1993 grölten Soldaten im Zug nach Reichenhall rechte Parolen, in Afghanistan posierten einige Jahre später zwei Soldaten mit Totenschädeln für Erinnerungsfotos, 2007 wurde ein Hauptgefreiter aus Mittenwald verurteilt, weil er bei einer Schießübung "Stirb, du Jud'" gebrüllt hatte. Und in Afghanistan erschoss ein Gebirgsjäger 2010 einen Kameraden. Der 21-Jährige hatte mit der Waffe auf ihn gezielt, ein Schuss löste sich.
Alles Einzelfälle, darauf beharren die Befehlshaber der Gebirgsjäger. In Zeiten, in denen die Wehrpflicht Geschichte und die Bundeswehr zu einem Arbeitgeber unter vielen geworden ist, könnten diese Einzelfälle jedoch Bewerber abschrecken - oder gar die falschen anlocken. Selbst Ausbilder berichten davon, dass bei Rechtsextremen der Dienst in der Reichenhaller Kaserne besonders beliebt sei - und sie ist noch heute nach dem Nazi-General Rudolf Konrad benannt.
Wir haben Fehler gemacht und es sind die Maßnahmen ergriffen worden, die zu ergreifen sind", sagt General Langenegger wenige Wochen nach der Kritik am Tag der offenen Tür. Die internen Ermittlungen sind mittlerweile abgeschlossen, über ihr Ergebnis erfährt man nichts. Der General hat gegen die Soldaten ermittelt, die das Modelldorf aufgebaut haben, und gegen den Verantwortlichen für den Tag - das war er selbst.
Die Soldaten der Gebirgsjägerbrigade 23 sprechen nur ungern über jenen Tag der offenen Tür, sie sind genervt. Gerade erst sind sie aus Afghanistan zurückgekommen. Sie waren monatelang in Mazar-e- Sharif, Faizabad oder Baghlan stationiert, haben Taliban bekämpft, in Gefechten ihr Leben riskiert. Über ihren Rückkehrer-Appell schrieb dennoch nur die Lokalpresse, über den verunglückten Tag der offenen Tür dagegen Zeitungen aus der gesamten Republik. "Beim Schützenverein wird auch nichts anderes gemacht, da stört es aber keinen", sagt ein Oberfeldwebel, der anonym bleiben will.
Wie viele Kameraden wittert er hinter dem Ganzen eine Kampagne von Linken. Schließlich hat das linkslastige Aktionsbündnis "Rabatz" die Fotos vom Tag der offenen Tür an die Zeitungen verschickt.
Schon seit Monaten fordern pazifistische, linke sowie autonome Gruppierungen die "Entnazifizierung und Entmilitarisierung" Bad Reichenhalls. Etwa 200 Menschen marschierten im Mai durch die Kurstadt, sie demonstrierten gegen "rechte Traditionspflege, Nazis und den militaristischen, nationalistischen deutschen Normalzustand". Grund dafür: Die Reichenhaller Ortsgruppe des Kameradenkreises der Gebirgsjäger veranstaltet jährlich das sogenannte Kreta-Gedenken.
Die Kameraden treffen sich dafür an einer Brücke über die Saalach, nicht weit von der Kaserne entfernt, an einem Gedenkstein. Er erinnert an die 248 Reichenhaller Gebirgsjäger, die 1941 bei der Eroberung Kretas starben. Die Brücke selbst hat Reichenhalls Stadtrat in den 60er Jahren "Kreta-Brücke" taufen lassen. Auf und vor Kreta starben jedoch nicht nur besonders viele Soldaten aus Reichenhall, bei Massakern der Gebirgsjäger auf der Insel starben auch Hunderte Einheimische. Für den Vorsitzenden des örtlichen Kameradenkreises, Manfred Held, sind sie kein Thema: "Ich will nicht über Kriegsverbrechen reden, wenn ich der Gebirgsjäger gedenke."