Süddeutsche Zeitung

Gespräch über Euthanasie-Opfer:"Die Schwestern ahnten, was mit diesen Leuten passiert"

Generaloberin Benigna und Domkapitular Anneser über die "Euthanasie"-Opfer aus Schönbrunn während der Jahre 1940 bis 1945.

Thomas Soyer

Was geschah 1940 bis 1945 in Schönbrunn? Was wussten die Ordensschwestern über die sogenannte Euthanasie, die zunächst offiziell verordnet, 1942 dann auf Druck der Öffentlichkeit geheim als "wilde Euthanasie" weitergeführt wurde und der eine nicht genau bekannte Zahl von Schönbrunner Patienten in Haar zum Opfer fiel?

Welche Rolle spielte der Dachauer Professor Hans Joachim Sewering dabei, dem nachgewiesen wurde, dass er damals als junger Arzt eine Überweisung unterschrieb für eine 14-jährige behinderte Schönbrunn-Patientin, die dann in der Anstalt Haar-Eglfing ermordet wurde. Und hat die Justiz gar den "Fall Sewering" verschlafen?

Die Süddeutsche Zeitung hatte 1997 Gelegenheit, in einem Exklusiv-Interview mit der Generaloberin der Schönbrunner Schwestern, Schwester Maria Benigna Sirl, sowie mit dem Pressereferenten des Erzbischöflichen Ordinariats München, Domkapitular Dr. Sebastian Anneser, über diese Fragen zu sprechen.

SZ: Über die Umstände in den frühen 40er Jahren in der Behinderteneinrichtung Schönbrunn kursieren zwei Versionen, soweit es das Thema Euthanasie und Transport nach Haar-Eglfing angeht. Einmal jene, die Professor Hans Joachim Sewering verbreitet hat, nämlich dass man 1943 hier in Schönbrunn "nichts mehr geahnt" habe; zum anderen die, welche die "Kongregation der Dienerinner der Göttlichen Vorsehung" von Schönbrunn durch eine offizielle Erklärung bekräftigt hat, wonach 1943/44 noch Sammeltransporte durchgeführt wurden. Die Schwestern wussten, was mit den Sammeltransporten 1940/41 geschah und hätten aus eigenem Ermessen niemals Einweisungen der ihnen anvertrauten Menschen nach Haar organisiert. Wie war das denn damals wirklich?

Schwester Benigna: Im Interview der Süddeutschen Zeitung vom Januar 1993 hat Herr Sewering gesagt, dass er volles Einverständnis mit den Schwestern über die Verlegungen nach Haar gehabt hätte. In dem Interview hat er den Eindruck erweckt, dass den Schwestern in Schönbrunn nicht bekannt gewesen ist, was mit den Patienten - also den dorthin verlegten behinderten Menschen - in Haar passiert. Sie hätten die Verlegungen deshalb guten Glaubens mehr oder weniger auch befürwortet. - Das kommt aus dem Interview so heraus, und das war der Auslöser, dass wir damals sagten, dem ist nicht so. Weil es nicht geht, daß Professor Sewering die Verantwortung für die Verlegungen damit den Schwestern zuschiebt.

SZ: . . . für Verlegungen, bei denen er als Arzt seine Unterschrift unter die Transportakte gesetzt hat.

Schwester Benigna: . . . ja, in diesem einen Fall (der Babette Fröwis, die als Jugendliche aus Schönbrunn nach Haar transportiert und dort als Opfer der sogenannten Euthanasie ermordet wurde; d. Red.). Aus unseren Unterlagen können wir belegen, dass 1943 insgesamt 203 behinderte Menschen nach Haar verlegt wurden und davon allein am 22. Dezember 179 Menschen. Also war es ein Sammeltransport und nicht eine Einzelüberweisung oder -einweisung nach Haar. Wer diese Einweisungen veranlasst hat, ist uns nicht bekannt. Wir wussten auch nichts Näheres von dieser Babette Fröwis bis zu dem Zeitpunkt, als das im Spiegel erschienen ist (1978 und 1993; d. Red.).

Wir wollten das richtigstellen aus unserer Sicht, dass eben die Schwestern sehr wohl wussten, dass zwischen 1940 und 1944 planmäßiger Abtransport von behinderten Menschen erfolgt ist von Schönbrunn nach Haar. In diesem Zusammenhang haben wir erklärt: Die Schwestern ahnten, was mit diesen Leuten dort passiert, dass so genanntes "unwertes Leben" vernichtet wird. Aus dieser Zeit - 1940 und 1941 vor allem ...

SZ: ... als Euthanasiemorde auf offizielles Geheiß und systematisch ausgeführt wurden ...

