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Die Zimbern:Im Mahlwerk der Politik

Reschs wertvolle Arbeit war nicht für die Katz. Sein Vermächtnis bewahrt nun das 1969 ins Leben gerufene Cimbern-Kuratorium, das sich nicht nur dem Erhalt der alten Sprache widmet, sondern zusammen mit dem Landkreis Landshut freundschaftliche Bande mit der Provinz Vicenza pflegt. Regelmäßige Besuchsfahrten gehören ebenso zum Programm wie Fortbildungen und Vorträge. Im Frühjahr fand in der VHS Vilsbiburg erstmals ein Sprachkurs statt, bei dem die Teilnehmer Grundlagen der klassischen zimbrischen Hochsprache erlernten: "Oft gesagt und oft gehört - Òften khöt und often gahòrrt."

Das Zimbrisch der Luserner ist die lebendigste Variante dieses Dialekts, sie hält dem Druck des Italienischen bisher am besten stand. Vermutlich deshalb, weil Lusern mitsamt seinem Umland bis 1918 habsburgisch war, während die Nachbargemeinden zu Italien gehörten. Fiorenzo Nicolussi Castellan, der Leiter des Kulturamts, verweist nicht ohne Stolz auf die alten bairischen Wörter, die in Lusern immer noch zu hören sind: "Kronebit" (Wacholder) zum Beispiel, oder "Pruach" (Hose), ein Begriff, der selbst im tiefsten Altbayern längst vergessen ist.

Lusern

Eine Illustration aus einem Zimbrisch-Wörterbuch für Kinder. Die Begriffe klingen ähnlich wie das alte Bairisch, das vor 800 Jahren gesprochen wurde.

(Foto: Moine Earstn Börtar, Sara Moling/Gabi Mutschlechner (Illustration))

Als klassische Minderheitensprache geriet das Zimbrische in der Vergangenheit immer wieder in das Mahlwerk der Politik. Etwa im Ersten Weltkrieg, als die Feindeslinie zwischen dem Königreich Italien und der Habsburger Monarchie direkt auf ihrem Gebiet verlief und die Zimbern von Tod und Vernichtung heimgesucht wurden. Noch heute sind im Heimatmuseum von Lusern die schweren Granaten zu sehen, mit denen sich die Feinde von den umliegenden Gebirgszügen aus beschossen und auch das Dorf trafen.

Nach dem Krieg wurde die Region dann gezielt italienisiert. Das Zimbrische, das damals noch für Zehntausende Muttersprache war, verlor seinen kulturellen Boden, es wurde vom Italienischen verdrängt. Mussolinis Faschisten hielten die Zimbern nicht zuletzt wegen ihrer eigenwilligen Kultur und Sprache für völkisch renitent und politisch unzuverlässig. Der Gebrauch der zimbrischen Sprache wurde nicht nur im öffentlichen, sondern auch im privaten Raum untersagt. Wer gegen das Verbot verstieß, wurde hart bestraft. Die Sprachinseln wurden immer mehr zurückgedrängt.

Das Verschwinden des Zimbrischen wurde überdies befeuert durch die wirtschaftliche Not, die viele junge Bewohner der Bergregion zum Auswandern in die Städte zwang, dorthin, wo sie Arbeit fanden, wo sie sich aber sprachlich umstellen mussten. Die Dörfer in den Bergen bluteten sprichwörtlich aus. In manchen Orten starb das Zimbrische spätestens in den 50er Jahren aus.

Lusern

Die Gemeinde Lusern liegt 376 Kilometer von München entfernt. Sehenswert ist dort vor allem das Heimat- und Naturmuseum mit seinen zahlreichen Tierpräparaten. In der Umgebung wurde im Ersten Weltkrieg heftig gekämpft. Das österreichische Sperrwerk Gschwent wurde vor einigen Jahren in ein Museum umgewandelt und kann ebenfalls besichtigt werden. Im Sommer ist die Gegend um Lusern mit seinen vielen alten Militärstraßen ein Ziel für Mountainbiker. SZ

Die Luserner aber wollten sich mit dem Untergang ihrer alten Kultur nicht so ohne weiteres abfinden. Im Zuge der 68er Bewegung entwickelte sich dort allen widrigen Umständen zum Trotz eine Art zimbrischer Widerstand. Und der hat zumindest dafür gesorgt, dass Rom im Jahr 2001 die Zimbern als sprachliche Minderheit anerkannte. In Italien hat der Schutz von Sprachminderheiten Verfassungsrang. Seitdem fließt auch staatliches Geld in den Ort. Das Überleben des Zimbrischen dürfte vorerst gesichert sein.

"Dass das Zimbrisch am Sterben sei, hat man schon vor 150 Jahren behauptet", sagt Luis Thomas Prader, Sekretär des Sprachinselkomitees in Oberitalien. Und doch gibt es sie noch, die Zimbern sagen selber "Tzimbar lentak" - das Zimbrische lebt. Eines steht für Prader fest: "Heute schämt man sich nicht mehr, die eigene Sprache zu gebrauchen, man ist stolz darauf, sie zu pflegen."

Auch Luigi Nicolussi ist zuversichtlich, dass die Sprache überleben wird. Das Kulturinstitut im Ortszentrum trägt seinen Teil dazu bei mit Sprachkursen und Kinderprogrammen. Sogar Fernsehnachrichten auf Zimbrisch gibt es inzwischen. Und mit einem aufwendig gestalteten Heimat- und Naturmuseum lockt Lusern inzwischen Touristen in den Ort, um ihnen zu zeigen: Wir sind noch da.

Nicolussi hofft deshalb, dass die Sprachinsel der Urbayern noch lange erhalten bleibt. Er sagt: "Wenn wir wollen, kann unsere Sprache weiter bestehen. Immerhin leben wir hier seit tausend Jahren inmitten von Italienern und haben unsere Sprache dabei lebendig gehalten. Wir sind der harte Kern."

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