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Geschäfte mit Gammelfleisch:Hygienisch unsägliche Bedingungen

Ein Schlachthof-Mitarbeiter behauptete am Donnerstagabend in "quer", dass ein Großteil dieser Ware nach Ablauf des regulären Schlachtbetriebes heimlich wieder hervorgeholt wird. Zum Teil hätte es als K3-Fleisch farblich markiert werden müssen, was jedoch bewusst unterblieben sei. Was noch einigermaßen unauffällig aussehe, werde abgetrennt und in rote Kisten und Fässer verpackt. Bisweilen würden die Stempel, mit denen die Amtstierärzte das Fleisch zuvor aus dem Verkehr zogen, einfach herausgeschnitten.

Das alles geschehe unter hygienisch unsäglichen Bedingungen. Bisweilen würden auch Papiere gefälscht. Die Ware werde dann in den frühen Morgenstunden an Weiterverarbeiter verkauft. Diese würden das eigentlich aussortierte K3-Fleisch mit hohen Gewinnspannen als Steaks oder Bratenstücke verkaufen oder auch zu Wurst weiterverarbeiten.

Den Schilderungen nach müsste ein gut organisiertes Netzwerk am Werk sein, dessen Gewinnspannen enorm wären. Ein ehemaliger Schlachthofmitarbeiter behauptet, all dies geschehe bereits seit mehr als einem Jahrzehnt. Die Schilderungen der beiden Informanten sind detailliert. Die Magazinsendung "quer" untermauerte ihre Aussagen mit heimlich gedrehtem Filmmaterial aus dem Schlachthof.

Die BR-Reporter beobachteten auch die An- und Abfahrt von Transportfahrzeugen auf dem nachts nicht überwachten Schlachthofgelände. Von den Reportern mit alledem konfrontiert, trommelte die Stadt Coburg alle relevanten Behörden zusammen. "Wir werden diese Angelegenheit lückenlos aufklären", sagte Stadtsprecher Michael Selzer. Andere Behörden und die Schlachthofverwaltung selbst wollten keine Stellungnahmen abgeben. Eine erste, unangemeldete Prüfung durch Lebensmittelkontrolleure am frühen Donnerstagmorgen habe keine Erkenntnisse gebracht, so Selzer.

Für die lokalen Behörden sind die Gammelfleisch-Vorwürfe nicht neu. Sie waren Thema eines anonymen Briefes, der Selzer zufolge Ende 2012 bei der Regierung von Oberfranken einging. Daraufhin habe es unangemeldete Kontrollen gegeben, die jedoch "überhaupt keinen Hinweis ergaben, dass irgendetwas nicht in Ordnung wäre", so Selzer. Der Schlachthof gehört der Stadt Coburg, ist jedoch an zwei große und etwa 20 kleine Fleischbetriebe zur Nutzung vermietet. Sie verkaufen ihre Ware zum Teil landesweit. Unter Kommunalpolitikern sorgt der Schlachthof angesichts eines Defizits von 300.000 Euro pro Jahr schon lange für Diskussionen.

© SZ vom 07.06.2013/segi
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