Schwester Benigna: ... ja. In diesem Zusammenhang wurde von uns geäußert: Die Schwestern wussten sehr wohl, was dort passiert. 1943 gab es noch einmal Sammeltransporte. Da wussten die Schwestern natürlich nicht, was dort tatsächlich passiert, sondern aus dem Erleben dieser Zeit und aus eigener Veranlassung hätten sie natürlich nie jemanden dorthin verlegt. Das Miterleben der Transporte, dieser schlimmen Zeit war schwer.

Die behinderten Menschen haben gefühlt, was mit ihnen passiert und sich dagegen gewehrt, und die Schwestern waren dem machtlos ausgeliefert. Sie konnten das nicht verhindern.

Sie konnten lediglich - und das ist ja in Schönbrunn gemacht worden - die Akten "säubern" in einer großen Aktion bei Nacht. Es sind ja von außen SS-Ärzte gekommen und haben die Akten durchforstet. Die Schwestern haben durch diese Aktion manchem das Leben gerettet.

Lesen Sie, was Schwester Benigna über den Verbleibt der Schönbrunner Akten weiß.

SZ: Sind da Menschen vor der SS versteckt worden?

Domkapitular Anneser: Nach allem, was aus Berichten - unter anderem von Prälat Steininger - hervorgeht: Ja. Er schreibt davon, dass Akten entfernt wurden, dass Diagnosen verharmlost wurden, schließlich, dass man sogar Patienten vorübergehend bis nach Beendigung der Transporte wieder bei ihren Eltern untergebracht hat. Dieses Vorgehen beweist eine massive Vorhaltung von Dr. Pfannmüller (dem Haarer Anstaltsleiter, der für Euthanasiemorde nach dem Krieg verurteilt wurde; d. Red. ) gegenüber Prälat Steininger in einem Telefonat: Pfannmüller hatte Steininger nach einer Patientin befragt, die nach Pfannmüllers Auswahlkriterien längst nach Haar hätte ausgeliefert werden müssen, und Steininger musste einräumen, dass diese Patientin noch immer in Schönbrunn war. Das hatte, wie Steininger überliefert hat, fast zu einer prekären Situation für Schönbrunn geführt.

Schwester Benigna: Aber das war 1941. Und 1943, aus diesem Erleben heraus, war ja die Angst da: was passiert da jetzt wieder? Die Schwestern hätten nie so etwas freiwillig veranlasst oder von uns aus die Veranlassung gegeben, nach Haar zu überweisen. Das bestätigt auch die eine Schwester, die noch lebt.

SZ: Das war genau der Punkt, an dem Sie sich durch die Äußerungen Sewerings im SZ-Interview wohl sehr kompromittiert gefühlt haben. Und es widersprach ja jeder denkbaren Hierarchie: Die Verantwortung lag ja wohl beim Mediziner.

Schwester Benigna: Richtig, damals wie heute. Und um noch etwas hinzuzufügen: Die Schwestern hatten ja die Betreuung in den Gruppen, die Verantwortung für die pflegerische Versorgung - aber sie hatten in keiner Weise Einflussrecht, wohin Patienten verlegt werden. In der Verantwortung des Arztes lag es damals wie heute, wohin der Patient kommt.

Domkapitular Anneser: Schwester Benigna, nach meiner Kenntnis der Informationen, die ich zusammengetragen habe aus verschiedenen Zeitungsartikeln und auch aus Stellungnahmen, stand ein Teil der Häuser - 582 Betten (insgesamt waren rund 3000 Patienten in Schönbrunn damals; d. Red. ) - leer.

Am Vorabend des Hitler-Geburtstags 1941 kamen, angeführt vom Kreisamtsleiter von Dachau, mehrere Behördenvertreter nach Schönbrunn, verlangten nach Prälat Steininger und erklärten apodiktisch: Die ganze Anstalt werde in Beschlag genommen; sie sei vorgesehen zur Unterbringung von 1000 Kindern aus Norddeutschland. Verständlicherweise war diese Nachricht für Prälat Steininger äußerst beunruhigend. Enteignung der Anstalt hätte neben der Verlegung aller Patienten anderswohin auch die Vertreibung für die 350 Ordensschwestern in Schönbrunn bedeutet.

Nach einer schlaflosen Nacht, wie Steininger sagt, entschloss er sich, dieser Enteignung zuvorzukommen. Er fuhr nach München und bot dem Gesundheitsamt die verfügbaren Plätze als Ausweichquartier für Münchner TBC-Kranke an. Das Gesundheitsamt München meldete umgehend beim Landratsamt Dachau entsprechenden Bedarf an und kam so der Gesamtenteignung zuvor.

