Lina hat eine Samstagsroutine. Wenn alle ihre Hotelgäste in der „Amalie“ versorgt sind, alle Handgriffe getan und es ruhig wird, kontrolliert sie die Lottozahlen. Sie spielt nicht aus Verzweiflung, sie ist überzeugt, dass sie gewinnen wird. Irgendwann passiert es, ein kleiner Schrei, dann steht Lina vor ihrer Enkeltochter Jacqueline, verkündet den Sechser im Lotto.
Es musste ihr geschehen, dieser Frau, die aus armen Verhältnissen kam, die sich hochgearbeitet hat, zufrieden, gastfreundlich, großzügig ist. „Das Glück passiert eben einfach“, resümiert Jacqueline einmal. „Und meiner Großmutter ist es oft passiert. Immer wieder.“
„6 aus 49“ heißt der Roman, in dem dieser Lotto-Sechser beschrieben ist. Wie hoch der Betrag ist, was damit geschieht, das erfährt man nicht. Denn „6 aus 49“ ist viel weniger die Geschichte einer leidenschaftlichen Tipperin als das liebevolle Porträt einer zupackenden, starken Frau, die in den Zwanzigerjahren begann, ihren Weg zu machen vom einfachen Servierfräulein zur Hotelwirtin. Das Glück, es lässt sich auch in die Hand nehmen.
Die Theaterregisseurin Jacqueline Kornmüller erzählt mit „6 aus 49“ die Geschichte ihrer eigenen Großmutter. Lina wurde 1911 in eine kinderreiche Familie mit wenig Hab und Gut geboren, „eine Armut wie ich sie als Kind erlebt habe, gehört verboten“. Mit 13 trat sie ihre erste Stelle an, wurde bald Kupferwäscherin im Münchner Regina-Palast-Hotel am Maximilianplatz, stieg auf zum Servierfräulein.

Kornmüller erzählt dies in verknappten Kapiteln. Einzelne Bilder pickt sie heraus, wie Lina das Menübesteck arrangiert, wie sie mit dem Häubchen auf dem Kopf fremdelt, „ständig musste sie nach oben sehen, ob das Ding auch richtig sitzt. Ungewohnt wie eine Krone“. Die Autorin imaginiert sich in diese Momente hinein, addiert wie im Theater winzige Szenen zusammen, die durch kleine Motive geklammert sind, und entwirft so ein Gesamtbild, eine sonnenwarme Stimmung, durch die sich Linas Leben begreifen lässt.
Und dieses ist ein beeindruckendes. Lina lernt im Regina-Palast-Hotel Maria kennen, eine tiefe Freundschaft entwickelt sich, heute würde man sagen, sie finden in der jeweils anderen ihren Lebensmenschen. Kornmüller muss hier gar keine Emanzipationsgeschichte erfinden. Lina und Maria nehmen ihr Leben in die Hand. Männer gibt es auch, aber die Frauen sind das Zentrum – nicht in Abgrenzung zu den Männern, das spielt auf wohltuende Art überhaupt keine Rolle.
Lina und Maria brechen für eine Saison, so der Plan, in den Süden auf. Sie landen in Garmisch – und bleiben. Zuerst als Angestellte in Hotels, dann übernimmt Lina die „Amalie“ und gemeinsam bauen die beiden etwas auf, das schließlich über den US-Reisejournalisten Arthur Frommer vor allem bei den Amerikanern Berühmtheit erlangt.
Die Wärme liegt im Detail
Aus diesem Stoff ließe sich eine flammende Heldinnengeschichte entwickeln, es ist ein Segen, dass sich die Autorin dafür nicht interessiert. Kornmüller pumpt nicht auf, sie bleibt an der bescheidenen Realität, dass sich aus viel Kleinem Größeres formt. Die Spannung, die Wärme, der Witz, sie liegen im Detail.
Natürlich gibt es auch die Schatten, die Nazi-Zeit und ihre Verbrechen, die mangelnde Aufarbeitung. Die Ortsgeschichte von Garmisch-Partenkirchen schreibt sich in den Roman ein. Genauso wie auch Familiengeschichte und Bruchstücke aus Jacqueline Kornmüllers eigener Biografie. Die Autorin hatte zu ihrer Großmutter offensichtlich eine besondere und enge Beziehung. „In meinem Leben war Lina sicherlich mein persönlicher Sechser im Lotto. Vor allem, weil sie etwas Liebevolles, etwas Konstantes und zugleich Irrlichterndes hatte“, heißt es an einer Stelle.
Was ist Fiktion, was ist persönliche Erinnerung, was ist historischer Fakt? In „6 aus 49“ fließt das ineinander, einiges lässt sich leicht überprüfen. Doch wozu? In erster Linie ist dieser Roman das Porträt einer außergewöhnlichen Frau, das durchflutet ist von der Zuneigung der Autorin.
Jacqueline Kornmüller: „6 aus 49, Roman“, Galiani Berlin, 224 Seiten, 23 Euro. Die Autorin geht auf Lesereise, Auftakt ist am 15. und 16. September in Garmisch-Partenkirchen (Buchhandlung Adam und Literarischer Stadtspaziergang), 17. September Augsburg (Schlossersche Buchhandlung), 18. September Neusäß (Bücher-Max), 19. September München (Glockenbachbuchhandlung); weitere Termine unter www.galiani.de

