Geheime Anlage in Schwaben Das große Ohr des BND

Es ist eines der geheimnisvollsten Bauwerke Bayerns: Mit einer riesigen Antenne lauscht der Bundesnachrichtendienst in Gablingen angeblich bis nach Afghanistan. Findet auch ein Austausch mit der amerikanischen NSA statt? Eine schwierige Spurensuche.

Von Stefan Mayr

Das "große Ohr" von Gablingen ist eines der außergewöhnlichsten und geheimnisvollsten Bauwerke Schwabens. Das kreisrunde Metallgestänge ist von der Bundesstraße B 2 zwischen Augsburg und Langweid nicht zu übersehen. Die Monsterantenne hat 300 Meter Durchmesser und ist mehr als 30 Meter hoch, angesichts dieser Ausmaße ist der Kosename "Elefantenkäfig" gnadenlos untertrieben. Hier könnte man auch ein Brachiosaurus-Rudel einsperren, dann wäre noch immer reichlich Platz. Jeder Schwabe hat schon mal von der Lauschstation gehört. Doch kaum einer weiß, was hinter dem hohen Zaun vor sich geht. Auch der Landrat nicht und auch der Bürgermeister nicht.

Offiziell ist hier die "Fernmeldestelle Süd der Bundeswehr" stationiert, so steht es an der Pforte. Doch das ist nur die Legende zur Tarnung. Spätestens seit 2003 ist klar, dass im Elefantenkäfig einzig und allein der Bundesnachrichtendienst (BND) das Kommando hat. Damals, während der Diskussion um den Umzug des BND von Pullach nach Berlin, sagte SPD-Landtagsfraktionschef Franz Maget: "Ich habe die Zusicherung erhalten, dass die beiden anderen BND-Standorte in Bayern - Bad Aibling (Oberbayern) und Gablingen - erhalten und ausgebaut werden."

Doch es gibt viele weitere offene Fragen: Betreibt hier sogar die NSA (National Security Agency), der geheimste aller US-Geheimdienste, eine Außenstelle, um deutsche Telefonate und E-Mails abzusaugen? Gibt es unter der Antennenanlage wirklich zwölf unterirdische Stockwerke, von denen auch seriöse Medien berichten? Und dann ist da noch das Gerücht, es existiere sogar ein Tunnel ins 15 Kilometer entfernte ehemalige Augsburger MBB-Werk, den die Nationalsozialisten gegraben haben sollen. Die Klärung dieser Fragen und Gerüchte ist nicht einfach; Bislang durfte noch kein Journalist das Areal betreten. Stattdessen gibt Dienststellenleiter Alois Nöbauer eine kurze Stellungnahme ab. "In der Fernmeldestelle Süd der Bundeswehr wird militärischer Kurzwellenfunk außerhalb von Deutschland aufgeklärt", schreibt er per E-Mail. Diese Aussage darf man wohl getrost als Täuschungsmanöver einordnen; Militärische Aufklärung findet in Gablingen eben nicht statt. Wie jeder BND-Standort hat auch Gablingen zur Tarnung eine offizielle Legende - und für den internen Gebrauch auch einen Codenamen. Er lautet: Drehpunkt.

Was im Drehpunkt wirklich passiert, beschreibt der Weilheimer Publizist und Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom so: "Gablingen und Bad Aibling sind weltweit zentrale Fernmelde-Aufklärungs-Anlagen, die es dem BND ermöglichen, auf der Schiene der Satelliten-Kommunikation und des Richtfunks den relevanten Datenverkehr zu analysieren." Die sogenannte "Fernmeldeweitverkehrsstelle der Bundeswehr" von Bad Aibling, besser bekannt als "die Golfbälle", sind für die Satelliten-Aufklärung zuständig. Im Gablinger Elefantenkäfig wird dagegen der Richtfunk abgehört. "Hier werden Fernmeldeströme aus dem Nahen und Mittleren Osten, die per Richtfunk über das Territorium der Bundesrepublik gehen, mit Analyse-Tools der NSA abgehört", sagt Schmidt-Eenboom. Er geht auch davon aus, dass Erkenntnisse aus Gablingen an die NSA weitergeleitet werden. "Technische Erkenntnisse werden in die NSA-Zentrale nach Fort Meade geschickt." Auch bezüglich Osteuropas gebe es "gewiss immer noch" eine Kooperationsvereinbarung - als Relikt aus Zeiten des Kalten Krieges, als die Amerikaner in Gablingen stationiert waren und durch den Eisernen Vorhang lauschten. Damals konnten die US-Streitkräfte mithilfe von Gablingen und Bad Aibling nicht nur Funksprüche aus dem Ostblock abhören, sondern auch genau lokalisieren. "Die Quelle wurde von verschiedenen Orten angepeilt", berichtet Erich Schmidt-Eenboom, "wo sich die Richtstrahlen trafen, kam der Funkspruch her." Dieses Antennen-Netzwerk hieß "Iron Horse" und funktionierte weltweit. Das tut es auch heute noch - angeblich bis nach Afghanistan.

Das 123-Hektar-Areal in Gablingen diente im Zweiten Weltkrieg als Militärflugplatz. Nach dem Krieg kam das US-Militär und baute den Elefantenkäfig. Bis 1998 war es hier stationiert mit mehr als 1000 Mann und der NSA. Einer der zahlreichen Amerikaner, die hier ihren Dienst taten, war Keith Alexander, der heutige Chef der NSA. Der ranghöchste Lauscher der USA erlernte sein Handwerk unter anderem im Gablinger Elefantenkäfig.