Nach den vorhandenen Eingangs- und Ausgangsbüchern waren im Zuge der großen Verlegung 1941 insgesamt 582 Patienten von Schönbrunn abtransportiert worden, der größte Teil nach Haar, sieben nach Erlangen. 1942 waren von Haar wieder 120 nach Schönbrunn zurücküberwiesen worden.

SZ: Gestatten Sie eine Nachfrage? Normalerweise sind ja all diese Grausamkeiten der Nazizeit mit einer buchhalterischen Genauigkeit dokumentiert. Ist mit Ihren Akten irgendetwas passiert, sind die in andere Hände gewandert? Was wissen Sie über den Verbleib der Schönbrunner Akten zu diesen Vorgängen?

Schwester Benigna: Ich kann nur sagen, was im Moment hier ist. Das sind also Bücher, in denen die Daten drinstehen: Wann sind die zu uns gekommen, welchen Namen haben sie, das Geburtsdatum, wo kommen sie her, wohin wurden sie überwiesen.

SZ: Es handelt sich also um Eingangsbücher?

Schwester Benigna: Ja, Eingangs- und Ausgangsbücher. Es gibt Listen. Es gibt einen Schriftverkehr, der im Grunde nichtssagend ist im Hinblick auf die damalige Zeit und nichts hergeben, um die Vorwürfe gegen Professor Sewering zu belegen. Professor Sewering war ja zunächst nicht bei uns angestellt (nach Versetzung des Hausarztes Dr. Steinbacher nach Gabersee im Jahr 1944 war Sewering vorübergehend - neben anderen Ärzten - aushilfsweise für die Behindertenanstalt zuständig; d. Red. ), er war für das TBC-Ausweichkrankenhaus angestellt vom Gesundheitsamt München. Aber davon sind überhaupt keine Unterlagen da, die hatten wir noch nie.

Und dass ich das noch sage: Der Prälat Steininger war ja damals Leiter, und der hat damals sehr bewusst Vorgänge dieser Art ferngehalten von den Schwestern. Ob da einmal mehr Unterlagen da waren, das entzieht sich meiner Kenntnis.

SZ: Geht aus Ihren Unterlagen nicht hervor, welcher Arzt die jeweilige Überweisung angeordnet hat? Immerhin ist in Haar ein Überweisungsschein - eben der von Babette Fröwis - aufgetaucht, versehen mit der Unterschrift des Dr. Sewering.

Schwester Benigna: Nein, wir haben die Listen, die Bücher, und da sind keine Unterschriften drin.

Domkapitular Anneser: Ich meine, eine andere Möglichkeit, einen Schritt weiter zu kommen, könnte in der Tat sein, die Listen - also die Ausgangslisten der Patienten, die nach Haar überwiesen worden sind - und derer, die nachher wieder zurückkamen, miteinander zu vergleichen.

Schwester Benigna: Wir wollen das historisch aufarbeiten lassen und dokumentieren, um endlich einmal ein Wissen zu haben, was da eigentlich passiert ist - so weit es noch zu erforschen ist.

SZ: ... und vielleicht auch, um Unterstellungen in der Öffentlichkeit zu entkräften. Es wird ja von vielen vermutet, dass Sie Material zurückhalten.

Schwester Benigna: Ja, das wird uns oft unterstellt, und zwar von vielen Seiten. Es wird immer vermutet, wir hielten etwas zurück. Also: Wir haben unsere Unterlagen voll und ganz der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt. Das ist geprüft worden.

SZ: Sind das denn viele Unterlagen?

Schwester Benigna: Es sind jede Menge Riesenbücher aus der Zeit, bestimmt sechs große Kladden, wo jeder Name, jedes Datum, verzeichnet ist, und an welchem Tag wer gestorben ist oder nach Haar gekommen ist. Das ist da genau herauszulesen. Es sind Personenakten hier aus dieser Zeit. Die sind alle zur Verfügung gestellt worden.

Lesen Sie, wie Professor Sewering gegen Schwester Benigna vorgehen wollte.

SZ: Und Sie wollen das nun auch Geschichtswissenschaftlern zugänglich machen?

Schwester Benigna: ... historisch aufarbeiten lassen.

SZ: Wissen Sie schon, wie das geschehen soll, wer das machen soll?

Schwester Benigna: Darüber machen wir uns gerade Gedanken. Gedacht ist unter anderem an das Institut für Zeitgeschichte.

