Stiftung von Michaela Gerg Unten-Liegen und Wieder-Aufstehen-Müssen

Heute weiß Gerg, dass andere Dinge im Leben wichtiger sind als der Super-G.

(Foto: Florian Peljak)

Michaela Gerg war eine erfolgreiche Skifahrerin. Vier Mal war sie bei Olympia - das wahre Glück fand sie aber erst später. Heute hilft sie benachteiligten Kindern.

Von Thomas Becker

Ski-WM in Vail, 8. Februar, Super-G der Damen, eins der engsten Rennen der WM-Geschichte: die ersten Drei innerhalb von vier Hundertstelsekunden. Mit Startnummer 14 geht die 23-jährige Michaela Gerg ins Rennen und gewinnt Bronze - ihr größter Erfolg als Rennläuferin. 30 Jahre ist das her. Das Länderkürzel für Deutschland war damals FRG, bei den Männern fuhren noch Ingemar Stenmark und Pirmin Zurbriggen. Als man Michaela Gerg an diesen Bronze-Tag erinnert, ist sie erstaunt: "Stimmt! Daran hab' ich ja überhaupt nicht gedacht. Fühlt sich an, als wäre es schon 50 Jahre her."

Dem Schnee ist sie verbunden geblieben, wenn auch auf andere Weise: als Gründerin der "Stiftung Schneekristalle", die finanziell benachteiligte oder körperlich beeinträchtigte Kinder fördert. Sie sagt: "Seit dieser Medaille sind viele Dinge abseits der Piste passiert." Meist blickte sie dabei auf die Kehrseite der Medaille. Aber der Reihe nach.

Vor 30 Jahren gewann Michaela Gerg WM-Bronze im Super-G.

(Foto: Imago)

Michaela Gerg wächst in Lenggries am Draxlhof auf, unterhalb des Braunecks. Ihr Opa hat am Draxlhang den ersten Skilift gebaut - unzählige Münchner haben hier Skifahren gelernt. Wie alle im Ort fährt sie Ski, aber gleich so gut, dass sie schon mit 15 zum Elite-Kader des Deutschen Skiverbandes (DSV) gehört. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft gewinnt sie drei Mal Gold und zwei Mal Silber, holt später noch vier Weltcupsiege, war vier Mal bei Olympischen Winterspielen und wurde zwei Mal vom DSV mit dem "Goldenen Ski" geehrt.

Eine rechte Freude war all das jedoch nicht für sie - und das lag nicht nur an den branchenüblichen Verletzungen: Trümmerbrüche, Kreuzbandriss, Gelenkschäden. "Eigentlich bin ich noch gut davongekommen", sagt sie, "und ich habe aus den Verletzungen viel mitgenommen: Dieses Unten-Liegen und Wieder-Aufstehen-Müssen war für mich die beste Schule des Lebens. Auch wenn es natürlich sehr bitter ist, wenn du von Olympia mit drei Gold-Chancen mit kaputtem Knie heimkommst."

Das war 1988 in Calgary. Fünf Jahre später muss das andere Knie dran glauben, auf der berüchtigten Tofana-Abfahrt in Cortina d'Ampezzo. Nach der Reha trennt sie sich vom DSV: "Die Trainer haben nicht akzeptiert, dass ich nicht mehr so viel trainieren konnte", erklärt sie, "ich war ja schon so lang dabei und wusste, was ich brauche und was nicht. Aber damals hat man sich nur auf Katja Seizinger, Hilde Gerg und Martina Ertl konzentriert. Da wurde halt das trainiert, was die gebraucht haben. Und ich bin nach all den Jahren durch den Rost gefallen."

Aufhören wollte sie aber nicht, sie hatte nie etwas anderes getan als Ski zu fahren - keine Ausbildung, kein Fernstudium, nichts. Sie fand einen Sponsor für ihr Ein-Frau-Team - und gewann noch einmal ein Rennen, ausgerechnet in Cortina d'Ampezzo. "Das war mein schönster Sieg", sagt sie, "weil es ein Sieg über mich selbst war, über meine Angst. Und ich konnte den Zweiflern beweisen, dass es auch so geht." Doch es hat viel Kraft gekostet, gegen die Verbandsriege anzukämpfen: "Ich wurde boykottiert, meine Kolleginnen sprachen einfach nicht mehr mit mir."

Der nächste Schlag trifft die Familie: Als ihre Mutter an Schilddrüsenkrebs erkrankt, beendet Gerg ihre Karriere, mit 30. "Ich bin froh, dass ich mir die Zeit genommen habe, um bei ihr zu sein", sagt sie. Wenige Monate später stirbt die Mutter. Gerg erfährt, dass Schilddrüsenkrebs eine Erbkrankheit ist und sie sich besser untersuchen lassen sollte. Ihre Reaktion: "Mir fehlt doch nichts! Ich hab' gerade einen gesunden Sohn zur Welt gebracht!" Die Ärzte finden einen bösartigen Tumor. "Der Tod meiner Mutter war ein Wink. Sonst würde ich jetzt nicht mehr hier sitzen."

