Neben Karl Valentin, Gerhard Polt, Jörg Hube oder Sigi Zimmerschied gehört Georg Ringsgwandl in die Riege der großen ernsthaften Komiker Bayerns. Selbst aus einfachsten Verhältnissen stammend, war Ringsgwandl dabei immer der Anwalt der „kleinen Leute“. Obwohl er sich in den verschiedenen Genres ausprobiert hat, ist und bleibt sein bevorzugtes Medium die Musik, zu der er die bairische Sprache (wie auch andere Sprachen) zerlutscht wie kein anderer. Jetzt hat der 77-Jährige nach längerer Zeit ein neues Album vorgelegt. Am 9. Dezember präsentiert der bayerische Bob Dylan „Schawumm“ im Residenztheater.
Sie haben mal gesagt: „Die Wahnsinnigen gehen ins Volksgedächtnis ein.“ Spielte das bei Ihrem eigenen Werk auch eine Rolle?
Was ich alles mal gesagt habe. Also der klinisch Verrückte, der psychiatrische Fall, der geht natürlich nicht ins Volksgedächtnis ein. Aber für einen Künstler ist es praktisch unausweichlich, dass er aus der Konvention rausfliegt. Konvention ist vielleicht für den Kommerz gut, fürs Geldverdienen und für die oberflächliche Anerkennung. Aber wenn man den Dingen tiefer auf den Grund geht, dann fällt man aus der Konvention automatisch raus. Aber es war nie meine Absicht, ins Volksgedächtnis einzugehen. Das wäre ja extrem eitel.
Ihr Outfit kommt jetzt ohne Schminke und knallbunte Klamotten aus. Stattdessen tragen sie einen altmodischen Anzug mit Hut. Ist das eine Rückwendung in die frühe eigene Vergangenheit, wie die Zither, die sie jetzt immer wieder mal spielen?
Meine Zither ist einfach Provokation, eine Zumutung. Der Anzug hat einen anderen Hintergrund. Im Vorwort des CD-Booklets steht die wahre Geschichte dieses Anzugs. Den habe ich 2006 bei der Freien Selbsthilfe für sechs Euro gekauft. Er gehörte einem Verstorbenen und war schon damals massivst veraltet. Der Schnitt ist aus den 1970ern oder so. Aber genau so einen hab’ ich gesucht. Diese Schulterpolster und die breite Form gibt’s ja nicht mehr, die Anzüge heute sind für genderfluide Models geschnitten. Der Hut ist genauso verhaut. Und die Krawatte ist eigentlich auch unmöglich, die stammt von meinem Vater und ist eine Postlerkrawatte.
Sie könnten ja auch einfach Jeans tragen.
Jeans, das wäre richtig kriminell. Da müsste ich statt auf die Bühne zum Aufräumen in den Keller gehen oder den Garten zusammenkehren. Mit Jeans aufzutreten, da musst du schon eine ganz skrupellose Figur sein. Da bekäme ich am nächsten Tag einen Brief von der SPD, ob ich nicht beitreten will.
Okay, das geht also wirklich nicht.
Und wenn ich mich anzöge wie die jungen Rapper, dann wäre es komplett lächerlich. Seit meinem Album „Trulla Trulla“ sind gut 40 Jahre vergangen und alles hat sich komplett geändert. Die Denkweise, die Verhaltensweise, die Lebensweise, die ganze Gesellschaft. Da bist du schlecht beraten, wenn du meinst, du kannst ungestraft auf irgendeiner Nummer aus den Achtzigerjahren fahren.
Ihr neues Albumtitel heißt „Schawumm“. Aber das ist gar kein Song, diese Lautmalerei kommt nur nebenbei im „Götterboten“ vor, ihrer Hommage an die Paketboten. Wie kam das aufs Cover?
Einfach so. Im Song ist es eine Art Refrain. Ein Geräusch, das die Schiebetür am Transporter macht, wenn der Fahrer sie zuschmeißt. Das sind Leute, die hart arbeiten, viele Osteuropäer. Ich bin über Francis McDormand in „Nomadland“ draufgekommen. Sie arbeitet in einem Amazon-Versandzentrum und wird gefragt, ob das nicht furchtbar ist. Da sagt sie ganz trocken: „Das ist ein guter Job.“
Ist das so?
Diese Leute arbeiten am unteren Rand der Pyramide, sie spüren die Bremsspuren des Systems. Aber für die sind es einfach Jobs, für die man kein Diplom braucht, und die man nicht ewig macht. Ich wollte also keine jammerige Klage daraus machen. Ich hab’ bei mir an der Haustür eine kleine Schale mit Eurostücken stehen. Wenn ich ihn erwische, bevor er schon wieder weg ist, bekommt der Bote ein Trinkgeld. Diesen Teil Schattenwirtschaft muss das System aushalten.

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Sie haben schöne, auch traurige Liebeslieder auf dem Album. Werden Sie altersmilde?
Das könnte sein. Wobei die Altersmilde nicht unbedingt ein Zeichen von Senilität und Hirnerweichung ist. Das erste und die beiden letzten Stücke sind Erinnerungen an meine verstorbene Frau. Mit zarten 77 ist man in dieser Altersgruppe, in der man nicht mehr so tut, als wäre man 50 oder gar 40. Man hat das Glück, überhaupt dieses Alter erreicht zu haben, um sich damit auseinandersetzen. Es geht nicht darum, in Missmut oder Grant zu versinken, sondern das mit Anstand zu nehmen.
Was genau?