SZ: Ihre Kongregation hat im Benehmen mit dem Ordinariat 1993 als Reaktion auf Sewerings Interview eine Erklärung herausgegeben, die, wie Sie sagen, einfach nur Fakten geradegerückt hat, die Professor Sewering falsch in die Öffentlichkeit gebracht hat. Sie haben im Vorgespräch erklärt, dass Sie in der Folge Ärger bekommen haben mit Professor Sewering. Er hat Sie ja, glaube ich, mit einem Prozess bedroht. Ist das Klima nun verdorben? Sewering war ja nach dem Krieg bis in die 90er Jahre immer noch Konsiliararzt in Schönbrunn, also beratender Arzt.

Schwester Benigna: Er hat damals gedroht, dass er das prozessual bearbeiten lässt, wenn wir ihn belasten.

SZ: Aber Sie haben ihn ja nicht belastet.

Schwester Benigna: Nein, das geht aus keinem Artikel hervor. Wir haben nur richtiggestellt, was fälschlicherweise uns angelastet wurde beziehungsweise Behauptungen, die durch unsere Unterlagen eindeutig widerlegt wurden - zum Beispiel, dass es nach 1941 keine Verlegungen in größerem Stil mehr gegeben habe, wie Sewering behauptet hatte.

SZ: Dadurch aber, dass das nicht in allen Punkten übereinstimmt mit seiner Darstellung, hat er sich selbst in eine unglückliche Position manövriert. Schwester Benigna: Würd' ich sagen, ja.

SZ: Das hat ja weitere Wellen geschlagen. Aus den USA schwappen diese Wellen derzeit gerade wieder zurück ...

Schwester Benigna: ... damit haben wir sehr viel zu tun gehabt seither.

SZ: Dr. Franzblau war zu Gast bei Ihnen, ein amerikanischer Arzt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, solche Fälle aufzuklären, und auch der Auftraggeber einer Anklage ist, die im Namen des Bruders von Babette Fröwis gegen Professor Sewering eingereicht wurde. Anschließend kam der Staatsanwalt ...

Schwester Benigna: Ich stelle halt immer wieder fest, dass vermutet wird, wir verheimlichten etwas, wir hätten noch irgendeine Leiche im Keller, die wir nicht herausgelassen haben bisher. Das kommt von Franzblau und von Seiten der Presse. Mir geht es deshalb jetzt darum, dass das historisch aufgearbeitet wird, damit einmal der Öffentlichkeit übergeben werden kann, was hier und jetzt da ist.

Domkapitular Anneser: Die Diözese ist mit einbezogen worden bei diesem Besuch von Professor Franzblau. Im Gefolge seines Besuchs war ja auch ein Fernsehteam von ABC hier. Das hatte auch nachgesucht um ein Interview, zunächst bei Schwester Benigna und dann auch im Erzbischöflichen Ordinariat. Wir haben uns abgestimmt in der Überzeugung, es gibt nichts zu verbergen. Also, warum soll man das Interview ablehnen.

Wir haben dann zusammen in München ein Interview von etwa eineinhalb Stunden gegeben und versucht, nach bestem Wissen und Gewissen Antworten auf die Fragen zu geben. Offensichtlich aber waren die Antworten nicht das, was man sich erhofft hat. Dieser Journalist hat uns zugesichert, er werde uns eine Dokumentation dessen, was über den Sender geht, zuschicken. Das kam ziemlich lange nicht, und war dann plötzlich als Videokassette beim Kardinal, von Professor Franzblau geschickt; zu unserer beiden großen Überraschung ist keine einzige Sekunde dieses eineinhalbstündigen Interviews Gegenstand der Sendung gewesen.

Und das spricht eigentlich für uns: Es war offensichtlich nicht das, was man sich erhofft hat. Aber beschäftigt hat uns natürlich die ganze Aktion insofern, als hier der Geschäftsführer des Franziskuswerks in einer für mich verständlichen Bemerkung sagte, es gibt hier nichts mehr, was wir ihnen anbieten können; wenn überhaupt, müsste allenfalls noch im Diözesanarchiv was sein.

Das führte dann dazu, dass Franzblau postwendend an den Kardinal geschrieben hat - und zwar sehr fordernd -, er soll endlich die Akten herausrücken, die bei ihm liegen; er habe in Schönbrunn erfahren, dass bei der Diözese noch Akten zum Fall Sewering da wären, die ihn möglicherweise der gerechten Strafe auslieferten. Und er wollte eine Kopie dieser Unterlagen für sich, eine Kopie für den deutschen Außenminister ..

Domkapitular Anneser: ... eine Kopie für den deutschen Außenminister und eine Kopie dann auch für den Staatsanwalt in München, um ein Verfahren einzuleiten.

Darauf kam als Antwort des Kardinals: Es gibt bei uns keine Akten über das hinaus, was Sie bereits bekommen haben; wir möchten aber auch darauf hinweisen, wie ungeheuerlich es ist, dem Bischof zu unterstellen, er unterschlage bewusst Akten, die möglicherweise zur Überführung eines Verbrechers beitragen - immerhin lautet der Vorwurf ja auf Mord beziehungsweise Totschlag.

