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Die Zimbern:Auf den Spuren der Urbayern

Lusern

Das Dorf Lusern ist eine der letzten deutschen Sprachinseln in den norditalienischen Bergen.

(Foto: Sebastian Beck)

Sie leben in einem schwer zugänglichen Gebirgsdorf im Trentin und sprechen eine Sprache wie vor 1000 Jahren: die Zimbern. Ihr Dialekt ist die wohl archaischste deutsche Mundart, die noch existiert. Ein Besuch in Lusern.

Der Weg zu den Urbayern führt Richtung Süden über den Brennerpass, vorbei an Trient und dann nach Osten weit ins Gebirge hinein. Gut 40 Kilometer windet sich die Straße hinauf auf fast 1400 Meter, dann kommt endlich Lusern in Sicht: Ein kleines Dorf auf einer Hochebene, deren Flanke steil ins Tal abfällt. Hotelburgen und Touristenschwärme sucht man hier vergebens. Der Wind jagt die Regenwolken über die Ruinen des österreichischen Sperrwerks aus dem Ersten Weltkrieg - die größte Touristenattraktion von Lusern.

Doch wer dem Altbürgermeister Luigi Nicolussi Castellan lauscht, wenn er mit einer Bekannten telefoniert, der ahnt, dass Lusern noch viel mehr zu bieten hat als Kriegsgeschichte, Natur oder das Heimatmuseum: Nicolussi redet in einer Sprache, die sich irgendwie Südtirolerisch anhört, eine merkwürdige Mischung aus Bairisch, unterlegt mit italienischer Melodie. Die Sprache ist so exklusiv, dass sie nur von tausend Menschen weltweit gesprochen wird, wobei die meisten von ihnen hier oben leben. Einheimische wie Nicolussi nennen sie schlicht "as be biar" - so wie wir. Ein paar mehr Menschen kennen sie auch als Zimbrisch. "Bolkhent atz Lusern - Willkommen in Lusern. Bolkhent in lont von Zimbarn - Willkommen im Land der Zimbern."

Der Name Zimbern weckt sofort Erinnerungen an den Geschichtsunterricht, in dem ein gleichnamiger Germanenstamm aus dem Norden Europas vorkam. Dieser wurde vor gut 2000 Jahren von den Römern aufgerieben. Diese Zimbern und Teutonen sind aber mit den Zimbern von Lusern nicht verwandt. Die Vorfahren der Luserner stammen nämlich aus Oberbayern, genauer gesagt aus der Gegend von Benediktbeuern. Vermutlich hatte sie im Mittelalter eine Hungersnot gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und sich in dieser rauen italienischen Bergregion anzusiedeln. Luigi Nicolussi Castellan sagt, der Bischof von Verona habe damals den Brüdern aus Bayern angeboten, sich in den abgelegenen Hügeln nördlich von Verona anzusiedeln, die Wälder zu roden und die Felder zu bestellen.

Diese Höhenzüge einigermaßen urbar zu machen, dürfte eine mühsame Fronarbeit gewesen sein. Und tatsächlich wurden die Zuwanderer für Nachkommen der germanischen Zimbern gehalten. "Sunt Cimbri, ut se asserunt", heißt es in einer italienischen Schrift aus dem 14. Jahrhundert: "Sie sind Cimbern, wird behauptet." Dieser Irrglaube hielt sich bis ins 19. Jahrhundert. Der Name blieb ihnen, und ihre Sprache auch. Das Zimbrische hat auf der alpinen Hochebene nördlich von Verona und Vicenza die Zeiten überdauert. Vor allem in Lusern hat sich ein Idiom erhalten, wie es vor gut 800 Jahren in Bayern gebräuchlich war. Es handelt sich um die archaischste deutsche Mundart, die noch existiert.

Nach seinem ersten Besuch bei den Zimbern anno 1838 schwärmte der große bayerische Sprachforscher Johann Andreas Schmeller, er habe dort Klänge aus dem 9. Jahrhundert gehört. Dies war leicht übertrieben, aber eines lässt sich mit Sicherheit behaupten: Als eine bairische Varietät des Mittelhochdeutschen reicht das Zimbrische ins 12. Jahrhundert zurück. Die Luserner sprechen also zum Teil noch so, wie es die Menschen in Benediktbeuern um 1180 taten, als die Wittelsbacher die bayerische Herzogswürde erhielten.

Weil die Zimbern im schwer zugänglichen Gebirgsdorf Lusern, in den Sieben Gemeinden um Asiago und in den Dreizehn Gemeinden nördlich von Verona weitgehend isoliert blieben, entwickelte sich ihre Sprache nicht weiter, sie wurde quasi wie unter einer Käseglocke im Urzustand konserviert. Schmeller erkannte sofort, dass er hier einen Dialekttyp des Mittelhochdeutschen hörte, denn die Zimbern sagten wie die Altbayern und Tiroler für Dienstag Ertak, für Donnerstag Pfinztak und für küssen pussen.

Im Jahr 1855 veröffentlichte Schmeller, der Verfasser des berühmten Bayerischen Wörterbuchs, zudem ein zimbrisches Wörterbuch, das jedoch bald in Vergessenheit geraten sollte. Im 20. Jahrhundert schien das Zimbrische endgültig dem Untergang geweiht zu sein. Welch ein Glücksfall, dass das Arbeitsamt München in den 50er Jahren seinen Mitarbeiter Hugo Resch nach Norditalien schickte, um dort Gastarbeiter anzuwerben. Wie vor ihm Schmeller war auch Resch von der archaischen Sprache in den abgelegenen Bergdörfern fasziniert. Sie sollte ihn nicht mehr loslassen, Resch hatte eine Lebensaufgabe gefunden. Er entwickelte sich zu einem leidenschaftlichen Zimbern-Forscher, der bis zu seinem Tod im Jahr 1992 auf den Sprachinseln der Zimbern unermüdlich Wörter, Redewendungen, Eigenheiten der Grammatik und die Ausdruckskraft der Dialekte festhielt. Das von ihm gesammelte Material füllt Hunderte Aktenordner.