Nach der Operation kommentiert Michaela Gerg ein paar Jahre lang Skirennen für ZDF und Eurosport, spricht über die Ex-Kolleginnen, die sie damals links liegengelassen haben. "Das war schon schräg", gibt sie zu, "aber mich hat mehr die Arbeit interessiert, das Journalistische." Doch bald will sie mehr bei der Familie sein, nicht mehr so viel reisen, nicht mehr zum zwanzigsten Mal nach Val d'Isère: "Freiwillig fahr' ich auf keinen Gletscher mehr! Hintertux, Sölden: Irgendwann kannst du das nicht mehr sehen."

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Es ist der Krebs, der ihr schließlich die Augen öffnet: "Erst mit der Krankheit wurde mir klar, um was es wirklich geht: nicht um Geschwindigkeit, Ruhm und Anerkennung. Das Leben kann auch schön sein, wenn man nur im Wald spazieren geht und die Vögel hört. Oder wenn mein Sohn lächelt. Das kann einem so viel Glücksgefühl geben - ohne dass man Höchstleistungen bringen muss. Man meint im Leistungssport immer, der Beste sein zu müssen. Nur so bist du wer, nur so wirst du akzeptiert. Dabei bist du immer der gleiche Mensch, egal ob du verlierst oder gewinnst."

So sei sie zum Beispiel nach der WM-Bronzemedaille total glücklich gewesen, habe aber schon nach zwei Stunden gemerkt, dass das niemand interessiert: "Da gibt's nur den Weltmeister. Eingeladen wird immer nur der mit der Goldmedaille, der Olympiasieger." Umso wichtiger sei es zu wissen, wer man selbst ist. Fortan beschäftigt sie sich mit Esoterik, lässt sich zur Feng-Shui- und geobiologischen Beraterin ausbilden, kann nun in Häusern Störzonen, Elektrosmog und Mobilfunk ausfindig machen.

Schon als Kind war sie nicht beim Arzt, sondern beim Heilpraktiker in Bad Tölz. Vor Olympia hatte der ihr mal gezeigt, wie man mit einer Wünschelrute umgeht - wegen der Medaillenchancen. Zunächst hat sie das belächelt, doch der Heilpraktiker erzählte, dass er bei Olympia 1972 vom Nationalen Olympischen Komitee gerufen worden war, um im Olympischen Dorf mit der Wünschelrute schlechte Schlafplätze zu finden - und diese Plätze habe man dann den größten Konkurrenten gegeben. Also pendelte sie fortan den besten Platz für ihr Bett aus. Bei der Rutengängerprüfung muss sie im Kurgarten von Bad Heilbrunn eine Flasche Franzbranntwein finden - was gelang. "Das kann jeder", sagt sie, "man muss der Rute nur mental sagen, was sie finden soll."

Das Glück in der Ehe mit Christian Leitner, einem Skitrainer, findet sie nicht auf Dauer. Nach 16 Jahren lässt sie sich von dem gebürtigen Kitzbühler scheiden und betreibt nun seit zehn Jahren eine Skischule am Streidlhang in Lenggries - gegen anfängliche Widerstände: "Der Liftbesitzer sagte: ,Du magst eine gute Skifahrerin gewesen sein, aber Unternehmerin bist du nicht. Du kannst doch keine Skischule leiten!'" Ein Jahr lang lag die Skischule brach - bis der Liftbetreiber zu Kreuze kroch und man sich doch noch einigte.

Bei den Skikursen hört sie dann oft, dass einige Kinder nicht mitkommen können: zu teuer. Gerg lässt sie umsonst mitmachen. "Das hat mir die Augen für einen Blick auf unsere Gesellschaft geöffnet", erzählt sie. "Mit Entsetzen habe ich festgestellt, dass es unglaublich viele Kinder gibt, die Hilfe brauchen." Sie will helfen, weiß aber nicht so recht wie. Ihr Steuerberater schlägt eine Stiftung vor. Seit 2012 kommen schon mal 200 bedürftige Kinder aus Waisenhäusern, Kinderheimen, Förder- und Behindertenschulen zum Schneeschuhwandern, Skifahren oder Snowboarden. "Das Feedback ist großartig: Manche Kinder schreiben plötzlich bessere Noten, nachdem sie bei uns waren."

Nach drei Jahren ist es Michaela Gerg zu wenig, die Kinder nur an einem Tag im Winter zu sehen. Sie will, dass sie "öfter auf die Ressource Sport zurückgreifen", dass sich Werte wie Toleranz, Teamgeist, Fairness, Ausdauer, Disziplin und Demut verfestigen. "Ziel ist, dass die Kinder dadurch den Turnaround finden und selbst irgendwo zum Sport gehen." Heute werden rund 6000 Kinder das ganze Jahr über mit Sportprogrammen versorgt, von Rafting über Taekwondo bis zum Hochseilgarten. "Die erfahren regelrechte Motivationsschübe", erzählt Gerg. So erklärt auch der Name ihrer Stiftung ihre tägliche Motivation für diese Arbeit: "Diese Kinderaugen strahlen einfach wie Schneekristalle."

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