SZ: Wenn überhaupt, so wäre wohl nur über den Terminus "Beihilfe" zu Mord oder Totschlag zu debattieren, da es bei Sewering ja um den Patiententransport nach Haar, nicht aber unmittelbar um die Tötung der Behinderten dort ging.

Domkapitular Anneser: Gut. Aber so aggressiv und undifferenziert argumentieren die amerikanischen Ankläger. Ich habe volles Verständnis für die Anti Defamation League (ADL, eine jüdische Organisation, die sich die Aufklärung von Verbrechen der Nazizeit, vornehmlich an Juden, zur Aufgabe gemacht hat). Auch das Wiesenthal-Institut war befasst mit der Akte Sewering.

Nur: Was dann an Kampagnen eingeleitet worden ist, ist im Grunde für dieses verständliche Anliegen eher kontraproduktiv. Ich weiß nicht, ob Ihnen die halbseitige Anzeige aus der New York Times bekannt ist mit der Aufforderung an Ministerpräsident Stoiber und Kardinal Wetter, ihren Teil beizutragen zur Überführung von Professor Sewering als Nazi-Verbrecher. Dieselbe Linie hat man in der genannten US-Fernsehsendung gefahren und bezeichnenderweise nichts erwähnt von den Fakten, die wir zusammentragen konnten und die eine Reihe von pauschalen Anschuldigungen widerlegen. All das wird schlichtweg ignoriert.

Insofern bleibt ein bitterer Beigeschmack bei allem Bemühen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Offensichtlich traut man uns Deutschen nicht zu, dass wir inzwischen in einem Rechtsstaat leben. Das bedeutet unter anderem: Wer immer beitragen kann zur Aufklärung von Unrecht, ist aufgerufen, das zu tun. Das entbindet ihn aber nicht von der Verpflichtung, Anschuldigungen entsprechend zu belegen.

Wir können nicht hinnehmen, dass man aus der Tatsache, dass wir uns dem Gespräch gestellt haben, schnell konstruiert: "Schwestern brechen nach 50 Jahren endlich ihr Schweigen und dies auf ausdrückliche Anordnung des Kardinals."

So muss der Eindruck entstehen, dass Schwestern unter dem immer stärker werdenden psychischen Druck mit ihrem Wissen um das Unrecht von damals nicht mehr zurande kommen und jetzt endlich ihr Schweigen brechen. - Davon kann nicht die Rede sein. Schwester Benigna und ich kamen lediglich zur Überzeugung, es wäre schlimmer, wenn man sich bei den vielen geäußerten Verdachtsmomenten dem Gespräch verweigert.

Daraus aber abzuleiten, hier sei "endlich ein Schweigen gebrochen" worden, und möglicherweise noch auf ein Machtwort des Kardinals hin - so kam es in der amerikanischen Presse heraus -, das ist schlichtweg lächerlich. Es ging unter anderem um vier Stationsschwestern von damals ...

Schwester Benigna: ... von denen aber heute nur noch zwei am Leben sind.

Domkapitular Anneser: Es ging darum, diese Schwestern befragen zu dürfen. Beide sind inzwischen weit über 80 Jahre alt und sehr gebrechlich. Allein deshalb, aber auch wegen der begrenzten Zuständigkeit als Stationsschwestern stand zu befürchten, dass sie keinen Beitrag zur Aufklärung der anstehenden Fragen liefern könnten.

Schwester Benigna hat deshalb verständlicherweise die Bitte abgelehnt. Als Kompromiß schlug der amerikanische Reporter vor, er würde seine Fragen schriftlich formulieren und der Einfachheit halber nur darum bitten, auf einem Zettel lediglich das Wörtchen "Ja" oder "Nein" anzukreuzen. Ich kenne nun zufällig eine der Fragen, und die hieß: "Wusste Dr. Sewering, dass eine Überweisung nach Haar das sichere Todesurteil bedeutet hat?"

Hätte nun die Schwester angekreuzt, "ja, Sewering wusste ...", musste sie mit der Aufforderung rechnen, den Wahrheitsbeweis anzutreten. Und das bei ihrem Alter von 84 Jahren und der entsprechenden altersbedingten physischen und psychischen Verfassung. Kann man erwarten, dass der Befragten in dieser Situation der Unterschied bewusst ist zwischen einer objektiven Aussage "er hat gewußt" und einer subjektiven Einschränkung: "Ich nehme an", "ich vermute", "ich gehe davon aus", dass er wusste - zumal wegen der erschütternden Erfahrungen aus dem Jahr 1941 -, dass eine Überweisung das Schlimmste befürchten lässt. Dann wäre das als subjektive Bewertung vollkommen korrekt und nachvollziehbar.

