Geschichte Laut, hässlich, imposant: Diese Straße war prägend für Nürnberg

"Fürther Straße. Aufbruch und Wandel" der Reihe "Historische Spaziergänge" Foto: Sandberg Verlag.

(Foto: Sandberg Verlag)

Die Fürther Straße verbindet nicht nur zwei fränkische Metropolen miteinander. Entlang der Strecke lässt sich die wirtschaftliche Entwicklung Bayerns seit 1835 wie sonst nirgends studieren.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg/Fürth

Nürnberg steht für verschlungene, das europäische Mittelalter memorierende Gassen. Eine der dominierenden Straßen der Stadt aber gleicht dem Gepräge nach viel eher einer preußischen Chaussee: Die Fürther Straße, Verbindungsmagistrale zweier fränkischer Großstädte, ist mehr als vier Kilometer lang, sie ist alles andere als verschlungen; vierspurig, laut, zugig, häufig hässlich, noch häufiger imposant, fast überall großstädtisch und damit so ungefähr das Gegenteil vom gelegentlich strapazierten Bild der Stadt Nürnberg als Fachwerk-Schatzkästlein.

Vor Superlativen sollte man sich hüten, aber wenn es eine deutsche Straße gibt, die exemplarisch stehen kann für den Wandel einer Freien Reichsstadt zum Industrie-, Handels- und Dienstleistungszentrum, dann dürfte das die Fürther Straße sein. Hier entlang dampfte die Bayerische Ludwigseisenbahn, der "Adler", erstmals von Nürnberg nach Fürth, ein Fanal der bevorstehenden Industrialisierung im gesamten Reich. Hier stiegen Quelle, AEG und Triumph-Adler zu Symbolen des deutschen Wirtschaftswunders auf - und zerstoben wieder. Und hier wurde im Saal 600 des Justizpalastes Weltgeschichte geschrieben.

Fürther Straße: Vier Kilometer Industriegeschichte

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Historische Spaziergänge sind die Spezialität des Vereins "Geschichte für Alle", empfehlenswert sind sehr viele davon. Der Verein führt über das Reichsparteitagsgelände, ins Nürnberger Mittelalter, er erzählt von der Historie der Juden in Fürth und vom Johannisfriedhof, wo Albrecht Dürer begraben liegt. Der Logik der Reihe folgend nennt sich auch der soeben erschienene Band 14 "Spaziergang", gleicht aber, würde man die beschriebene Route ablaufen, eher einem Marsch durch Stein gewordene Wirtschafts- und Justizgeschichte.

Am Anfang der Entwicklung der Straße zur Hauptschlagader der industriellen Revolution in Bayern stehen die Preußen. Die Hohenzollern aus Ansbach-Bayreuth wollten nach dem Ende der Freien Reichsstadt eine neue Verbindung ins benachbarte Fürth etablieren und dabei nebenbei ein wenig Macht demonstrieren. Wäre die Geschichte anders verlaufen, so hätte aus der Fürther Straße ein Prachtboulevard werden können. Mitunter träumen Kommunalpolitiker heute noch von einer Flaniermeile nach Fürth, davon aber ist die Straße maximal weit entfernt. Macht aber nichts: Dafür erlebt man auf 4000 Metern Aufstieg und Niedergang wie selten irgendwo.

Nach Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahnlinie galt die Fürther Straße als Magistrale mit dem höchsten Verkehrsaufkommen in Bayern. Am Startpunkt, dem "Plärrer", entstand 1835 der erste Bahnhof Deutschlands, 60 Jahre später kreuzten sich dort fünf Tramlinien. In den Dreißigerjahren waren es zeitweise 13 Linien, der Eisenbahnbetrieb entlang der Straße war eingestellt und durch Trambahnen ersetzt worden. In den Siebzigerjahren folgte mit der U-Bahn der nächste Einschnitt. Und so taugt die Straße auch als eine Art Enzyklopädie moderner Mobilitätsgeschichte.

Im Saal 600, in dem den NS-Hauptkriegsverbrechern der Prozess gemacht wurde, wird noch Recht gesprochen. Demnächst wird er als Museum dienen. Eine museale Nutzung als mahnende Handelsruine bleibt dem Quelle-Gebäude hoffentlich erspart, auch wenn die Zukunft des Monumentalbaus acht Jahre nach dem Quelle-Aus offener denn je wirkt. Dass es auch anders geht, zeigen das frühere Gelände von Triumph-Adler und das ehemalige AEG-Areal. Handel, Kunst, Forschung - das Leben ist zurück an der Fürther Straße.

Reiner Eismann, Daniel Gürtler, Bernd Windsheimer: Fürther Straße, Aufbruch und Wandel. Sandberg Verlag. Nürnberg 2017. 72 Seiten.

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