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Gerhard Ittner festgenommen:Fahnder fassen untergetauchten Neonazi

Sieben Jahre lang war der Rechtsextreme Neonazi Gerhard Ittner auf der Flucht, nun ist er in Portugal festgenommen worden. Der 53-Jährige galt als radikalste Figur der fränkischen Neonazi-Szene - womöglich hatte er auch Kontakte zur Terrorgruppe NSU.

Sieben Jahre lang suchte ihn die Staatsanwaltschaft mit internationalem Haftbefehl. Jetzt ist der aus Zirndorf in Mittelfranken stammende Neonazi Gerhard Ittner den Fahndern in Portugal ins Netz gegangen.

Rechtsextremist Ittner in Portugal festgenommen

Ein rechtsextremer Hetzer: Gerhard Ittner wurde 2005 zu 33 Monaten Haft verurteilt - er entzog sich durch Flucht.

(Foto: dpa)

Der 53-Jährige, der als Beruf "Sachwalter des Deutschen Reiches" angibt, war vom Landgericht Nürnberg-Fürth im März 2005 zu 33 Monaten Haft verurteilt worden. Der Haftstrafe wegen Volksverhetzung, Verunglimpfung von Verfassungsorganen und Beschimpfung von Religionsgemeinschaften hatte er sich durch Flucht entzogen. Seither war er untergetaucht.

Von seinem angeblichen Aufenthaltsort in Iran aus hatte ein Autor, der mit "Gerhard Ittner" zeichnet, kurz nach der Flucht Hasstiraden im Internet veröffentlicht. Auch in Argentinien und Finnland war der Neonazi vermutet worden. Ittner galt vor seiner Flucht als zentrale und radikalste Figur der fränkischen Neonazi-Szene. Der Holocaust-Leugner hatte Kontakt zu mehreren rechtsextremistischen Parteien, hatte sich mit diesen aber überworfen.

Von Ermittlern wird er als "extrem geltungsbedürftig und extrem radikal" beschrieben. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nannte ihn am Montag einen "herausragenden Kopf der fränkischen Neonazi-Szene".

Ittner pflegte vor seinem Abtauchen rege Kontakte zur Thüringer Neonazi-Szene, vor zehn Jahren trat er auf dem "Thüringentag der nationalen Jugend" auf. Nach dem Auffliegen der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) hatten die Fahnder die Akte Ittner nochmals gesichtet und waren auf ein Pamphlet gestoßen, das er im August 2000 in Nürnberg an Autofahrer mit ostdeutschem Kennzeichen verteilt haben soll. In dem Schreiben kündigt der Autor ein "Unternehmen Flächenbrand" an.

Als Datum für den Beginn dieser Aktion wird ein Tag kurz vor dem 9. September 2000 angegeben. Am 9. September war in Nürnberg das erste Opfer der Mordserie erschossen worden. Insgesamt stammten drei Opfer aus Nürnberg, so viele wie aus keiner anderen Stadt. Nach Angaben von Herrmann hätten die bisherigen Ermittlungen aber keine direkte Verbindung von Ittner zur NSU ergeben.

Auslieferung nach Deutschland noch unklar

Um mögliche Querverbindungen zwischen Neonazis überprüfen zu können, hatten Ermittler angekündigt, die Suche nach dem Zirndorfer zu intensivieren. Auch Zielfahnder wurden eingesetzt.

Am Ende führte ein anonymer Hinweis zu Ittner: Am 11. April wurde er in Montemor-o-Novo bei Lissabon gefasst und sitzt seither in Auslieferungshaft im Gefängnis von Beja. Ittner sei überrascht gewesen über seine Festnahme, heißt es aus Ermittlerkreisen. Portugiesische Gerichte müssen nun entscheiden, ob die Auslieferung nach Deutschland bewilligt wird.

Ittner hatte im September 2003 eine Kundgebung in Nürnberg organisiert, mit der er eigenen Angaben zufolge an die NS-Reichsparteitage erinnern wollte. Mit Gesinnungsgenossen hatte er zunächst vom früheren NS-Gelände zum Hauptmarkt marschieren wollen, nach juristischen Auseinandersetzungen bekam er schließlich einen Platz am Rand des Geländes zugewiesen. Unter anderem wegen der dort gehaltenen Rede musste sich Ittner von November 2004 an vor dem Landgericht verantworten.

Weil der Neonazi den Prozess als Bühne für ausschweifende ausländerfeindliche Erklärungen missbrauchte, erstreckte sich dieser über 18 Verhandlungstage; 17-mal erschien Ittner pünktlich, am Tag der Urteilsverkündung blieb er "unentschuldigt" fern, wie der Vorsitzende Richter notierte. Der Staatsanwalt beschuldigte Ittner, er habe in seiner Rede in der Nähe des Nürnberger Frankenstadions "den größten Verbrecher, Adolf Hitler, in Tonfall und in Gesten nachgeäfft".

Sollte sich nun nachweisen lassen, dass hinter den mit "Gerhard Ittner" gezeichneten Pamphleten, die dieser angeblich von Iran aus veröffentlicht haben soll, tatsächlich der Zirndorfer Neonazi steckt, könnte ihm zusätzlicher juristischer Ärger ins Haus stehen. Der Autor leugnet den Holocaust. Er kündigt an, die "staatliche Handlungsfähigkeit des Deutschen Reiches" werde "wiederhergestellt". Und er kündigt an, politisch Handelnde in Deutschland würden "bei Nürnberger BRD-Regime-Verbrecher-Prozessen zum Tode verurteilt".

Schon während des Prozesses gegen ihn hatte Ittner einer Staatsanwältin die Todesstrafe "wegen Hochverrats" angedroht. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg werde nun prüfen, ob neue Ermittlungsverfahren gegen Ittner eingeleitet werden, sagte Oberstaatsanwalt Alfred Huber der SZ.

Besonderes Augenmerk dürften die Fahnder dem Pamphlet auch deshalb widmen, weil der Autor als selbsternannter "Vertreter des Deutschen Reiches" darin das frühere NS-Parteitagsgelände glorifiziert - und den "Triumph des Willens", den er mit seiner Kundgebung dort "wieder gefeiert" habe. Alle drei mutmaßlichen NSU-Morde in Nürnberg wurden in unmittelbarer Nähe zu historisch belasteten Orten in der Südstadt verübt.