SZ: Spiegelt sich nicht hier überhaupt das Problem, das man bei der ganzen Bewertung des Falles Sewering hat? Man befindet sich in einem Spannungsfeld: Hie die weit, weit überspannten Vorwürfe, die aus den USA kommen und mit dem Namen Professor Franzblaus verknüpft sind; dort die vagen Vorwürfe, Kongregation und Staatsanwaltschaft mauerten mit Informationen und deckten Sewering. Doch scheint es eben hier die einfache, klare Antwort nicht zu geben. Den konkreten Tatvorwurf kann man nicht hinreichend belegen - und die moralische Schuld ist noch einmal eine andere Frage.

Schwester Benigna und Domkapitular Anneser: So ist es.

Domkapitular Anneser: Eine moralische Schuld kann ich jemand von außen nicht zudiktieren. "Moralische Schuld" heißt für mich ja: eine Einsicht in ein Fehlverhalten; das kann aber doch nur bedeuten, dass jemand diese Einsicht gewinnt oder dass ich ihm allenfalls nahelege, dass ich es so empfinde.

Konkret hat man jetzt diesen einen Fall des 14-jährigen ermordeten Mädchens gefunden. Übrigens, damit man auch sieht, wie schludrig mit Fakten umgegangen wird: Genau dieser Fall wurde von Dr. Franzblau aufgegriffen und dazu verwendet, um damit zu zeigen, wie abgrundtief unmoralisch das Arzt-Patienten-Verhältnis im Dritten Reich war: "Hat der Mann ein Mädchen, das über zehn Jahre seine Patientin war, zur Euthanasie freigegeben ..."

Tatsache ist, dass Sewering im Sommer 1942 nach Schönbrunn kam, dass er hierher kam als Arzt des ausgelagerten Lungensanatoriums und nicht als Arzt der Pflegeanstalt. Er konnte also äußerstenfalls dieses Mädchen ein Jahr gekannt haben. Ich finde, wer so wider besseres Wissen Fakten zusammenwurschtelt, macht sich unglaubwürdig, weil seine Intention, Sewering "ans Messer" zu liefern - um's jetzt hart zu sagen - mit ihm durchgeht.

So - davon bin ich nach wie vor überzeugt - dürfen weder die Schwestern agieren noch kann es die Diözese.

SZ: Auch Professor Sewering hat lange Fakten geleugnet. Seine Mitgliedschaft in der SS zum Beispiel - in der allgemeinen, nicht "bloß" in der Reiter-SS - hat er so lange abgestritten, bis der Spiegel Sewerings Mitgliedsnummer veröffentlicht hat. Entweder er verdrängt, oder er geht ähnlich schludrig mit der Wahrheit um.

Domkapitular Anneser: Ja - nur mit dem feinen Unterschied, dass jeder, der beschuldigt wird, zunächst einmal das natürliche Bedürfnis hat, sich zu salvieren, solange er nicht in gleicher Weise wie der, der ihm den Vorwurf macht, das Unmoralische einer Handlung, die ihm unterstellt wird, für sich nachvollziehen kann.

Bei der anderen Seite ist es meines Erachtens weniger entschuldbar. Das heißt, es ist weniger entschuldbar, wenn jemand zumindest distanzierter sein sollte. Noch einmal: Dr. Franzblaus Familiengeschichte, die ich aus den Medien ein wenig kenne (seine jüdische Familie wurde großteils in deutschen Konzentrationslagern ermordet; d. Red. ), und dessen persönliche Betroffenheit in seiner Familie als Nazi-Opfer ist für mich hinreichende Erklärung dafür, warum er so dahinter her ist, jeden vermuteten Nazi aufzudecken. Das halte ich für völlig korrekt.

Was ich nicht verstehe, ist, daß Medienvertreter die grundsätzlichen Spielregeln einer Medienarbeit so gravierend verletzen. Das ist mir nicht nachvollziehbar.

SZ: Sie heben da auf "Vorverurteilungen" in der Öffentlichkeit ab, die teils wider besseres Wissen an den Fakten vorbeigehen.

Domkapitular Anneser: Richtig. Und es sind viele! Ich habe jetzt das eine Beispiel genannt mit der 14-Jährigen, wo unterstellt wird, ärztliches Ethos bedeutet, dass die besondere Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient, die über lange Jahre aufgebaut worden ist, doch eine Barriere sein müsste, einen Patienten dem sicheren Tod auszuliefern. Dabei wird selbstverständlich unterstellt, Sewering musste überzeugt sein, dass die Überweisung nach Haar das sichere Todesurteil ist. Wir wissen - das sind reine Fakten -, dass viele dieser 200 Patienten des Jahres 1943 wieder nach Schönbrunn zurückgekommen sind, und zwar relativ bald danach.

