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Mitten in Bayern:Von Gerbrunn Siegen lernen

Sollte der US-amerikanische Wahlverlierer einmal sehen wollen, was ein wirklich knappes Wahlergebnis ist, dann böte sich ein Besuch in Unterfranken an. Dort haben sie schon zweimal gezählt - mit überraschendem Ergebnis

Glosse von Olaf Przybilla

Es sind trübe Tage für den orangefarbensten Weltenlenker aller Zeiten, bei dem sich ein Satiremagazin dieser Tage für die vertrauensvolle Zusammenarbeit der vergangenen vier Jahre bedankt hat. Zu früh womöglich? Denn, ja doch, es gibt wieder Hoffnung für Donald T. - und es dürfte kaum verwundern, dass diese aus Unterfranken kommt. Immerhin hat dort vor nun 125 Jahren ein gewisser Röntgen etwas erfunden, was den Lauf der Menschheitsgeschichte ebenfalls nicht unmaßgeblich prägen sollte.

Von Unterfranken lernen heißt also Siegen lernen und da ist es schon egal, ob's gerade um Medizin oder Politik geht. Im schönen Gerbrunn - dies nur für den amtierenden Präsidenten zur Vorlage - haben sie am Wochenende auch das Volk abstimmen lassen. Und es stand da ebenfalls etwas zur Wahl, was die Leute in zwei schier unversöhnliche Lager gespalten, einen Keil in die Bevölkerung getrieben und am Ende nun zu einer enorm hohen Wahlbeteiligung geführt hat. Einziger Unterschied: In Gerbrunn haben sie nicht über zwei ältere Herren, sondern über die Frage "Industriegebietserweiterung oder Biotoperhalt" abgestimmt.

Knapp war's in Gerbrunn auch, verdammt knapp sogar, aber Abstimmung ist Abstimmung und also waren die Biotopanhänger hernach angemessen frustriert, die Industriegebietserweiterungsfans entsprechend enthusiasmiert. Verkündet wurde der hauchdünne Sieg - exakt eine Stimme Mehrheit - der Industriefreunde ebenfalls frühestmöglich, auch die Glückwünsche befreundeter Industriegebietsanhänger wurden längst entgegengenommen. Was für ein Triumph!

Ja, und dann wurde noch einmal ausgezählt. Und danach war das Ergebnis im Grundsatz dasselbe, tatsächlich ist dieses Rennen mit exakt einer Stimme Mehrheit entschieden worden. Winzige Abweichung von der ersten Auszählung: Nicht die Industriealliierten haben gewonnen. Sondern die Biotopgefolgsleute.

"Kann passieren", sagt Bürgermeister Stefan Wolfshörndl. Es gab vier Wahlbezirke, in drei davon wurde jeweils eine Stimme falsch zugeordnet - eine völlig normale Fehlerabweichung, findet der Rathauschef. In Gerbrunn überlegen sie nun, ob ein drittes Mal ausgezählt wird, nur um ganz sicher zu sein. So gesehen: Es könnte noch etwas dauern in den USA.

© SZ vom 12.11.2020
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