Nach Zugunglück:Lokführer erheben schwere Vorwürfe gegen Bahn

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Nach Zugunglück: Das Zugunglück von Burgrain schockierte Anfang Juni das ganze Land. Ein Regionalexpress entgleiste in der beliebten oberbayerischen Urlaubsregion auf dem Weg von Garmisch nach München.

Das Zugunglück von Burgrain schockierte Anfang Juni das ganze Land. Ein Regionalexpress entgleiste in der beliebten oberbayerischen Urlaubsregion auf dem Weg von Garmisch nach München.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Gewerkschafter mahnen bessere Pflege der Infrastruktur an, so könne Unfällen wie dem von Burgrain vorgebeugt werden. Fünf Menschen starben dabei, nun dürfe kein "Bauernopfer" gesucht werden.

Von Matthias Köpf

Nach dem tödlichen Zugunglück von Burgrain bei Garmisch-Partenkirchen, bei dem am 3. Juni fünf Fahrgäste ums Leben gekommen sind und viele weitere Menschen teils schwer verletzt wurden, richtet die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) schwere Vorwürfe an den DB-Konzern. Beim Aufarbeiten des Unglücks dürfe es nicht darum gehen, "Bauernopfer" wie den Lokführer, den Fahrdienstleiter oder den Streckenverantwortlichen auszumachen, gegen die seit dem Unglücksabend ermittelt wird. Dies betonte der bayerische GDL-Landesvorsitzende Uwe Böhm am Dienstag. Vielmehr sieht die GDL - unabhängig vom konkreten Auslöser des Unfalls - eine systemische Verantwortung bei der Deutschen Bahn und bei den Vorgaben der Politik für das staatseigene Unternehmen.

Gleise und andere Infrastruktur der Bahn müssten als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge begriffen und entsprechend ausgestattet und gepflegt werden, mahnte Böhm. Stattdessen müsse die Infrastruktursparte der Bahn aber schlicht Gewinne abliefern, die dann in irgendwelche anderen weltweiten Aktivitäten des DB-Konzerns flössen. Darüber vernachlässige die Bahn ihr Kerngeschäft und auch ihre Schienenwege. Als ein möglicher Auslöser des Zugunglücks bei Burgrain gelten laut einer Drucksache des Bundestags brüchige Betonschwellen, die dem Gewicht der Züge auf Dauer nicht mehr standgehalten hätten.

Man wolle den Ergebnissen der laufenden Untersuchungen von Polizei, Staatsanwaltschaft, Bahn, Verkehrsministerium und anderen staatlichen Stellen nicht vorgreifen, sondern lediglich Material zur Optimierung dieser Ermittlungen liefern, betonte GDL-Mann Böhm am Dienstag. Zusammengetragen haben dieses Material unter anderem der ehemalige PDS-Bundestagsabgeordnete und Verkehrspolitiker Winfried Wolf sowie der langjährige Landesvorsitzende des Verbands Pro Bahn in Berlin-Brandenburg, Dieter Doege. Beide sehen sich als ausgewiesene Freunde des Schienenverkehrs und zugleich als ausgewiesene Kritiker der Deutschen Bahn. Für ihre Analyse des Unfalls haben sie laut Doege sehr viel Unterstützung von DB-Mitarbeitern bekommen. Diese müssten aber ungenannt bleiben, weil sie intern ansonsten große Schwierigkeiten bekämen.

Ein Umbau der B2 könnte Folgen gehabt haben

Für Böhm, Doege und Wolf ist schon das ein großer Kritikpunkt: Wer auf die Vernachlässigung der teils völlig maroden Infrastruktur hinweise, müsse um seinen Arbeitsplatz oder um weitere Aufträge von der Bahn bangen. So habe es schon vor dem Unglück, bei dem ein Regionalzug entgleiste, drei Waggons umstürzten und zwei davon vom Bahndamm in einen Graben kippten, Hinweise von Lokführern auf den schlechten Zustand des Streckenabschnitts gegeben. Ob diesen Hinweisen jemand nachgegangen sei, wisse man nicht, sagte Doege.

Was den Unfall aus seiner Sicht so folgenschwer gemacht hat, ist ein großer Umbau an der benachbarten B2 vor etwa zwei Jahrzehnten. Damals war der Katzenbach in einen neuen, direkt zwischen den Gleisen und der Straße angelegten Graben verlegt worden - jenen Graben, in den nun die Waggons gekippt sind. Es sei nicht auszuschließen, dass das Wasser des Bachs den Bahndamm instabil gemacht habe. Hätte man bei der Planung der Straße die Sicherheitsbelange der Bahn bedacht, so wäre es womöglich bei einer ebenerdigen Lösung geblieben, die erfahrungsgemäß viel sicherer sei. Außerdem habe der damalige Straßenbau den zweigleisigen Ausbau der Bahnstrecke nahezu unmöglich gemacht. Womöglich hätte demnach auch eine andernorts in Bayern oft eingebaute Führungsschiene ein Herauskippen der Waggons aus der Kurve in den Graben verhindern können.

Die Bahn äußerte sich am Dienstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa zu all dem nicht - weder zu den laufenden Instandsetzungsarbeiten noch zur möglichen Schadenshöhe oder zum Zeitpunkt einer möglichen Wiederaufnahme des Schienenverkehrs.

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