Trotz all ihren Bekenntnissen und Bemühungen zu Dekarbonisierung und Klimaschutz hängt die Industrie im bayerischen Chemiedreieck im Südosten des Freistaats noch immer am Tropf der transalpinen Pipeline, die den Unternehmen Erdöl als Energieträger und als Grundstoff für ihre Produkte zuführt. Im Industriepark Gendorf bei Burgkirchen soll nun jedoch eine Anlage entstehen, die selbst hochwertiges Naphtha herstellen kann. Gewonnen werden soll dieser oft auch Rohbenzin genannte Grundstoff aus Plastikmüll.
Nicht nur der Inhalt des Gelben Sacks oder der Gelben Tonne setzt sich meistens aus ganz verschiedenen Materialien zusammen. Auch diese Materialien bestehen oft aus den unterschiedlichsten chemischen Komponenten, die mechanisch nicht mehr voneinander zu trennen sind. Um daraus trotzdem die ursprünglich fossilen Ausgangsstoffe in voller Qualität zurückzugewinnen, hat das junge Fürther Unternehmen Pruvia nach eigenen Angaben ein Pyrolyse-Verfahren entwickelt, bei dem die Kunststoffe erst geschmolzen und gasförmig gemacht und anschließend wieder kondensiert werden. Das Ergebnis ist ein „Pyrolyse-Öl“, das von der chemischen Industrie genau wie fossiles Naphtha weiterverarbeitet werden kann – etwa zu klimaneutralen Kunststoffverpackungen, wie sie von Unternehmen und Konsumenten immer stärker nachgefragt würden, sagt Pruvia-Chef Martin Nitz. Diese Nachfrage übersteige das Angebot bei Weitem, die erwartete Produktion der ersten fünf Jahre sei jedenfalls schon verkauft.

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Wirklich in Betrieb gehen soll die Anlage in Gendorf erst Ende 2026. Dann wird sie nach Unternehmensangaben 35 000 Tonnen Kunststoffabfall pro Jahr verarbeiten können. Das wäre immerhin mehr als ein Zehntel jener knapp 300 000 Tonnen an sogenannten Leichtverpackungen, die laut der Abfallstatistik des Landesamts für Umwelt im Jahr 2023 in all den Gelben Säcken und Tonnen in Bayerns Haushalten eingesammelt worden sind. Mit einer zweiten Ausbaustufe Anfang 2028 soll sich die Kapazität verdoppeln und die geplante Pyrolyse-Anlage zur größten in ganz Europa machen.
Dann würde die 2016 gegründete Firma Pruvia auch den niederländisch-amerikanischen Chemieriesen Lyondellbasell überholen, der im vergangenen September an seinem Standort Wesseling bei Köln den Grundstein für eine ähnliche Anlage mit einer jährlichen Kapazität von 50 000 Tonnen gelegt hat und bei dieser Gelegenheit unter anderem Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz bekam. Im Detail arbeitet Pruvia mit einem etwas anderen Verfahren, das man seit 2020 in einer kleinen Pilotanlage in Italien getestet und seit 2022 in einer Demonstrationsanlage im Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt weiterentwickelt habe. In Gendorf will Pruvia im industriellen Maßstab in den Dauerbetrieb gehen. Dass die Anlage viel Energie verbrauchen wird, verhehlt Pruvia nicht, doch durch das Verwerten der immer noch energiereichen Reststoffe aus der Pyrolyse soll der Betrieb klimafreundlich und wirtschaftlich werden.

Für den Chemiepark Gendorf bedeutet die Neuansiedlung einen Lichtblick in einer anhaltenden Krise. Die zunächst knapp 40 und später bis zu 70 Arbeitsplätze, die Pruvia hier schaffen will, fallen in Anbetracht der bisher rund 4000 Arbeitsplätze im gesamten Chemiepark zwar kaum ins Gewicht und können auch das absehbare Ende des Unternehmens Dyneon mit mehreren Hundert Jobs nicht annähernd kompensieren. Dyneon hat in Gendorf unter anderem per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) produziert, auch als Grundstoff für andere Partner im eng verwobenen Firmengeflecht des Chemieparks. Die oft „Ewigkeitschemikalien“ genannten PFAS gelten inzwischen aber als gefährlich für Menschen und Umwelt. Auch der Boden und das Grundwasser im Landkreis Altötting sind hoch belastet. Dyneons Mutterkonzern 3M zieht sich wegen großer Imageprobleme und hoher Schadenersatzforderungen in den USA ganz aus der Produktion zurück.
Die Ansiedlung des innovativen jungen Recyclers könnte auch für den Chemiepark nun ein erster Ansatz für einen strategischen Richtungswechsel sein. Firmengründer Nitz begründet die Standortwahl unter anderem mit den vorhandenen Flächen samt Schienenanschluss und Energieversorgung sowie den umfangreichen Dienstleistungen des Chemiepark-Betreibers Infraserv.

