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Beerdigung von Georg Ratzinger:Abschied vom "Scheef"

Der frühere Domkapellmeister Georg Ratzinger ist vor einer Woche im Alter von 96 Jahren gestorben.

(Foto: AFP)

Beim Requiem für Georg Ratzinger erweisen ihm Domspatzen die letzte Ehre. Bischof Voderholzer erwähnt Fehler, der emeritierte Papst schickt innige Grüße.

Von Clara Lipkowski

Gegen Mitte der Zeremonie sagt der Bischof einen Satz: Ja, Georg Ratzinger habe auch Fehler gemacht. Er habe diese eingestanden und sich entschuldigt. Es klingt wie ein Pflichtsatz, eigentlich soll es um die Erinnerung gehen, an einen Menschen, der Regensburg geprägt hat wie wenig andere. Bischof Rudolf Voderholzer spricht am Mittwoch bei Ratzingers Beisetzung mehr davon, dass der Musiker und Geistliche 30 Jahre die Regensburger Domspatzen dirigierte, jenen weltberühmten Knabenchor, auf den man hier so stolz ist, mit dem Ratzinger zu Konzerten im In- und Ausland aufbrach, dem er einen besonders warmen Klang entlockte. Er sprach von Ratzinger, der auch Seelsorger war - und Papstbruder, eng verbunden mit Joseph Ratzinger, der Benedikt XVI. wurde.

Georg Ratzinger ist sakrosankt in Regensburg. Und bestünden derzeit keine Corona-Beschränkungen, wären wohl deutlich mehr als die 200 Gläubigen und Bewunderer gekommen, die eine Woche nach seinem Tod im Dom St. Peter nacheinander an den hellen Holzsarg treten. Unter ihnen auch die Kardinäle Reinhard Marx aus München und Gerhard Ludwig Müller aus Rom, früher Bischof in Regensburg.

Die "Fehler", die Voderholzer erwähnt, dürfen wohl als Anspielung darauf verstanden werden, dass Ratzinger zwar ein herausragender Dirigent war, dabei aber nicht selten cholerisch wurde und Schüler auch schlug. Zu jener Zeit, Ratzinger übernahm die Leitung 1964, waren körperlichen Strafen erlaubt und mitunter Ratzingers Methode, um gesangliche Perfektion zu erreichen. Das solle nicht unerwähnt bleiben, der Betroffenen wegen, findet eine Regensburgerin in den hinteren Sitzreihen. Doch vorrangig solle man das musikalische Lebenswerk Ratzingers würdigen, sagt die 48-Jährige, die nicht namentlich erwähnt werden will. Auch solidarisieren sich viele Sänger von damals mit Ratzinger und betonen, dass er ein sehr warmherziger Mensch gewesen sei.

Doch zu Ratzingers Leben gehört auch, dass er einen Chor leitete, über den später bekannt wurde, dass vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren, also Ratzingers Schaffensjahren, hunderte Buben Opfer körperlicher und mehrere Dutzend Opfer sexueller Gewalt geworden waren. Ratzinger beteuerte, nichts gewusst zu haben, doch haftete auch an ihm die Frage, ob er es ignoriert hatte.

Das Thema bleibt am Mittwoch unerwähnt, es geht mehr um Musik. 96 Jahre, in diesem Leben habe Georg Ratzinger früh seine "Berufung gefunden", sagt Georg Gänswein, Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Gänswein ringt um Fassung, als er aus einem sehr persönlichen Brief Benedikts an den Bruder liest. Georg Ratzinger hatte sich mit seinem Bruder zum Priester weihen lassen, sich aber auf die Musik konzentriert. Er komponierte weniger selbst, dirigierte lieber, zum Beispiel Mendelssohn Bartholdy.

So wie 1994 im Dom, als er sich von den Domspatzen verabschiedete. Jenes Stück, "Denn er hat seinen Engeln befohlen", stimmt nun Domkapellmeister Christian Heiß mit einem coronabedingt verkleinerten Ensemble aus 16 ehemaligen Domspatzen an. Und auch sechs junge Sänger erweisen ihm, den alle "Scheef" nannten, die letzte Ehre. Per Livestream verfolgt das der drei Jahre jüngere Bruder Joseph im Kloster im Vatikan. Noch im Juni war er überraschend nach Regensburg gereist, in der Vorausahnung, dass es der letzte Besuch bei Georg sein würde. Noch einmal stand die Stadt wegen der Ratzingerbrüder Kopf. Nun wurde Georg Ratzinger auf dem Unteren Katholischen Friedhof beerdigt.

© SZ.de/mmo
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