Gesundheit Die AfD-Politikerin und das Märchen von der Krebs-Heilung

Die frühere Kreisvorsitzende der AfD, Linda Amon, zusammen mit dem AfD-Politiker Alexander Gauland bei einem Treffen in Maisach.

(Foto: Günther Reger)
  • Das private Medias Klinikum in Burghausen wirbt auf seiner Homepage damit, Krebskranken in hoffnungslosen Fällen mit einer speziellen Therapie geholfen zu haben.
  • Viele der gezeigten Patienten sind jedoch bereits verstorben.
  • AfD-Politikerin Linda Amon, die für die Pressearbeit der Klinik zuständig war, behauptet, es handle sich um ein Versehen.
Von Julia Bergmann

Linda Amon ist wütend. Sie will nicht mit der SZ reden. Schon gar nicht darüber, dass sie den Vorsitz des AfD-Kreisverbands Dachau/Fürstenfeldbruck bei einer außerordentlichen Sitzung am 9. April abgegeben hat. Nur eine Woche später wurde bekannt, dass sie für die fragwürdige Pressearbeit des privaten Medias Klinikums im oberbayerischen Burghausen zuständig ist. Die Klinik wirbt auf ihrer Homepage damit, Krebskranken in hoffnungslosen Fällen mit der sogenannten Regionalen Chemotherapie geholfen zu haben. Verfasst hat die Artikel Linda Amon. Was darin aber verschwiegen wird: Viele der angeblich Geheilten sind bereits tot.

Recherchen des NDR, der norwegischen Zeitung Aftenposten und der Süddeutschen Zeitung haben ergeben: Die Klinik warb unter der Regie Amons wiederholt mit Toten und verwendete dafür Artikel, die die frühere Bild-Reporterin zuvor bereits in Boulevard-Blättern platziert hatte. Amon schreckte offenbar nicht einmal davor zurück, ihre Texte mit Fotomontagen angeblich geheilter Patienten zu bebildern. Mehr noch: Karl Aigner, der für die unter Onkologen umstrittene Therapie am Medias-Klinikum verantwortlich ist, erklärt, Amon habe überdies zum Teil massiven Druck auf Krankenkassen ausgeübt, damit diese die Kosten für die Behandlung übernahmen.

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Besteht ein Zusammenhang zwischen der Neuwahl des Vorstands der Kreis-AfD und dem Bekanntwerden von Amons fragwürdiger Tätigkeit für das Klinikum? Karl Herman Behrens, Beisitzer im AfD-Kreisvorstand und dessen Sprecher, bestreitet das. Vielmehr habe man die Partei in ihrer Zusammensetzung optimieren wollen, um für die anstehende Bundestagswahl bestens gerüstet zu sein.

Warum Amon bei der Wiederwahl durchfiel, ist unklar. Nur so viel sagt Behrens über seine Parteikollegin: Sie "hat aus unserer Sicht die Tätigkeit des Kreisverbandsvorsitzenden ordnungsgemäß und auch mit Erfolg durchgeführt". Die Frage, wie der Kreisverband Amons Tätigkeit für die Klinik bewerte, wolle er erst nach der Vorstandssitzung in den kommenden Tagen beantworten.

Karl Aigner hingegen äußert sich ausführlich zu Amons Pressearbeit. So erklärt er, sie habe zum Teil ohne sein Wissen gehandelt. So habe Amon einen Artikel über eine Patientin veröffentlicht, die bereits nicht mehr behandelt worden sei, da ihr Tumor nicht auf die Therapie angesprochen habe. Erst als sich der Ehemann der Patientin über die Veröffentlichung beschwerte, will Aigner davon erfahren haben.

Der Arzt geht noch weiter und sagt, Amon habe in der Vergangenheit teils massiv Druck auf Versicherungen und Krankenkassen ausgeübt, damit diese die Behandlungskosten übernahmen: "Sie publiziert dann überall und hat manchen Versicherungen und Kassen Probleme gemacht", sagt Aigner. "Da ging's richtig ab." Er berichtet von einer Gerichtsverhandlung, bei der über die Kostenübernahme für eine Behandlung entschieden worden sei. "Sie hat alles mobilisiert, was geht. Da war Rundfunk und Presse und Lokalfernsehen da hinten gesessen", erzählt er. Im Verlauf der Verhandlung habe sein Anwalt auf die versammelte Presse aufmerksam gemacht und an die Vertreter der Versicherung gerichtet gesagt, diese könnten jetzt einen richtig guten Eindruck machen, wenn sie bezahlten. "Und da haben sie bezahlt. Der hat das so grandios gemacht, wie einer, der in der letzten Minute noch ein Tor schießt", sagt Aigner.

"Ich verfolge nicht alle Fälle weiter. Das ist mir durchgerutscht"

Während Amon der Süddeutschen Zeitung eine Stellungnahme zu allen Vorwürfen verweigerte, schreibt sie öffentlich einsehbar auf ihrer Facebook-Seite über die Berichterstattung zu ihrer Tätigkeit für das Klinikum in Burghausen. Sie nimmt Aigner dort in Schutz und bezeichnet die Berichterstattung als "Hexenjagd". Die ehemalige AfD-Kreisvorsitzende fühlt sich und die Klinik zu Unrecht einer Skandalisierung ausgesetzt und schreibt: "Die angebliche Werbung mit den erwähnten Toten entpuppt sich als veraltete - und vergessene - Eintragungen auf der Website der Klinik und einigen fehlerhaften Posts auf deren Facebook-Seite." Für die Facebook-Präsenz und somit auch für die Posts des Klinikums sei Amon allerdings selbst zuständig gewesen, sagt Aigner. In einem Gespräch mit der Passauer Neuen Presse gesteht Amon ein: "Ich verfolge nicht alle Fälle weiter. Das ist mir durchgerutscht."

Während Aigner in Hinblick auf Amons Pressearbeit immerhin Bedauern äußert und auf Nachfrage der Passauer Neuen Presse im Nachhinein eingestanden hat, zu sehr auf den Boulevard gesetzt zu haben, stellt sich Amon auf ihrer Facebook-Seite als Opfer widriger Umstände dar. Der Skandal liege darin, dass freier Journalismus in den letzten Jahren kaum noch bezahlt werde. "Dass ehemalige Redakteure auf PR umsteigen (müssen)", schreibt sie. "Nahezu jeder Artikel über Kosmetik, Mode, Reisen, Autos und natürlich Gesundheit ist mehr oder weniger mit Werbung versetzt", erklärt sie weiter.

Darüber, wo die Grenze verläuft, die die journalistischer Sorgfaltspflicht bei der Verquickung von Werbung und redaktionellem Inhalten vorgibt, gibt es offenbar unterschiedliche Auffassungen.

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