt dafür, dass die Körperbewegungen der Senioren zu digitaler Entfaltung kommen.

"Es mögen einfache Gedächtnisleistungen und Koordinationsübungen sein - für Menschen mit Demenz können sie zur Herausforderung werden", sagt Jutta Werther. Sie ist Oberärztin der Geriatrie, und wenn sie auf die MemoreBox angesprochen wird, dann ist Lob zu hören: "Das Tolle an diesem Programm ist, dass auch ältere Menschen wieder der Ehrgeiz packt. Und dass sie motiviert werden, sich zu bewegen." Menschen, so ist Werther überzeugt, spielen gern, "egal in welchem Alter sie sind". Dass die MemoreBox - insbesondere auch entwickelt für den Einsatz in Seniorenheimen - ihren Platz im Universitätsklinikum Augsburg gefunden hat, ist dem Unternehmer-Paar Elke Fey und Peter Holzheu aus Königsbrunn zu verdanken, das sich eben nicht nur bei der Anschaffung eines speziellen Demenzgeschirrs als spendabel erwies.

Aber vielleicht wäre die Spende auch auf einer ganz anderen Station gelandet, gäbe es da nicht diese kleine Geschichte zu erzählen: Als Eishockey-Profi bei den Augsburger Panthern musste Peter Holzheu in den Achtzigerjahren nicht nur einmal nach robusten Begegnungen auf dem Eis operiert und zusammengeflickt werden. Der Chirurg, der das bei ihm machte, der hieß Edgar Mayr.