Also, es stimmt auch diese Unterstellung nicht pauschal. Das ändert nichts daran, dass jedes Opfer, das durch "Luminal" in Haar ermordet wurde, schlichtweg das Umbringen eines schützenswerten Lebens bedeutet. Das ist überhaupt nicht die Frage. Nur: Die Automatik, jede Überweisung nach Haar sei von vornherein ausgestellt worden mit der Sicherheit, dass sie das Todesurteil bedeutet, stimmt so undifferenziert nicht.

SZ: Was war denn der Grund, warum Patienten von Haar wieder nach Schönbrunn zurückgekehrt sind?

Domkapitular Anneser: Ich weiß nicht, und das wäre wohl Gegenstand der Untersuchung, was der Grund dafür war. Ob das zuviele in Haar waren, ob der Druck der Öffentlichkeit zu groß geworden ist? Ich weiß es nicht. Aber auf jeden Fall ist das Faktum nicht zu widerlegen, dass eine erhebliche Zahl von Leuten aus Haar wieder zurückgekommen ist.

Dann wird (von Dr. Franzblau; d. Red. ) gesagt, Sewering sei mitverantwortlich für den Tod von 900 in Haar ums Leben Gekommenen. Auch da habe ich meine Zweifel, ob die Zahlen stimmen: Ob die Zahl der Opfer, die nachweislich in Haar getötet wurden, stimmt, und vor allem, ob stimmt, dass es alle Patienten waren, die im Zuständigkeitsbereich von Schönbrunn waren. Ganz abgesehen davon, dass sie damit immer noch nicht automatisch im Zuständigkeitsbereich von Dr. Sewering waren. Ich kenne für den Zeitraum von 1943 bis 1945 insgesamt 444 Patienten, die in der Statistik von Haar als Opfer der Hungerhäuser erfasst sind. Mir ist schleierhaft, woher diese Zahl "900" kommen soll.

SZ: Ist es nicht auch schwierig, alle Transportzahlen in einen Topf zu werfen. Muss da nicht zwischen medizinisch oder pflegerisch notwendigen und eben jenen Euthanasie-Abtransporten unterschieden werden?

Schwester Benigna: Was uns aufgefallen ist bei der Überprüfung der Daten, ist, daß gerade 1944 im Juni etwa 40 oder 50 Jugendliche von hier - ob Mädchen oder Jungen, die waren alle so um die 14 bis 18 Jahre alt - nach Haar überwiesen worden sind. Wer das veranlasst hat, ist nicht mehr feststellbar.

SZ: Dass es lauter Jugendliche waren, lässt Schlimmes befürchten. Gerade in Haar gab es ja ein Hungerhaus für Kinder, wo Kinder zu Tode hungerten. Und zum Teil wurden sie ja als Behinderte mit dem Schlafmittel "Luminal" ermordet.

Domkapitular Anneser: Ich teile die Befürchtung. In dem Zusammenhang müsste man noch wissen - um einigermaßen eine Wertung vornehmen zu können -, ob es denn Überweisungen auch an andere Institutionen als Haar gegeben hat.

Schwester Benigna: Hat's auch gegeben, als Einzelüberweisungen, nach München zum Beispiel. Aber keine Sammeltransporte.

Domkapitular Anneser: Wenn man Beweise führen will, dann stellt man eine Hypothese auf - insofern kann ich das Vorgehen der amerikanischen Journalisten sehr wohl verstehen. Sie sagen, für uns ist Sewering schuldig als Kriegsverbrecher. Das sagt Franzblau ganz klar. Dann geht es nur noch darum, ihm zu beweisen, was er selber nicht zugibt. Dann kommt eine zweite Hypothese, die heißt - erschreckend ungedeckt: 'In Deutschland sind die Nazis noch lange nicht ausgestorben; hier deckt einer den anderen. 'Wenn ich mir diese Anzeige in der New York Times anschaue, dann heißt es da: Der bayerische Staat und die Kirche haben Sewering 50 Jahre lang gedeckt.

