Zugunglück:Die Suche nach dem Warum geht weiter

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Zugunglück: Zwei aufgeschnittene Zugwaggons liegen in der Nähe der Unglücksstelle bei Burgrain auf einem Betriebshof.

Zwei aufgeschnittene Zugwaggons liegen in der Nähe der Unglücksstelle bei Burgrain auf einem Betriebshof.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Die Aufräumarbeiten nach dem schweren Zugunfall bei Garmisch-Partenkirchen werden noch eine Weile dauern - und erst recht die Ermittlungen zur Ursache. Um eine Verletzte wird noch immer gebangt.

Von Maximilian Gerl

Der Verkehr rollt wieder in Garmisch, zumindest abseits der Schiene. Die Autobahn ist wieder frei, die Bundesstraße ebenfalls. Doch auf den Gleisen stehen noch Teile des Regionalzugs. Vergangenen Freitag entgleiste er im Ortsteil Burgrain, fünf Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Die Waggons, die teils am Hang lagen wie von Riesen hingeworfen, sind inzwischen geborgen. Die Lok und ein weiterer Waggon warten am Donnerstag darauf, über die Schienen von Norden her abtransportiert zu werden. Dazu muss in den kommenden Tagen aber erst das Gleis instandgesetzt werden, ist zu hören, damit ein Schienenkran zur Unfallstelle fahren kann. Diese wurde von der Polizei noch nicht vollständig freigegeben.

Die Aufräumarbeiten bei Garmisch-Partenkirchen werden sich also wohl noch eine Weile hinziehen - und erst recht die Suche nach dem Warum. Schnelle Antworten sind angesichts der komplexen Materie nicht zu erwarten, trotz des Aufwands, der bislang dafür betrieben wird. Rund 40 Ermittlerinnen und Ermittler sind nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd mit dem Fall befasst, externe Sachverständige und das Bergungspersonal am Unfallort nicht eingerechnet. Man wolle mit möglichst allen Zuginsassen reden, sagt ein Sprecher: Der Lokführer etwa sei schon angehört worden. Die bereits sichergestellten Waggons seien unweit der Unfallstelle gelagert worden, damit Gutachter sie in Augenschein nehmen. Aus der Kombination von Zeugenaussagen und technischen Untersuchungen hoffe man dann, den Unfallhergang "minutiös" nachvollziehen zu können.

Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt derweil weiter gegen drei Mitarbeiter der Deutschen Bahn wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung. Wie in allen anderen Fällen gilt bis zum endgültigen Abschluss des Verfahrens die Unschuldsvermutung. Die Suche nach der Ursache selbst konzentriert sich bislang auf technische Defekte, wobei deren potenzielle Palette breit ist. Entsprechend vorsichtig äußern sich Expertinnen und Experten. Markus Hecht, Professor an der Technischen Universität Berlin, vermutet defekte Gleise. "Es kommt eigentlich nur eine Gleisverwerfung als Ursache in Frage", sagte er der Wirtschaftswoche. Diese könne zum Beispiel von einem Instandhaltungsfehler herrühren. Stark vereinfacht verformen sich die Gleise nach und nach durch das Gewicht der Züge. Werden die gefundenen Abweichungen nicht gleich behoben, werden die betroffenen Passagen zu Langsamfahrstellen erklärt. Ein Foto von der Unfallstelle zeigt denn auch ein verbogenes Gleis - das aber vermutlich erst durch den Unfall selbst, durch das Ausscheren der tonnenschweren Doppelstockwagen, so deutlich sichtbar deformiert wurde.

Die Langsamfahrstrecken seien Beleg für den Sanierungsbedarf

Thomas Strang, Experte für Kommunikation und Navigation am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, plädiert hingegen dafür, über zusätzliche Sicherungsmaßnahmen nachzudenken. Natürlich trage zu solchen Unglücken meist ein Mensch etwas bei, "indem er irgendetwas übersehen hat", sagte er der Deutschen Presseagentur. Der Fehler eines Einzelnen dürfe aber nicht zu einem Unfall führen. Der grundsätzliche Fehler liege daher im System, in fehlenden Redundanzen. Dass Sanierungsbedarf bestehe, zeigten die vielen ausgewiesenen Langsamfahrstrecken.

Bei allen Ungewissheiten, welchen Anteil die Schieneninfrastruktur am Unglück trägt, nährt deren Zustand trotzdem alten Streit. Für die Werdenfelsbahn wurden ja schon häufiger Verbesserungen gefordert: So führe die "hohe Zugfolge" dort immer wieder zu Qualitätsproblemen, heißt es etwa in einer Petition des Fahrgastverbands Pro Bahn von 2020. Generell mahnen Branchenvertreter seit Jahren bundesweit mehr Maßnahmen für Ausbau und Erhalt der Schiene an, soll die Mobilitätswende gelingen. Jedoch fehlt es unter anderem an Fachkräften, ist das Netz vielerorts schon ohne Baustellen am Limit.

In Garmisch-Partenkirchen ist die Betroffenheit auch Tage nach dem Unglück groß. Für Samstag ist ein Gedenkgottesdienst geplant, die Staatsregierung hat deshalb die Trauerbeflaggung all ihrer Dienstgebäude in Bayern für diesen Tag angeordnet. Vier Frauen und ein 13-Jähriger kamen bei dem schweren Unfall ums Leben. Eine weitere Frau befindet sich nach Polizeiangaben immer noch mit kritischem Zustand im Krankenhaus. Die Bahnstrecke bleibt bis auf Weiteres gesperrt.

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