Es wäre lächerlich, wenn ich in meinem Alter den raubeinigen Punk gäbe oder den bösen Gesellschaftskritiker oder ähnliche verblichene Kategorien. Je älter man wird, desto mehr sieht man: die anderen sind nicht nur bescheuert oder bei der falschen Partei oder sonst was. Sondern jeder von denen trägt unsichtbar sein Packerl mit Steinen mit sich herum.
Der Tod hat immer eine wichtige Rolle in Ihren Songs gespielt. Jetzt wird es konkret. In „Beim Tanzen“ heißt es: „Ich mach’ mich jetzt auf den Weg, für mich wird es langsam Zeit.“ Das ist aber noch kein Abschiedsalbum, oder?
Wenn ich das wüsste. Wenn ich kann, mach’ ich weiter. Ich habe als Arzt 15 Jahre auf Intensivstationen gearbeitet, da ist der Tod dein ständiger Begleiter und Widersacher. Mit 18 bin ich selber schon mit lebensbedrohlicher Lungentuberkulose ins Sanatorium eingefahren. Mein Vater war Kriegsversehrter, der immer am Rand entlang gelebt hat. Der Tod hat mich also stärker berührt als andere Leute.
Ist das schlimm?
Das ist nicht übel, wenn ich auf Platten von anderen Leuten schaue, von Nobelpreisträgern. Bob Dylan hat schon mit 25 viel zu diesem Thema gemacht. Aber das ist eine andere Kategorie, der ist eine alte Seele. Mit 20 war er schon imstande, Gedanken zu fassen, die andere mit 70 erst langsam kapieren.
Sie haben mal beim Ingeborg Bachmann Preis mitgemacht. Die Jury hat Sie ziemlich zerrupft. Hat Sie das damals getroffen?
Nein. Es waren elf Juroren, einer von ihnen hat mich gelobt, ein großer Mann von einer amerikanischen Ivy-League-Universität. Ich habe dabei gelernt, dass ich kein Schriftsteller bin. Dass ich richtig in die Fresse gekriegt habe, dafür bin ich heute noch dankbar.
Vielleicht war es auch einfach zu früh? Inzwischen hat Bob Dylan den Literaturnobelpreis für seine Songtexte erhalten . . .
Nein. Das war schon richtig. Man kann sich das außerdem nicht aussuchen. Ich bin eingeladen worden. Ich wäre selbst nie auf die Idee gekommen, dort hinzufahren.
Sie haben gerade erst den Bayerischen Kabarettpreis bekommen, den Ehrenpreis fürs Lebenswerk, und davor schon viele andere. Hatte dieser eine besondere Bedeutung?
Lebenswerk-Preis klingt, als käme der nächste Anruf vom Bestatter. Aber du bist halt jetzt in dem Alter, wo manche sagen: Was, der lebt noch? Das geht einem ja selber so, da darf man nicht beleidigt sein. Der Polt hat ihn schon gekriegt, Jörg Hube, Helge Schneider. Dann sagst du natürlich schon: Who am I to decline?

Sie haben auch mal gesagt, auf die Bühne zu gehen, sei eine Suchtkrankheit. Heißt das, Sie können gar nicht aufhören?
Der Suchtaspekt ist wirklich erheblich. Es gibt wenige Momente im Leben, die eine derartige Fülle von Vitalität, von Leben, von Inspiration fokussieren. Ein Live-Auftritt, wenn er gut läuft, ergibt eine Schwingung, ein nicht genau erklärbares Verständnis zwischen dem Publikum und dem, was auf der Bühne passiert. Viele können einfach nicht aufhören, obwohl jeder merkt, dass es höchste Zeit ist. Ich hoffe, dass ich diesen Punkt nicht versäume.
Sie wohnen in Sendling und am Staffelsee. Wo hauptsächlich?
Zeitlich mehr am Staffelsee. Aber ich bin häufig in München. Dass man einen Platz hat auf dem Land draußen und einen in der Stadt, das ist für mich das Beste, was es gibt. Aber das habe nicht ich entdeckt. Schon die russischen Aristokraten und der Adel in der Renaissance hatten ein Stadtpalais und ein Landgut. Nur das Land, das ist mir zu beschränkt. Davon habe ich in der Jugend genug gehabt. Nur die Stadt ist mir zu anstrengend und zu oberflächlich.
Sie sagten mal, Sie wären nirgendwo wirklich zu Hause. Ist das noch so?
Das war im übertragenen Sinne gemeint. Und dass man mit der Reiserei auf den Tourneen natürlich auch ein Leben neben dem normalen bürgerlichen führt.
Ihre Bühnenheimat haben Sie aber gefunden: das Residenztheater, wo Sie seit Jahren ihre Premieren haben. Wie kam das?
Über meine Theaterlaufbahn. Dieter Dorn hat mich damals sozusagen aus der Wildbahn geholt und mir diese Möglichkeit eröffnet. Und Andreas Beck, der seit vielen Jahren am Residenztheater Intendant ist, hat das verstetigt. Er ist ein offener Mensch, der ein weites Herz und ein weites Gehirn hat. Das Konzert am Dienstag war kurzfristig anberaumt. Die normalen Musik-Spielstätten planen inzwischen zwei Jahre im Voraus. Hier im Theater sind sie flexibler.
Schön, dass in Ihrer Band auch Nick Woodland wieder mitspielt.
Der Nick muss einfach dabei sein. Er hat auch auf der Platte ein paar Slide-Passagen eingespielt. Zuletzt war er nicht mehr so robust, dass er die heftigeren Tourneen mitmachen konnte. Umso schöner, dass er jetzt dabei ist. Der hat noch nie im Leben einen falschen Ton gespielt.
Georg Ringsgwandl: „Schawumm“, Galileo Music; live am Dienstag, 9. Dezember, 20 Uhr, Residenztheater