Ich meine, wahrscheinlich kommt man der Wahrheit näher, wenn man eine Hypothese aufstellt, aber dann kommt's darauf an, dass man sie fair verifiziert oder falsifiziert. Wenn ich nun die Hypothese aufstelle, "Professor Sewering ist schuld am Tod von 900 Kindern aus Schönbrunn, die er nach Haar-Eglfing überwiesen hat, damit sie dort ums Leben kommen", und ich mache den Versuch, diese These zu verifizieren, dann klemmt's an allen Ecken und Enden. Weil schlichtweg eine Zahl von 900 Patienten in der Zeit, als er hier war - und da nehm ich sogar die Zeit hinzu, da er als Assistenzarzt am Lungensanatorium tätig war - nicht zusammenkommt.

Schwester Benigna: Zwischen 1940 und 1944 sind etwa 900 Patienten abtransportiert worden, von denen allein etwa 600 in der Zeit 1940/41 abtransportiert wurden auf Veranlassung von SS-Ärzten, die hier in Schönbrunn waren und unter jeden Namen derer, die wegkamen, ein Kreuzchen setzten.

Domkapitular Anneser: Sewering war vom 1. Juni 1942 an hier als Assistenzarzt am Tuberkulosehilfskrankenhaus. Das war in zwei Gebäuden untergebracht. Das andere war die sogenannte Assoziationsanstalt Schönbrunn, Pflegeanstalt für geistig und körperlich Erkrankte.

Nun ist klar, dass bis 1941 diese offizielle Euthanasie-Gesetzgebung in Kraft war und der Großteil der Überweisungen in dieser Zeit 1940/41 erfolgt ist. Also, ich gehe nur einmal von dieser Anzeige in der New York Times aus und sage: Diese Hypothese, die zunächst unbewiesen dasteht - "900 Kinder hat er nach Haar überwiesen und da dem Tod ausgeliefert" - diese Hypothese läßt sich mit Sicherheit so nicht halten.

Damit will ich - noch einmal - nicht verharmlosen, was passiert ist. Aber wer die Behauptung aufstellt, macht es der Gegenseite leicht, sie zu widerlegen. Und damit diskreditiert er sich als jemand, der doch eigentlich ein begründetes Interesse hat, einen Schuldigen der Justiz auszuliefern.

SZ: Sehe ich es richtig, dass nach Lage der Dinge nicht damit zu rechnen, dass je ein Verfahren gegen Professor Sewering eröffnet wird? Bleibt es dabei auch, nachdem der Staatsanwalt die noch lebenden Zeuginnen in Schönbrunn vernommen hat?

Schwester Benigna: Ich kann nur sagen, dass von der Staatsanwaltschaft die Schwestern gehört wurden und, ja, was weiter damit passiert, das haben Sie ja gesagt.

Domkapitular Anneser: Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft haben die Vernehmungen der beiden Schwestern keine zusätzlichen Fakten gebracht, die die gegen Sewering erhobenen Vorwürfe erhärten könnten. Deshalb sei kein Verfahren eröffnet worden.

SZ: Das Bayerische Justizministerium hat in einer ausführlichen Schrift - auch in Richtung Dr. Franzblau - dargelegt, warum kein rechtsstaatlich erhärtbarer Vorwurf gegen Professor Sewering erhoben wird. Im Grunde haben die Justizbehörden resigniert in diesem Fall. Und damit bleiben heute, gut 50 Jahre danach, noch immer Fragen zu dem, was die NS-Medizin verbrochen hat.

Schwester Benigna: Bei uns ist die Erinnerung an das Geschehen immer sehr lebendig geblieben - nicht erst jetzt durch die Anschuldigungen gegen Sewering. Die Schwestern haben immer wieder erzählt von ihren Erlebnissen in der Nazi-Zeit: Was unsere Schwestern und unsere Bewohner in dieser Zeit gelitten haben.

SZ: Wie geht man damit in einem Kloster um? Resigniert man angesichts der Ungeheuerlichkeit der Vorgänge und begnügt sich damit zu sagen, "es war schlimm"?

Schwester Benigna: Nein, das kann uns nur dazu aufrütteln, in der Jetzt-Zeit ganz bewußt unsere behinderten Menschen zu sehen. Sie sind Menschen, die genauso Respekt, Achtung verdienen wie Gesunde, die ein lebenswertes Leben, mit allen Mitteln geschützt, und mit Würde verdienen. Dafür leben wir. - Aufgrund der düsteren Erfahrungen, die die Generation vor uns in Schönbrunn, die Ärzte, Patienten und Schwestern gemacht haben, ist es uns unverständlich, wie unbedarft heutzutage wieder diskutiert und verhandelt wird über Euthanasie und Abtreibung, wenn es darum geht, daß eine Behinderung des Kindes zu befürchten ist. Es gilt, aus der Vergangenheit zu lernen - die Frage ist, ob die Menschen jemals daraus lernen werden.

SZ: Danke für das Gespräch.

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Quelle:
SZ vom Januar 1997
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